Als der Wyberhaken weiblich wurde

Am Samstag findet das Eidgenössische Schwingfest der Frauen statt. Das ist Dora Hari zu verdanken, die 1980 das erste Frauen-Schwingfest veranstaltete.

Wie eine Verbrecherin habe man sie behandelt: Pionierin 
Dora Hari in der Stube des Sternen in Aeschi. Bild: Gabi Vogt

Wie eine Verbrecherin habe man sie behandelt: Pionierin Dora Hari in der Stube des Sternen in Aeschi. Bild: Gabi Vogt

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«S Mueti chunnt grad», sagt die Tochter, die gerade drei Teller mit dem «Tageshit» (mariniertes Schweinshalssteak mit Kräuterbutter) durch die Gaststube balanciert. Mit «Mueti» ist Dora Hari, die Pionierin des Frauenschwingsports, gemeint. Sie hat dafür gesorgt, dass 1980 das erste offizielle «Damenschwingfest» ausgetragen werden konnte. Im Dorf Aeschi bei Spiez, hoch über dem Thunersee, auf der Wiese hinter dem Gasthaus zum Sternen. Ihr ist es zu verdanken, dass Mädchen heute ganz selbstverständlich in die Zwilchhosen steigen – wie am kommenden Samstag beim Eidgenössischen Schwingfest in Court BE.

Dora Hari kommt vom Wäschebügeln. Das Gasthaus wird inzwischen von Tochter Doris und Sohn Urs geführt, doch auch mit 86 Jahren hilft die langjährige Wirtin tatkräftig im Sternen mit, «sonst werde ich krank», sie sei halt gern unter Leuten. Treicheln und Plaketten, eine Vitrine mit Medaillen dekorieren die getäferten Wände der alten Gaststube. Auszeichnungen für Schwinger, Schützen und Simmentaler Kühe. Der Schwingclub und der Schützenverein treffen sich hier; das Fleckvieh war der ganze Stolz des verstorbenen Mannes.

Historisch: Eva Bleiker (l.) aus Nesslau SG gewinnt das erste «offizielle» Damenschwingfest. Bild: Keystone

Der Sternen sei das älteste Gasthaus im Berner Oberland, erklärt Dora Hari. Aber nur das zweitälteste im Kanton, man merkt, das wurmt sie. Schon General Henri Guisan habe hier einen Zweier Waadtländer genossen. Die Stube sei exakt wie anno 1531, sie rechnet: «Wie vor 487 Jahren.» Geistig rege will sie bleiben, früher, im Service, war sie blitzschnell im Kopfrechnen. Die rüstige Frau hat viel zu erzählen – und tut das auch gern. «Was weiter wüsse?», eröffnet sie das Gespräch. «Ouuu nei!», selber geschwungen habe sie nie, «choid dr dänke!» Zum Schwingsport sei sie damals wegen dem Bub gekommen, den sie am Sonntag «geng» an die Schwinget begleitet habe – heute ist der Bub Koch im Sternen, zuständig für den «Tageshit».

Aber sie verstehe schon etwas vom Schweizer Nationalsport, sogar «mehr als die anderen». Sie besitze auch ein Buch mit der Beschreibung aller Schwünge. Und wie ­immer habe sie kürzlich bei der ­TV-Übertragung des Schwägalp-Schwinget nicht auf dem Mund sitzen können und alles kommentiert, «das haben die anderen nicht so gern». Es wird sich jedoch kaum ein Gast trauen, sie zurechtzuweisen. Dora Hari ist der Boss in der Sternenstube, ihre blauen Augen sind wach und überblicken alles.

«Wyberschwingen» hielten auch Frauen für deplatziert

Die Berner Oberländerin schwärmt für den eben zurückgetretenen König Sempach Matthias, «ein flotter Mann», sie wird fast etwas verlegen. Trotzdem: Ein Schwingfest der Mannen würde sie nie besuchen, aus Protest, zu strub waren die Zeiten, zu sehr habe sie gelitten. Damals, im Sommer 1980.

Dora Hari erzählt: Mehrere Frauen im Dorf hätten ihr seinerzeit geklagt, sie möchten schwingen, doch ihre Männer liessen sie nicht. Das habe sie geärgert. Also fasste sie einen Plan – begann ein Schwingfest für die Frauen zu organisieren. Im «Emmentaler Blatt» suchte sie per Inserat nach Schwingerinnen. Was dann geschah, hält man heute kaum mehr für möglich: Landauf, landab liefen die Männer Sturm. Aber auch die Mehrzahl der Frauen hätten sie nicht etwa unterstützt: «Ouuuu nei!», auch diese hielten das «Wyberschwingen» für deplatziert.

Der damalige Präsident des Bernisch Kantonalen Schwingerverbandes distanzierte sich «in aller Form vom Anlass, weil Schwingen für Frauen ästhetisch fragwürdig und von der Sicherheit her ungeeignet» sei. Und er drohte jedem Schwinger, der beim Vorbereiten des Festes helfen sollte, mit dem Ausschluss vom Verband. «Das ist doch nur eine Show, eine Verkitschung unseres Wettkampfsports», wetterte Arnold Ehrensberger, der Schwingerkönig von 1977.

Die aktuelle Königin und das Nachwuchstalent: Sonia Kälin (l.) und Sabrina Marty im Schwingkeller von Einsiedeln. Bild: Gabi Voigt

Auch der Gemeindepräsident wollte das Frauenschwingfest verhindern und Dora Haris Ehemann ebenso: «Mueti», habe er eines Tages gesagt, «Mueti, hör jetz uf! Du vertreibst uns die Gäste, und ich verkaufe kein Vieh mehr.» Selten nur sei sie damals aus dem Haus gegangen, blickt die alte Frau zurück. Wie eine Verbrecherin habe man sie behandelt. Viele im Dorf hätten nicht mehr gegrüsst – «aber ich sie auch nicht». Böse Briefe habe sie bekommen, sogar ein Leidzirkular, eine Todesanzeige mit ihrem Namen, anonym natürlich – sie habe allerdings schon ihre Vermutung.

Doch Dora Hari war nicht zu bremsen. Sie ist kein Huscheli, sie habe sich «geng gweert», habe einen harten Kopf, stur könne man auch sagen. Und sie wollte die schwingenden Frauen nicht enttäuschen. Da ihnen der Zutritt zum Schwingkeller von den Männern verwehrt blieb, hat die Wirtin vor dem Sternen einen Ring aus Sägemehl geschaufelt. Die Zwilchhosen musste sie kaufen, da die Männer ihre weggesperrt hatten.

Einige Männer halfen dann doch beim Aufbau des Festes mit, darunter 50 Herren vom Turnverein Aeschi. Alles war parat, samt Holztribüne für 3000 Gäste. Jetzt kommen dann die dicken Weiber!, habe es geheissen. Dora Hari muss zugeben, dazumal seien die Schwingerinnen schon recht beleibt gewesen. Wobei der Stucki Chrigu ja nun auch kein Strich in der Landschaft sei.

Bei den Männern ist der Titel eine Million Franken wert

«Froue i d Hose!», hiess es erstmals am frühen Morgen des 17. August 1980. Schon morgens um sechs war das Dorf im Ausnahmezustand, nicht zuletzt weil der «Blick» das «Wyberschwinget» angekündigt hatte. Reisecars und Autos aus der ganzen Schweiz stauten sich, wurden mitten auf der Strasse abgestellt. 26 Polizisten versuchten, etwas Ordnung ins Chaos zu bringen. Noch vor Mittag ging der Vorrat an Bier und Wurst zur Neige. 15'000 Menschen strömten herbei, die meisten nur zum «Schnöigge», aus Gwunder, wie Dora Hari sagt. Aber sie machten die Sternenwiese zum historischen Ort des Frauenschwingens.

76 Schwingerinnen zwischen 16 und 38 Jahren standen im Ring. Es siegte Eva Bleiker, die ein Rind mit nach Hause ins Toggenburg nehmen durfte. Der Gemeindepräsident habe mit geschwellter Brust mit den feinen Herren vom Nationalrat parliert, erzählt Dora Hari. Und sie, die stolze OK-Präsidentin, habe die Berner Sonntagstracht getragen. «Die schönste und teuerste Tracht», das Mieder mit filigranem Silber geschmückt, die Schürze aus leuchtend violettem Seidendamast. «Heute kann ich die Tracht nicht mehr anziehen», sagt sie leise, «ohne meinen Mann». Die alte Frau schweift ab, erzählt von der schönen Abdankung vor neun Jahren.

Das erste Damenschwingfest war ein voller Erfolg – doch der Gwunder war gestillt. Nie mehr lockten Frauen in Zwilchhosen und Sennenhemd auch nur annähernd so viele Zuschauer an. 1992 wurde der Eidgenössische Frauenschwingverband (EFSV) gegründet, fast genau 100 Jahre nach jenem der Männer. 130 aktive Schwingerinnen zählt der Verband heute, unterteilt in die Kategorien Aktive (ab 16 Jahren), Meitli (ab 10 Jahren) und Zwergli (ab 6 Jahren) – bei den Zwergli schwingen Mädchen und Buben zusammen.

«Eine jährliche Prämierung gibts doch nur bei den Kühen»

Ein-, zweimal im Jahr gehe sie bei den Frauen «gugge», sagt Dora Hari. Besonders Sonia Kälin, die vierfache Schwingerkönigin, hat es ihr angetan: «Sonia ist intelligent, zugänglich, hübsch», beste Botschafterin für den weiblichen Hosenlupf. Doch etwas stört die 86-Jährige: Das Eidgenössische sollte wie jenes der Männer bloss alle drei Jahre stattfinden, denn «eine jährliche Prämierung gibts doch nur bei den Kühen».

Der Respekt ist gegenseitig: Sonia Kälin, 33, aus Egg SZ, ist beeindruckt von Pionierin Dora Hari, «die ihren Grind mutig und beharrlich gegen alle Widerstände durchgesetzt hat». Solche Frauen brauche das Land – auch heute noch. Allerdings würden die ewig gestrigen Nörgler langsam aussterben, «moderne Männer anerkennen unsere Leidenschaft und Athletik». Von den männlichen Schwingern fühle sie sich jedenfalls «sehr gut akzeptiert». Sie hat erreicht, dass Mädchen und Frauen seit zwei Jahren im Schwingkeller der Männer in Einsiedeln trainieren dürfen – inzwischen seien es 18 Schwingerinnen im Alter von 7 bis 39 Jahren, sagt die amtierende Königin nicht ohne Stolz.

Sie selbst überzeugt als Schwingerin mit technischem Geschick und athletischer Klasse statt mit Masse. Und sie beweist: Eine Schwingerin muss kein Mannsweib sein. Sie verzichtet auch im Sägemehl nicht auf lackierte Fingernägel und Make-up – «ich provoziere gern». Viermal hat sie das Eidgenössische gewonnen (2012, 2015, 2016, 2017), 38 Kränze hat sie sich erkämpft. Diese Saison musste sie allerdings wegen einer schweren Knieverletzung Forfait geben. Am bevorstehenden Eidgenössischen wird eine neue Königin gekrönt. Anders als bei den Männern zählt bei den Frauen nicht die Leistung an diesem Tag allein, sondern es werden die Resultate über die ganze Saison bewertet. Als Favoritinnen nennt Sonia Kälin die Bernerinnen Diana Fankhauser und Franziska Ruch, beide hätten einen «sehr aktiven Schwingstil».

Von 56'000 auf 1000 Interessierte

Bei den Männern ist der Königstitel eine Million Franken wert. Die aktuelle Königin kann es sich dank der Sponsoren erlauben, nur 90 Prozent als Sekundarlehrerin zu arbeiten. Das nächste Eidgenössische der Männer findet im August 2019 in Zug statt, 56'000 Zuschauer, so viele wie noch nie zuvor, werden erwartet. Am letzten Eidgenössischen der Frauen – 2017 in Schachen LU – kamen enttäuschenderweise bloss etwa 1000 Interessierte. Und während auf den König ein stattlicher Muni wartet, darf die Königin ein Rind oder Kälbchen mit nach Hause nehmen.

Letztes Jahr hat sich kein einziger Schwingstar am wichtigsten Fest der Frauen gezeigt. Sie könne schon verstehen, dass die Kollegen gerne mal einen freien Samstag geniessen, «aber fürs Eidgenössische dürften sie sich schon aufraffen», kommentiert Sonia Kälin. Gerne hätte man von den Bösen erfahren, was sie vom Frauenschwingsport halten: Die Könige Wenger, Sempach und Glarner sowie Unspunnen-Sieger Stucki liessen über ihre Manager ausrichten, keine Zeit für eine Stellungnahme zu haben. Auch die Jungstars Giger, Wicki und Orlik lassen die Fragen unbeantwortet.

Einzig Daniel Bösch, 30, reagierte: Er freue sich, dass das Frauenschwingen in den letzten Jahren populärer geworden sei, er verfolge die Resultate regelmässig. Sein letztes Frauenschwingfest liege jedoch Jahre zurück, gibt der St. Galler zu, und am Eidgenössischen werde er in den Ferien sein. Aber: Sollten er und seine Ehefrau Sandra einst eine Tochter haben, die schwingen möchte, würde er sie selbstverständlich dabei unterstützen.

Trainieren mit den Burschen

Sonia Kälin wird am nächsten Samstag als Betreuerin ihrer «Mädels» vor Ort sein – sie hofft auf den einen oder anderen Kranzgewinn. Ihren ersten Kranz aus Eichenlaub will sich Sabrina Marty, 17, aus Studen SZ holen. Ihr traut Sonia Kälin eine grosse Zukunft in der Schwingarena zu. Sabrina, 1,72 Meter gross, 80 Kilo schwer, verfüge über den idealen Körperbau, sie schwinge erst seit zwei Jahren, sei aber «voll motiviert, voll im Saft». Sie attackiere von Anfang an, schwinge mit Wucht und Power – es mache grosse Freude, ihr zuzusehen.

Sabrina Marty, stämmige Arme, kräftige Beine, legt ihre Trainingskolleginnen allesamt auf den Rücken. Im Gespräch wirkt sie, im Gegensatz zu ihrer eloquenten Betreuerin, scheu und etwas unbeholfen. Für die Bauerntochter ist es normal, dass Mädchen und Frauen schwingen. Ihr «Grossdädi» habe stets gesagt, «du wirst einmal Königin». Immer schon war sie grösser und stärker als die anderen.

Kürzlich habe sie von einem «jungen Herrn», einem Schwinger, ein Kompliment für ihren «kräftigen Griff» erhalten, erzählt sie. Das freut sie besonders. Sabrina trainiert auch mit den Burschen, so lerne sie, sich am Boden zu wehren. Gefragt nach ihrem Vorbild nennt sie, leicht errötend, Joel Wicki, 21, sowie Samuel Giger, 20.

Ihre Kraft trainiert sie mit dem Tragen des Suppentopfes

Beim Schwingen verzichtet die Schwyzerin auf ihre Brille, es reiche, wenn sie ihre Gegnerin erkenne. Und nein, sie sei im Sägemehl gar nicht eitel. Aber sie lasse jeden Gang filmen, sodass sie ihre Schwünge während der Zimmerstunde im Lehrbetrieb analysieren kann. Sabrina Marty macht eine Ausbildung als Köchin im Landgasthof Seeblick in Gross SZ, wo sie ihre Kraft unter anderem beim Tragen des 20-Liter-Suppentopfes trainieren kann. Sie bevorzugt die Schweizer Küche (Züri-Gschnätzlets mit Rösti), sieht ihr Zukunft aber eher nicht in der Gastronomie: Nach der Lehre will sie die Bäuerinnenschule in Angriff nehmen und z Alp gehen.

Und auch das Fernziel ist klar definiert: «Königin», was denn sonst.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.09.2018, 19:15 Uhr

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