Alpiq kündigt neue Sparrunde an

Die Strompreise steigen weniger kräftig als gedacht – dafür eilen die Kosten davon.

Neu das Kerngeschäft von Alpiq: Blick in den Reaktor von Leibstadt. Foto: Reuters

Neu das Kerngeschäft von Alpiq: Blick in den Reaktor von Leibstadt. Foto: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Geplant war der grosse Befreiungsschlag von Jasmin Staiblin. Mit einem Schlag sollte der marode Stromkonzern Alpiq schuldenfrei werden. Die Börse dankte es mit einem Kurssprung von 6,3 Prozent. Doch die Euphorie ist schnell verflogen. Drei Wochen nachdem Alpiq bekannt gegeben hat, dass sie ausser den Kraftwerken fast alle Geschäftsfelder verkauft, ist der Aktienkurs praktisch wieder auf demselben Niveau wie vorher. Und die Probleme sind die alten, nur verschärft.

«Der Rest ist nun das Kerngeschäft von Alpiq», sagte Staiblin vor drei Wochen. Doch nun fragt sich: Wie werthaltig ist dieser Kern? Das ist umstritten. Die Beteiligungen von Alpiq an den Atomkraftwerken Gösgen und Leibstadt stehen noch immer mit 755 Millionen Franken in ihren Büchern. Im vergangenen Jahr wurden sie gar noch aufgewertet. Die 755 Millionen stehen im scharfen Gegensatz dazu, dass Verwaltungsratspräsident Jens Alder die Beteiligungen im Herbst 2016 für einen Franken an den französischen Stromkonzern EDF verkaufen wollte. Auf die Frage, ob sich die Bewertung heute noch rechtfertige, meint Alpiq-Sprecher Richard Rogers: «Ja», weist aber gleichzeitig darauf hin, dass «wie bei der Wasserkraft auch bei der Kernenergie die Preise im freien Markt derzeit unter den Gestehungskosten liegen».

AKW bis 2021 defizitär, Wasserkraftwerke bis 2025

Gleichzeitig steigen die Stilllegungskosten für die Schweizer Atomkraftwerke. Das Energiedepartement hat sie diese Woche um eine Milliarde höher als bisher geplant veranschlagt. Diese Tatsache ändert laut Rogers nichts an deren Bewertung in der Bilanz.

Stutzig macht auch, dass sich die Aussichten auf die künftigen Erträge seit Herbst 2016 nicht etwa verbessert, sondern verschlechtert haben. Die meisten Fachleute rechnen zwar nach wie vor mit steigenden Strompreisen, allerdings werden sie in absehbarer Zeit nur geringfügig steigen. Das auf den Energiemarkt spezialisierte Unternehmen Pöyry Management Consulting hat Ende vergangenen Jahres seine Strompreisprognosen um rund 20 Prozent gesenkt. Das führt dazu, dass Alpiq mit seinen AKW frühestens 2021 wieder zu kostendeckenden Preisen Strom herstellen kann. Auch da sieht Rogers keinen Handlungsbedarf.

Zum heutigen Stand sind aber auch die Wasserkraftwerke defizitär. Sie werden laut Pöyry-Prognose erst 2025 kostendeckend produzieren. Alpiq berechnet den Wert der Wasserkraftwerke zu einem guten Teil nach der sogenannten Dis­counted-Cashflow-Methode. Der resultierende Wert hängt im Wesentlichen davon ab, wie hoch die zukünftigen Erträge sind und mit welchem Zinssatz man rechnet. Je höher der Zins, desto tiefer der Wert der Anlagen. Abhängig ist der Zinssatz vom angenommenen Ertragsrisiko. Dieses ist bei Alpiq grösser als bei den meisten anderen Stromkonzernen der Schweiz. Der Grund: Alpiq hat im Gegensatz zu den Stadtwerken keine Endkunden, denen sie den Strom verrechnen kann, sondern Grosskunden, die am freien Markt einkaufen können.

Grafik vergrössern

Doch Alpiq rechnet mit dem tiefsten Zinssatz von 4,6 statt wie üblich 5,6 Prozent. Das führt zu Bewertungen, die rund 10 Prozent über denjenigen der Konkurrenz liegen. Dazu Rogers: «Der Wert ist – im Branchenvergleich und angesichts des aktuellen Zinsumfeldes mit langfristigen Negativzinsen – für das Kraftwerksportfolio von Alpiq gut gewählt.» Die Wirtschaftsprüfungsfirma EY schreibt in ihrem Revisionsbericht allerdings von «Schätzungsunsicherheiten». Bei diesen geht es geschätzt um eine halbe Milliarde Franken.

Neben den Bewertungsfragen ist auf operativer Ebene noch nicht alles im grünen Bereich. So besteht auch nach dem Verkauf von Unternehmensteilen, die bisher drei Viertel der Belegschaft beschäftigten, noch immer eine Unternehmenszentrale mit 300 Mitarbeitern. Sie wird wohl kräftig schrumpfen müssen.

Rogers kündigt denn für den Rumpfkonzern auch bereits eine weitere Restrukturierung an: «Im Zusammenhang mit der Transaktion werden die Alpiq-Strukturen erneut überprüft. Das heisst, dass die Grösse und Kostenstrukturen der Corporate-Funktionen in Bezug auf die zukünftigen Geschäftsaktivitäten überprüft werden.» Es steht also ein weiterer Stellenabbau bevor. Ob auch der Lohn der Konzernchefin von knapp 2 Millionen Franken den neuen, viel kleineren Strukturen angepasst wird, will er nicht sagen. Rogers: «Die Vergütung der Konzernleitung ist Sache des Verwaltungsrates und der Generalversammlung.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.04.2018, 20:07 Uhr

Artikel zum Thema

Der Stromkonzern Alpiq wird zerschlagen

SonntagsZeitung Jasmin Staiblin verkauft den erfolgsversprechendsten Geschäftszweig – eine riskante Wette auf höhere Strompreise. Mehr...

Fünf Fragen zur Zerschlagung von Alpiq

Was hinter dem jüngsten Strategieschwenk beim Schweizer Stromkonzern steckt. Mehr...

Alpiq fährt eine Hochrisikostrategie

Analyse Mit dem Verkauf der Industriesparte wird Alpiq zu einem reinen Energiekonzern – und macht sich von einem Faktor abhängig: dem Strompreis. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Nations League mit Delikatesse

Wettermacher Der Name der Hose

Die Welt in Bildern

Heftiges Wortgefecht: Ein palästinensischer Mann und ein israelischer Soldat geraten aneinander wegen der israelischen Order, eine Schule bei Nablus zu schliessen. (15. Oktober 2018)
(Bild: Mohamad Torokman) Mehr...