Ein klarer Sieg für die Internetliebe?

Beziehungen, die online beginnen, seien glücklicher, zeigen Studien. Die Gründe sind wenig romantisch.

Frisch verliebt: Online-Agenturen behaupten, treffsicher passende Partner zu finden. Foto: Getty Images

Frisch verliebt: Online-Agenturen behaupten, treffsicher passende Partner zu finden. Foto: Getty Images

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«Wie habt ihr euch kennen gelernt?», ist die Frage, die jedes Paar früher oder später beantworten muss. Und je länger, je selbstverständlicher lautet die Antwort auch mal: «Och, übers Internet. Wie man das heute halt so macht.» Also kein Herumdrucksen mehr, dass man sich online gefunden hat. Tut doch jeder – und offenbar ist es sogar noch viel schlauer, dort nach einer neuen Beziehung zu suchen statt in der Bar, im Büro oder an der Bushaltestelle.

Das jedenfalls behaupten diverse Paarstudien aus aller Welt. Demnach sind Onlinepaare glücklicher als jene, die sich ohne die Hilfe einer Kuppelplattform kennen gelernt haben: Sie streiten seltener, lassen sich weniger schnell scheiden, und sie stimmen in verschiedenen Werten und Alltagsfragen eindeutig besser überein.

Eben erst hat die Partneragentur Parship neue Zahlen dazu freigegeben: Bei der Kinderfrage fänden Onlinepaare häufiger einen gemeinsamen Nenner (71 gegenüber 52 Prozent), beim Reiseverhalten (52 zu 38 Prozent), beim Umgang mit Geld (31 gegenüber 25 Prozent), beim Thema Ordnung (28 zu 22 Prozent) und natürlich auch beim Sex (43 respektive 28 Prozent).

Auf dem Papier ist der Sieg für die Internetliebe so klar, dass man beinahe versucht ist, den Mann (in den man sich im Turnverein verliebt hat) beziehungsweise die Frau (mit der einen die Freunde verkuppelt haben) daheim auf dem Sofa sitzen zu lassen und sich online einen neuen Partner anzuklicken.

«Offlinepaare stolpern eher in Beziehungen hinein»

Die Parship-Psychologin Barbara Beckenbauer hat für die vorteilhaften Ergebnisse der hauseigenen Studie eine plausible Erklärung: «Offlinepaare stolpern eher in eine Beziehung hinein und lassen sich durch äussere Anziehung und Sympathie leiten. Online werden potenzielle Partner nach Matching-Algorithmen vorgeschlagen, die dafür sorgen, dass man in verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen und Alltagssituationen miteinander harmoniert.»

Die eigenen Ansprüche und Haltungen teilt man ja schon bei der Anmeldung mit, sodass man später nicht mehr darüber diskutieren muss, sondern gleich loslegen kann mit der Liebe. Tönt vernünftig. Aber halt auch eher nach Biedermeier statt nach Fackeln im Sturm. Nach Vor-sich-hin-Plätschern statt nach Reibung. Ansichtssache, was davon besser ist.

Seriöse Vergleiche sind nicht möglich

Aber jetzt mal objektiv: Sind Onlinelieben tatsächlich stabiler, glücklicher, langlebiger, harmonischer? Oder ist es nur eine rosarote Brille, die uns Datingplattformen wie Tinder oder Parship aufsetzen wollen, die oft selber hinter den Studien stehen?

Guy Bodenmann, Paartherapeut und Psycholgieprofessor an der Universität Zürich, bestätigt, dass ähnliche Einstellungen und Werte in wichtigen Bereichen tatsächlich beziehungsförderlich und stabilisierend seien. «Es gilt allerdings zu bedenken, dass sich die Partner weiterentwickeln und die Ähnlichkeit abnehmen kann. Ob die Onlinepaare daher auch längerfristig bessere Karten haben, ist offen.»

Genau hier fehlt es an verlässlichen und vor allem an langfristigen Daten. Onlinedating ist vergleichsweise jung – bei der Parship-­Studie war mehr als die Hälfte der Befragten maximal 5 Jahre zusammen und nur 1,5 Prozent länger als 15. Und auch heute noch lernen sich die allermeisten über Freunde und im Job kennen und nicht übers Internet. Ein Direktvergleich ist also noch nicht möglich, insbesondere bei älteren Altersgruppen wie Frauen über 50, die, so hört Bodenmann häufig, Mühe haben, auf Datingplattformen einen Partner zu finden.

Das ändert aber nichts daran, dass regelmässig neue Studien verkünden, online warte das wahre Glück – mit jeweils eindeutigen Zahlen als Beweis. Guy Bodenmann hat für das positive Abschneiden eine mässig romantische Erklärung: Wer aktiv einen Partner suche und Geld dafür ausgebe, engagiere sich möglicherweise stärker. «Hinzu kommt, dass man grosses Vertrauen in den Algorithmus setzt und daher mit positiven Erwartungen die Beziehung eingeht.» Selbsterfüllende Prophezeihung heisst dieses Phänomen.



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Erstellt: 30.06.2019, 17:39 Uhr

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