Allergiker können kurz aufatmen

Hasel, Birke oder Erle? Welche Pollen derzeit fliegen und warum es für Heuschnupfengeplagte dieses Jahr Hoffnung gibt.

Birkenpollen: Auslöser der Allergie sind meistens Proteine im Innern. Foto: Getty Images

Birkenpollen: Auslöser der Allergie sind meistens Proteine im Innern. Foto: Getty Images

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Es grünt und blüht immer früher. Seit den 1980er-Jahren hat sich der Zeitpunkt, zu dem Pflanzen aus dem Winterschlaf erwachen, um rund zwei Wochen nach vorne verschoben. Für Allergiker heisst das, noch früher niesen, Augen reiben, schniefen. Verantwortlich dafür ist die Klimaerwärmung. Die Hasel beispielsweise blüht heute rund 15 Tage früher als noch vor 50 Jahren, die Erle 13 Tage früher.

Nicht nur die Wärme, auch die Luftfeuchtigkeit spielt eine Rolle. Die Pollen platzen häufiger auf und setzen so ihre Allergene frei. Mög­licherweise führt der höhere CO2-Gehalt in der Luft auch dazu, dass die Pflanzen mehr Biomasse und mehr Blütenstaub produzieren.

Besonders heftig hat es dieses Jahr das Tessin erwischt. Schon kurz nach Weihnachten konnten die Experten von Meteo Schweiz in Lugano mässige Haselpollen­konzentrationen messen, das viertfrüheste Datum seit Messbeginn. ­Meteo Schweiz gibt den Pollen­kalender heraus, auf dem die 14 wichtigsten allergenen Pflanzenarten erfasst sind. Dabei sind sechs Pollenarten für rund 90 Prozent der Heuschnupfenfälle verantwortlich: Hasel-, Erlen-, Birken-, Eschen-, Gräser- und Beifusspollen.

Warum ausgerechnet diese Pollen so stark allergen wirken, ist nicht genau bekannt. Klar ist, dass Allergiker fast ausschliesslich auf Pollen von Pflanzen reagieren, die der Wind bestäubt. Die Pollen von Pflanzen, die Insekten bestäuben, finden sich nicht in so hohen Konzentrationen in der Luft.

«Die Belastung dauert meist rund vier Wochen»

Viele Menschen sind nicht nur auf eine Pollenart allergisch, sondern auf die Pollen verwandter Pflanzen. Haseln, Erlen und Birken gehören beispielsweise alle zur Familie der Birkengewächse (Betulaceae), weshalb ein Birkenallergiker oft auch schon zu leiden beginnt, wenn die Haseln blühen. Weil sie miteinander verwandt sind, enthalten ihre Samen wahrscheinlich ähnliche oder vielleicht sogar die gleichen Allergene.

Dabei ist es nicht der ganze Pollen, der Allergiker schnupfen und niesen lässt. Es sind Substanzen in seinem Innern, meistens Proteine. ­Einige dieser Allergene sind identifiziert. Auf ein Protein namens Bet v 1 beispielsweise reagiert das Immunsystem, als ob es ein töd­liches Virus bekämpfen müsste. Bet v 1 ist eines der Hauptaller­gene in Birkenpollen.

Was wann in der Luft herumschwirrt, ist stark vom Wetter und Klima beeinflusst. «Bei den Pollenkonzentrationen gibt es zudem grosse regionale Unterschiede», sagt Regula Gehrig, die sich bei Meteo Schweiz mit den Pollenmessungen beschäftigt.

Der Januar war in der Deutschschweiz der Jahreszeit entsprechend kalt. Deshalb hielten sich die Haselsträucher im Norden eher an den langjährigen Durchschnitt. Schon im Januar registrierten die Messstationen von Meteo Schweiz zwar einzelne Haselpollen. So richtig zu blühen begannen die Sträucher aber erst Mitte Februar. Weil der Februar sehr warm und sonnig war, stieg die Konzentration der Haselpollen schnell an und erreichte ab Mitte Februar hohe bis sehr hohe Werte.

Besonders eilig haben es nun die Birken. Eigentlich würden sie im Mittelland erst Anfang April zu blühen beginnen, in Basel gegen Ende März. Doch in Basel fliegen die Birkenpollen schon jetzt, für die übrige Alpennordseite erwartet Gehrig diese Woche einen starken Anstieg. «Die Belastung dauert meist rund vier Wochen», sagt die Expertin.

In den Bergen folgt die Blüte später. Im Wallis und im Tessin kann es deshalb passieren, dass sich die von Heuschnupfen Geplagten noch länger ärgern müssen. Der Wind kann die Pollen dort von später blühenden Bäumen in den Bergregionen in die Täler blasen, auch wenn die Blüten dort schon verwelkt sind.

Haare am Abend waschen

Allerdings gibt es dieses Jahr auch Hoffnung für Allergiker. Das letzte Jahr war ein besonders heftiges. Die Pollenbelastung war ausser­gewöhnlich hoch. Es gab viele neue Rekorde bei der Stärke der Belastung durch Hasel, Erle, Birke, Esche und Eiche.

Während der Birkenblüte im April regnete es zudem kaum, was die Situation verschlimmerte. Der Regen wäscht jeweils einen Teil der Pollen aus der Luft. Viele Pflanzen haben in unseren Breitengraden einen Zweijahresrhythmus. Wenn sie sich also in einem Jahr besonders verausgaben mit der Pollenproduktion, fällt das darauffolgende Jahr eher mässig aus. Die Pflanze ist so damit beschäftigt, neue Samen zu bilden, dass sie weniger Blüten macht.

Das Allergiezentrum Schweiz (Aha) gibt Betroffenen verschiedene Ratschläge, wie sie die Pollenbelastung kleinhalten. Wäsche sollte man nicht im Freien aufhängen, weil die Pollen am feuchten Stoff kleben bleiben. Allergiegeplagten rät Aha ausserdem dazu, jeweils abends die Haare zu waschen, damit man die Pollen nicht auf dem Kopfkissen verteilt. Auch das Sporttreiben verlegen Betroffene zur Pollenflugzeit am besten nach drinnen. Die jeweiligen Spitzenwerte findet man auf der Website von Meteo Schweiz.

Mitarbeit: Tina Baier

Erstellt: 23.03.2019, 18:59 Uhr

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