Amerikaner attackieren Schweizer Luftabwehr

Ex-US-Offiziere mischen das Schweizer Rüstungsgeschäft des Jahrhunderts auf. Mit dem VBS streiten sie über den Kauf von Kampfjets und Raketen.

Die bisherigen Abwehrsysteme sollen ersetzt werden: Rapier-Feuereinheit der Schweizer Luftwaffe. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Die bisherigen Abwehrsysteme sollen ersetzt werden: Rapier-Feuereinheit der Schweizer Luftwaffe. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Kritische Fragen, brisante Analysen: Der amerikanische Thinktank Acamar ist daran, das Schweizer Rüstungsgeschäft des Jahrhunderts aufzumischen. Das Team von ehemaligen Luftabwehr-Offizieren der US-Armee stellt nicht nur die demnächst stattfindenden Tests für den Erwerb eines neuen Systems mit Boden-Luft-Raketen (Bodluv) infrage, sondern gleich die ganze Erneuerung der Luftraumverteidigung – inklusive der umstrittenen Kampfjet-Beschaffung. Der Bundesrat will für das Paket 8 Milliarden Franken ausgeben.

Für den Bodluv-Kauf führt das Verteidigungsdepartement VBS diesen Herbst im Kanton Zug mit zwei Anbietern aus den USA und Frankreich eine Erprobung der Sensoren durch. Acamar schreibt in einem Kurzbericht, dass dies «nicht ausreichend» sei, um eine «adäquate Entscheidung» zu treffen. Viele weitere Faktoren wie Planung, Kommunikation oder Einsatzfähigkeit müssten ebenfalls geprüft werden. Die Amerikaner haben dazu einen Katalog mit 29 Fragen zusammengestellt. Dabei wird auch angesprochen, dass die Schweiz keine Abschusstests im eigenen Land durchführen kann.

Der Befund der Acamar-Experten: Kampfjets sind überschätzt ...

… und Sensorentests reichen nicht aus. Ausrisse: SonntagsZeitung

Es ist durchaus möglich, dass das VBS ein Bodluv-System kaufen wird, ohne selbst einen Testschuss abgefeuert zu haben. Solche Schüsse sind teuer und benötigen eine lange Planung. In der laufenden Projektphase seien keine weiteren Tests geplant, heisst es bei der Armasuisse, die für die Beschaffung zuständig ist. «Wir halten uns aber die Möglichkeit offen, nach der Typenwahl ein Verifikationsschiessen im Herstellerland durchzuführen.»

Zudem räumte das VBS diese Woche vor den Medien ein, dass die Sensorerprobung nicht ausreichend sei, um sich ein abschliessendes Bild zu machen. Deshalb hätten VBS-Leute im Ausland zusätzliche Abklärungen vorgenommen und Demonstrationen beigewohnt. Der Umfang der Erprobung werde so gering wie möglich, aber so umfangreich wie notwendig gehalten.

Laut VBS ist der Thinktank «wenig glaubwürdig»

In einem zweiten, über dreissigseitigen Bericht zum Kampfjet-Bodluv-Paket kritisiert der Thinktank mit Sitz in Colorado Springs dann aber auch die «nahezu umfassende Abhängigkeit» von Kampfjets und deren Einsatz zum Schutz des Schweizer Luftraums. «Kampfflugzeuge werden überbewertet», heisst es. Ein Treffer einer feindlichen Rakete auf einer Startbahn würde den Einsatz der Flugzeuge unmöglich machen. Zudem verursache der Luftpolizeidienst mit Jets hohe Kosten im Vergleich zur Überwachung durch Raketenabwehreinheiten.

Das VBS hält nicht viel von der Studie. «Sie ist aus unserer Sicht wenig glaubwürdig», teilt die Armasuisse mit. Luftpolizeidienst sei nur mit Flugzeugen möglich. Die bodengestützte Luftverteidigung sei weniger universell einsetzbar, weil sie nur die Wahl zwischen Abschuss oder Nicht-Abschuss biete.

Das Verhältnis zwischen dem VBS und Acamer ist schon seit Monaten angespannt. Der Thinktank bemühte sich im Frühjahr um einen Beratungsauftrag beim VBS, bekam diesen aber nicht. Externe Aufträge würden nur vergeben, wenn das Fachwissen in der Armee und beim VBS nicht ausreiche, so die Armasuisse. Hinzu komme, dass «der Beizug einer US-Beratungsfirma fast sicher Fragen bei den Bewerbern und in der Öffentlichkeit aufgeworfen hätte». Die Amerikaner hatten ein Treffen auf höchster Stufe verlangt. Die Art und Weise, wie sie auftraten, wurde im VBS als aggressiv wahrgenommen.

Acamar sei unabhängig von Rüstungskonzernen tätig

«Wir hatten stets nur die Absicht, auf Mängel hinzuweisen und die Schweiz davor zu bewahren, Fehler mit gravierenden Konsequenzen zu machen», sagt Acamar-Chef Michael Unbehauen. In vielen Ländern fehle es den Militärs an Einsatzerfahrung mit Boden-Luft-Systemen, um die Regierungen kompetent zu beraten. Und von den Verkäufern sei keine ehrliche Beratung zu erwarten.

Der in Deutschland aufgewachsene Unbehauen betont, dass Acamar unabhängig von Rüstungskonzernen und Regierungen tätig sei. Seine Leute verfügten über reichlich Einsatzerfahrung, als ehemalige Offiziere hätten sie zur Elite der US-Raketenabwehr gehört. Er selbst habe über 800 Angriffe erlebt, sei als leitender Planer tätig gewesen und habe zum Teil direkt dem damaligen Präsidenten Barack Obama rapportiert.

Jetzt lässt sich die SP von den Amerikanern beraten

Mittlerweile hat Unbehauen doch noch einen Auftrag in der Schweiz ergattert. Die Analysen landeten bei der SP und stiessen dort auf Interesse. Nun lässt die Partei ihr Alternativkonzept für den Kampfjetkauf von Acamar prüfen. Die Ergebnisse sollen Ende September präsentiert werden. Statt auf Hightechjets setzt die SP auf leichtere und günstigere Flugzeuge. «Unser Konzept wurde bisher zu Unrecht belächelt», sagt SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf. Acamar bestätige ihre Befürchtungen, dass die Erneuerung der Luftraumverteidigung mangelhaft aufgegleist sei. «Es wäre nicht das erste Mal, dass das VBS keine gründlichen Abklärungen macht.»

Ausgerechnet die SP, die keine neuen Kampfjets aus den USA will, lässt sich jetzt von Amerikanern beraten. Für Seiler Graf ist das kein Widerspruch: «Die Fachleute von Acamar sind glaubwürdig.» Da sie die Sichtweise der SP stützten, sei es legitim, mit ihnen zusammenzuarbeiten. «Wir müssen uns mit Argumenten aufmunitionieren. Diese brauchen wir, um im Parlament und in der geplanten Volksabstimmung zu gewinnen.»



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Erstellt: 11.08.2019, 16:36 Uhr

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