Alzheimer nicht vergessen

Nach dem kompletten Rückzug von Pfizer von der Alzheimerforschung betonen andere Pharmafirmen, weiterhin nach Wirkstoffen zu suchen.

Alzheimerherd im Gehirn: Ist Beta-Amyloid die Haupt­ursache?  Foto: Getty

Alzheimerherd im Gehirn: Ist Beta-Amyloid die Haupt­ursache? Foto: Getty

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Vergangene Woche hat die Firma Pfizer, der grösste Pharmakonzern der Welt, bekannt gegeben, die Forschung und Entwicklung für Alzheimer- und Parkinsonmedikamente komplett einzustellen. Der Konzern wolle sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren, wo er mittelfristig den höchsten Wert für Aktionäre und Patienten erzielen könne. Innerhalb absehbarer Zeit Medikamente gegen degenerative Gehirnkrankheiten zu finden, gehört offenbar nicht dazu.

Die Suche nach Arzneien gegen die Alzheimerkrankheit war bisher von grossen Hoffnungen und zahlreichen Rückschlägen gekennzeichnet. Alzheimer ist die häufigste Form von Demenz, an der weltweit 44 Millionen Menschen erkrankt sind; in der Schweiz sind rund 144'000 Menschen dement.

Die meisten Firmen haben auf Wirkstoffe gesetzt, die Beta-Amyloid unschädlich machen. Dieses Eiweissfragment lagert sich krankhaft im Gehirn ab und lässt Nervenzellen absterben. Die Aufbruchstimmung, als es vor rund 20 Jahren erstmals gelang, das schädliche Molekül mithilfe von Antikörpern aus dem Gehirn zu fischen, ist längst vorbei. Zahlreiche klinische Studien, die darauf abzielten, Beta-Amyloid zu entfernen, sind bisher gescheitert. Pfizer hat das Programm mit seinem Antikörper Bapineuzumab bereits 2012 eingestellt. Auch andere Firmen mussten Misserfolge bekannt geben, etwa 2016 Eli Lilly mit dem Antikörper Solanezumab. Bei den Patienten schritt trotz Behandlung das Vergessen ungebremst fort.

«Wir glauben weiterhin an einen Erfolg»

Andere Unternehmen zeigen sich aber nach wie vor optimistisch. «Wir glauben weiterhin an einen Erfolg», sagt Eva Schier, Pressesprecherin der Lausanner Biotech-Firma AC Immune. Es gebe in dem Forschungsfeld noch viele Firmen, die mit grossem Effort weiter nach Wirkstoffen suchten. «Auch das Interesse der Investoren ist unverändert hoch», sagt Schier.

Die Forscher haben aus den Rückschlägen gelernt, die Probleme analysiert und neue Ansätze entwickelt. Eine grundsätzliche Frage stellt sich aber: Haben die Firmen auf das richtige Molekül gesetzt? Sprich: Ist Beta-Amyloid tatsächlich die Hauptursache für das Absterben der Gehirnzellen?

Stefan Lichtenthaler vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen und der Technischen Universität München versteht die Kritik, dennoch betont er: «Beta-Amyloid ist ganz zentral für die Entstehung der Alzheimerkrankheit.» Lichtenthaler selber forscht an Substanzen, die verhindern, dass Beta-Amyloid überhaupt entsteht, sogenannte Bace-Protease-Hemmer.

Genmutation bei Isländern schützt

Der eindrücklichste Beweis liege in der Natur, sagt Lichtenthaler. Vor einigen Jahren hat Kári Stefánsson, der Gründer der Firma Decode Genetics, eine faszinierende Genveränderung im Erbgut von wenigen Isländern gefunden. Diese Mutation schützt die Träger vor Alzheimer und offenbar auch ganz allgemein vor der Altersvergesslichkeit. Der Grund: Die Genveränderung schwächt die Bace-Protease derart, dass sie sehr viel weniger vom krankhaften Beta-Amyloid bildet.

Lichtenthaler vermutet, dass die bisherigen Versuche, Beta-Amyloid mit Antikörpern zu entfernen oder dessen Entstehung mithilfe von Bace-Protease-Hemmern zu verhindern, bei Patienten schlicht zu spät kamen. «Zu dem Zeitpunkt, wenn heute eine Alzheimerkrankheit sicher diagnostiziert wird, ist bei den Patienten in den am schlimmsten betroffenen Hirnregionen zum Teil bereits die Hälfte der Nervenzellen abgestorben», sagt Lichtenthaler.

Das haben auch Pharmafirmen erkannt. Im Rahmen von Studien versuchen sie nun Menschen zu behandeln, bevor die Krankheit ausbricht. Das Problem dabei: Wie erkennt man eine drohende Alzheimererkrankung schon vor den ersten Symptomen? Zwar gibt es Biomarker wie das Beta-Amyloid, das sich früh im Gehirnwasser nachweisen lässt, und bild­gebende Verfahren, die Ablagerungen im Gehirn sichtbar machen. Noch sind diese Diagnoseverfahren aber zu ungenau und zu teuer.

Daher setzen Forscher und Firmen vorerst auf eine andere Strategie: Sie wählen Betroffene aus, die ein hohes Risiko haben, an Alzheimer zu erkranken. Novartis zum Beispiel behandelt eine Gruppe von Menschen, bei denen eine spezielle Genvariante (ApoE4) doppelt vorkommt. Etwa 14 Prozent aller Menschen sind Träger dieser Genkombination. Sie haben ein bis zu 12-fach höheres Risiko, an Alzheimer zu erkranken, als die Normalbevölkerung.

Untersuchen, was gesunde alte Menschen schützt

Die Firma Roche gibt sich ebenfalls optimistisch bei der Suche nach Arzneien gegen Alzheimer. Pressesprecherin Ulrike Engels-Lange teilt mit, Roche halte Beta-Amyloid weiterhin «für den vielversprechendsten Ansatz». In zwei Studien testet der Basler Konzern die Wirkstoffe Crenezumab und Gantenerumab an Patienten in einem früheren Alzheimerstadium und mit einer höheren Wirkstoffkonzentration als zuvor.

Mit Spannung erwarten Experten in den nächsten Jahren die Ergebnisse von Studien der Firma Biogen. Sie setzt auf einen Antikör­per, den Forscher des Start-up Neurimmune aus Schlieren im Labor entwickelt haben. Das Team hatte untersucht, was gesunde alte Menschen schützt, und nicht, was Alzheimerpatienten krank macht.

Protein namens Tau im Fokus

Beta-Amyloid ist jedoch nicht die einzige Ursache für Alzheimer. Im Gehirn der Patienten finden sich noch zahlreiche weitere Auffälligkeiten. Im Fokus steht seit langem ein zweites Protein namens Tau, das sich im Innern der Nervenzellen ablagert, worauf diese absterben. Je häufiger Tau-Ablagerungen auftreten, desto vergesslicher sind die Patienten. Auch gegen dieses Protein haben Wissenschaftler Wirkstoffe entwickelt. Eine entsprechende Substanz von AC Immune wird derzeit an Patienten getestet. Akute Hilfe für Alzheimer­patienten, die nicht früh genug wirksame Medikamente erhalten, sieht Lichtenthaler zukünftig darin, die massiven Entzündungsreaktionen im Gehirn zu bremsen.

Einig sind sich die Experten, dass es wohl nicht eine einzige Substanz sein wird, die einmal das Nervensterben im Gehirn der Patienten verlangsamen oder gar verhindern kann. Vermutlich werden die Betroffenen Kombinationstherapien mit mehreren Wirkstoffen benötigen. Doch diese Substanzen müssen erst noch entwickelt und getestet werden – von Firmen, die längerfristig am Ball bleiben.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.01.2018, 21:51 Uhr

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