Alles nur Placebo

Eine Studie zeigt: Viele Ärzte verschreiben homöopathische Mittel, obwohl sie ­wissen, dass diese nur einen Scheineffekt haben.

Gemäss der Studie scheinen zahlreiche Ärzte ein eher unverkrampftes Verhältnis zur Homöpathie zu haben. Bild: Getty Images

Gemäss der Studie scheinen zahlreiche Ärzte ein eher unverkrampftes Verhältnis zur Homöpathie zu haben. Bild: Getty Images

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Rund 4000 niedergelassene Ärzte praktizieren im Kanton Zürich. Knapp jeder vierte, also etwas weniger als 1000, verschreibt regelmässig Rezepte für homöopathische Heilmittel; auf die Schweiz hochgerechnet, sind das rund 4200 niedergelassene Ärzte. Und viele von ihnen tun dies, obwohl sie eigentlich wissen, dass homöopathische Kügelchen keine spezifische Wirkung haben, sondern nur einen Placeboeffekt. Dies ist das erstaun­liche Fazit einer aktuellen Studie des Instituts für Hausarztmedizin an der Universität Zürich.

Die Idee für die ungewöhnliche Studie sei ihnen bei einem Mittagessen gekommen, erzählt Stefan Markun, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Leiter der Studie. «Wir merkten, dass wir gar ­keine Ahnung haben, wie häufig Homöopathie ärztlich verschrieben wird. Und wir fragten uns auch: Was glauben die Ärzte? Warum verschreiben sie das?»

Das Forscherteam um Markun entwickelte daraufhin einen Frage­bogen und verschickte diesen an alle niedergelassenen Ärzte im Kanton Zürich. Gut 1500, also rund 38 Prozent, machten bei der Umfrage mit. Dabei gaben knapp 23 Prozent der Ärzte an, sie hätten in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal Homöopathika verschrieben oder Patienten zu einer homöopathischen Behandlung überwiesen, wie Markuns Team kürzlich im Ärzteblatt «Swiss Medical Weekly» berichtete. Diese Gruppe wurde in der Studie als «Verschreiber» bezeichnet, der Rest als «Nichtverschreiber». 40 Prozent der Verschreiber verkaufen die Kügelchen in ihrer Praxis.

Pragmatisch, aber ethisch problematisch

Zwischen den verschiedenen medizinischen Spezialisierungen fanden die Forscher grosse Unterschiede. Am häufigsten verschrieben praktische Ärzte die Zuckerkügelchen, gefolgt von Kinder- und Frauenärzten, am seltensten Neurologen und Dermatologen. Er sei «extrem offen» an die Studie herangegangen, sagt Markun. «Ich war dann aber schon etwas überrascht, wie viele schulmedizinisch ausgebildete Ärzte Homöopathika verschreiben.»

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Fast noch erstaunlicher sind die Motive der Ärzte, wie das Zürcher Team herausgefunden hat. Nur jeder zweite verschreibende Arzt rezeptiert demnach die Zuckerkügelchen, weil er an spezifische Effekte der Homöopathika glaubt, jeder fünfte Verschreiber hält aber nichts von homöopathischen Theorien wie dem Ähnlichkeitsprinzip oder dem Wassergedächtnis. Das heisst: Etwa jeder 20. Arzt gibt die Kügelchen ab, weil seine Patienten dies einfordern oder weil er auf den Placeboeffekt setzt, der mitunter ziemlich stark sein kann.

Diese Haltung mag pragmatisch scheinen, ethisch ist sie problematisch. «Ärzte, die Homöopathika verschreiben, ohne an deren spezifische Wirkung zu glauben, bewegen sich auf dünnem Eis», sagt Markun. Heute sei man der Ansicht, man dürfe Patienten auf keinen Fall hintergehen oder ihnen Informationen vorenthalten. Weniger klar sei die Situation, wenn Patienten explizit eine homöopathische Behandlung verlangen. «In diesem Fall muss der Arzt aktiv keine Täuschung vornehmen, weil der Patient schon in einer Täuschung lebt.»

80 Prozent heissen Kügelchen gut

Dass Schweizer Ärzte den Placeboeffekt gerne und oft nutzen, und zwar aus verschiedensten Gründen, konnte ein Team um Margrit Fässler und Nikola Biller-Andorno vom Institut für Biomedizinische Ethik an der Uni Zürich schon vor ein paar Jahren zeigen. Sie setzen dabei am ehesten auf sogenannt unreine Placebos, das sind zum Beispiel Vitamininfusionen, die zwar bei einem Vitaminmangel helfen, Krebspatienten aber keine Besserung bringen.

Markun und sein Team fragten die Ärzte auch nach den Indikationen für die Verschreibung von Homöopathika. Demnach heissen 80 Prozent der Verschreiber die Kügelchen gut bei unspezifischen Symp­tomen, wo die Schulmedizin nur ungenügend helfen kann, 70 Prozent, um Selbstheilungskräfte zu aktivieren. 63 Prozent der Verschrei­ber, aber 74 Prozent der Nichtverschreiber sehen in der Homöo­pathie eine Möglichkeit, den Placeboeffekt auszunutzen, wohingegen nur 41 Prozent der Verschreiber und 7 Prozent der Nichtverschreiber glauben, dass die Homöopathie mindestens so effektiv wirke wie die Schulmedizin, aber weniger Nebenwirkungen habe.

Empathie und Aufmerksamkeit

Die Studienresultate würden darauf hindeuten, dass die Ärzte ein eher unverkrampftes Verhältnis zur Homöopathie hätten, sagt Markun. «In der Öffentlichkeit ist die Debatte sehr stark polarisiert, aber bei den Ärzten sehen wir viel Toleranz.» Viele Mediziner, auch solche, die selber keine Homöopathika verschreiben, fänden es nicht total daneben, wenn man Kügelchen abgebe in Situationen, wo man sonst nichts machen könne.

Im Gegensatz zu Ländern wie den USA, wo homöopathische Heilmittel den Hinweis tragen müssen, dass es keine wissenschaftliche Evidenz für eine Wirkung der Produkte gebe, sind Homöopathie und andere Methoden der alternativen Medizin in der Schweiz weitverbreitet und beliebt. Die Kosten für fünf ­alternative Methoden, Homöo­pathie inklusive, werden seit 2012 von der Grundversicherung übernommen. Auf die Frage, ob sie Homöopathie als Pflichtleistung der Grundversicherung sinnvoll fänden, antworteten aber weniger als 30 Prozent der Ärzte mit Ja, über 60 Prozent mit Nein.

Markun hofft, dass die Studie eine Debatte unter Ärzten auslöst, aber auch, dass diese ihre Verschreibungspraxis hinterfragen. Jene Ärzte zum Beispiel, die an die Wirkung der Homöopathie glauben, sollten überlegen, ob nicht Empathie und Aufmerksamkeit eine bessere Erklärung für die ­Wirkung wäre als «abstruse Theorien», etwa zum Gedächtnis von Wasser. Und jene, die nicht daran glauben, sollten überdenken, in welchen ­Situationen und auf welche Weise man den Placeboeffekt ethisch und medizinisch vertretbar ausreizen kann.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 25.11.2017, 19:08 Uhr

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