Alles lauft Schii

Langlaufen läuft den alpinen Disziplinen zusehends den Rang ab – besonders bei Kindern und Frauen.

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Als um vier Uhr der Wecker klingelt, gilt der erste Gedanke von Landwirt Ruedi Vontobel nicht seinen 26 Mutterkühen. Sein Tag beginnt im Pistenbully. Noch im Dunkeln spurt er die rund 60 Kilometer der Panorama-Loipe am Bachtel, denn seit den vergangenen Jahren sind stetig mehr Langläufer dort unterwegs – jährlich verkaufen die Loipenbetreiber 10 bis 15 Prozent mehr Saisonkarten. Denselben Trend ergibt eine Umfrage bei den anderen grossen Langlaufregionen der Schweiz. Dann erst ist Vontobels Vieh an der Reihe.

Und dazwischen, da schlüpft der Bauer seit Jahrzehnten in die Rolle des legendären Loipenschnurri und schwatzt den täglichen Loipenbericht auf Band – mal im Toggenburger, mal im Bündner Dialekt. Aber immer mit Humor: So hört der Anrufer nicht nur, wann die Skivermietung öffnet und dass es über Nacht «es Muggesäckli» Neuschnee gegeben hat. Sondern auch, dass Rosamunde Pilcher verstorben ist und sich Vontobel seither fragt: «Wer macht jetzt meine Frau noch glücklich?»

Glücklich ist an diesem Tag der kleine Julien Fäh aus Wald ZH. Endlich ist der grosse Tag da: Er darf beim Langlauftraining der Jungmannschaft des Skiclubs am Bachtel reinschnuppern. Am Wintersporttag in der Schule hat der Siebenjährige die nordische Disziplin entdeckt. «Und stürmt seither», sagt Mami Milena Fäh schmunzelnd. Ihr Bub schaut Vontobels Pistenbully nach und tritt dabei aufgeregt von einem Ski auf den anderen. «Im Schnee rennen gefällt mir viel besser, als einfach nur runterzufahren», sagt er.

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So wie Julien Fäh ergeht es in der Schweiz immer mehr Kindern. So stellen die Verantwortlichen der Tourismusorganisation Engadin St. Moritz, fest: «Es sind grundsätzlich immer mehr Leute auf unseren Loipen unterwegs. Aber auffallend häufiger als früher sind es Jugendliche und Kinder.» Dieser Aufschwung bei den jungen Läufern ist schwer in Zahlen zu fassen, da Kinder bis zu ihrem 16. Geburtstag in der Regel kein Loipenticket benötigen. Doch die Inhaber der Sportgeschäfte verkauften oder vermieteten in den vergangenen Jahren häufig Ski für Kinder und Jugendliche, was sie vor zehn Jahren kaum taten.

Milena Fäh streicht ihrem Jungen noch schnell Sonnencreme ins Gesicht. Während neben ihr eine andere Mutter am Reissverschluss ihres Fünfeinhalbjährigen zupft. Er läuft seit etwa einem Jahr im Skiclub mit, wie auch sein um ein Jahr älterer Bruder. Zuweilen trainieren mit ihnen am Mittwochnachmittag bis zu 50 junge Langläufer – Tendenz steigend, wie Vontobel weiss. Während der Ältere an seinen Schuhen pfriemelt, murmelt der Jüngere scheu: «Es ist cool, weil es schnell ist!» Und weg ist der Knirps, sein Bruder fegt hinter ihm den Hang hinunter. Entdeckt hätten die Jungs den Sport auf einem Parcours für Kinder in Davos, sagt die Mutter. «Sie konnten dort auf den Ski ein bisschen toben, Schanzen bauen und spielen.»

Die Langläuferinnen sind auf der Überholspur

Unweit von genau diesem Parcours in Davos betreibt Andy Hofmänner sein Fachgeschäft. Und egal mit wem man sich in der Schweiz über die Entwicklung des Langlaufsports unterhält, früher oder später fällt sein Name. Einst aktiver Sportler in der Juniorenmannschaft, verkauft er Langlaufski, seit er 20 Jahre alt war. Damals im Keller, später in einem Stall, heute im geräumigen Laden direkt an der Loipe.

«Langlaufsport ist effizient. Viele Städter tummeln sich nach Feierabend noch auf der beleuchteten Piste.»Ruedi Vontobel, 59, Gibswil

An diesem Vormittag präpariert der Chef zwei Paar klassische Langlaufski, begutachtet das Fellstück unter der Bindung, das den Latten im Schnee Halt gibt. «Diese sogenannten Fellski gibt es erst seit wenigen Jahren», sagt der Fachmann. Klassische Läufer brauchten sich damit nicht mehr um die zeitraubende Präparierung ihrer Latten mit Wachs zu kümmern. «Und seither wird der klassische Diagonalstil bei den Breitensportlern immer beliebter.»

Hofmänner drückt die Mietski Luisa Pfefferle und Tanja Ulrich in die Hand. Die beiden jungen Frauen machen in Davos Ferien. Und nach drei Tagen auf den Alpin-Ski suchen sie auf den schmalen Latten Abwechslung. Sie wollen ins Dischmatal hinein, dort zu Mittag essen und wieder zurück. «Langlaufen ist körperlich anstrengender, als einfach nur dorthin zu spazieren», sagt Ulrich. Und obschon Pfefferle erstmals und sie selbst das zweite Mal auf klassischen Brettern stehen, zeigen sich die Freundinnen zuversichtlich. «Es ist ein bisschen wie wandern. Vielleicht gelingt es uns nicht perfekt, aber das macht nichts. Wir haben Zeit.»

«Viele Profis der Sommersportarten trainieren im Winter auf den Langlaufski. Das steckt an.»Andy Hofmänner, 64, Davos

Genau so halten es immer mehr Frauen. Das zeigen die Verkaufszahlen des Langlaufpasses, mit dem man für 140 Franken eine Saison lang Zutritt zum gesamten schweizerischen Loipennetz erhält: Vergangenen Winter wurden 30 862 Stück verkauft, 38 Prozent davon an Läuferinnen. In dieser Saison machen die weiblichen Läufer bereits 43 Prozent der 35'031 Passbesitzer aus. Nicht inbegriffen sind dabei die Saison-, Wochen- und Tageskarten der einzelnen Regionen. Hofmänner schätzt deshalb, dass die Frauen bereits die Hälfte der Langläufer stellen.

Auf den Loipen mit Langlaufstar Dario Cologna

Bewaffnet mit Ski und Stöcken, verlassen die beiden Freundinnen Hofmänners Geschäft. Sie schicken sich nach wenigen Schritten an, ihre Bretter zu montieren, als ein dunkel gekleideter Läufer strammen Schrittes an ihnen vorbeimarschiert, seine Ski in den Schnee legt, und noch bevor die Frauen realisieren, dass sie die Loipe mit Olympiasieger Dario Cologna teilen werden, gleitet er elegant von dannen.

Sein Erfolg ist nur einer der Gründe, weshalb der Langlaufsport hierzulande Fahrt aufgenommen hat. Laut Peter Bruggmann, Präsident des Verbandes Sportfachhandel Schweiz, spielt auch das gesteigerte Gesundheitsbewusstsein eine Rolle. «Es gibt mehr Wanderer und Outdoorbegeisterte, davon profitiert der Langlaufsport.» Nordic Walker, aber auch Trailläufer, Triathleten oder Mountainbiker wechseln im Winter auf die schmalen Latten, um ihre Form oder die Motivation nicht zu verlieren.

Zudem lasse der wachsende Wunsch nach Entschleunigung an der frischen Luft die Kassen der Hersteller klingeln. Bruggmann schätzt, dass diese Saison bereits 25 000 Paar Langlaufski in der Schweiz über den Ladentisch gegangen sind. «In den vergangenen drei Saisons verzeichnete der Markt einen Anstieg von jährlich zwischen fünf und zehn Prozent.»

«Im Schnee zu rennen, gefällt mir viel besser, als einfach nur runterzufahren.»Julien Fäh, 7, Wald

Für Hofmänner, in dessen Schaufenster leihweise einige von Colognas Trophäen stehen, kommt hinzu: «Die Elitesportler sind auf denselben Loipen unterwegs wie die Erstlinge. Das motiviert.» Anfangs war er eine One-Man-Show, heute beschäftigt der 64-Jährige im Winter bis zu 15 Angestellte. Parallel zum Laden hat er eine Skischule aufgezogen, in der zu Spitzenzeiten 25 Lehrer unterrichten. Auch an diesem Donnerstagnachmittag. Sechs blutige Anfänger haben sich für einen Skating-Kurs angemeldet – vier Frauen, zwei Männer, Durchschnittsalter 39 Jahre. Skilehrerin Ursina Jud überrascht die Zusammensetzung der Gruppe nicht: «Immer häufiger kommen Leute zwischen 30 und 40 Jahren in den Unterricht», sagt sie. Aber auch Familien und Junge, die nicht mehr bei jedem Wetter und nicht mehr den ganzen Tag auf die Skipisten wollen.

Zudem profitiere der gesamte Langlaufsport davon, dass die neuen Technologien den klassischen Stil weniger aufwendig machen. So werde die Zielgruppe des Langlaufsports viel grösser. Denn: «Der klassische Schritt ist dem natürlichen Bewegungsablauf näher und am Anfang viel einfacher als das Skaten.»

Einfach finden es ihre sechs Schützlinge, die Jud mit auf die Loipe nimmt, tatsächlich nicht: Sie kämpfen mit der Koordination der Skating-Bewegungen und auf den schmalen Latten um ihr Gleichgewicht. Einer von ihnen ist Stefan Fritschi, Stadtrat von Winterthur. Er hat vor allem im Flachen nach kurzer Zeit schon seinen Spass. «Weil es da schon richtig vorwärtsgeht.» Der 46-Jährige will etwas für seine Gesundheit tun und hat sich deshalb zu Weihnachten eine Langlaufausrüstung geschenkt. «Auf diese Weise kann ich nicht mehr kneifen.» Körperlich kommt er in der Lektion von Ursina Jud jedenfalls auf seine Kosten: «Es ist streng, und ich muss noch viel lernen.»

Streng hat es im Langlaufzentrum am Bachtel auch Ruedi Vontobel. Der Chef erledigt in der Beiz den Abwasch, bevor er in den Stall geht. Auch dieser Arbeitstag wird an die 15 Stunden lang sein. «Manchmal habe ich von Schnee und Ski die Nase voll», sagt er. Doch der Schalk in seinen Augen weckt Zweifel. Viel glaubwürdiger klingt der 59-jährige Landwirt, wenn er laut über seine Zukunft nachdenkt. «Ich weiss nicht recht, welche der beiden Lebensaufgaben ich zuerst aufgeben soll.»

Erstellt: 09.02.2019, 20:36 Uhr

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