Warum die Olma so erfolgreich ist

Ganz gegen den Trend der Zeit zieht auch die 77. Ausgabe der Messe die Massen an. Das hat viel mit Essen und noch mehr mit «Nutztieren» zu tun.

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Die Züspa in Zürich, die Muba in Basel und das Comptoir Suisse in Lausanne, alle drei traditionsreichen Publikumsmessen gibts nicht mehr. Die Zeiten, als das Volk in die Ausstellungshallen strömte, sind passé. Heute vergleicht man die Kaffeemaschinen im Internet, bestellt online.

Ausser in St. Gallen. Die Ostschweizerin postet ihre Gemüseraffel nach wie vor an der Olma. «Einmal Börner, immer Börner», sagt Frank Wettengl, der seit 20 Jahren den Gemüsehobel feilbietet. Ein Marktschreier alter Schule, Wettengl redet so rasend schnell wie er hobelt. Bereits morgens um elf hat er kiloweise Rüebli, Gurken und Chabis zerkleinert. Wettengl sagt, die Olma sei immer schon der wichtigste Anlass des Jahres gewesen, nirgendwo verkaufe sich der Börner besser als hier. Übrigens, neuerdings könne man mit dem Börner auch Würfeli schneiden. Eine «Superraffel», bestätigt eine Kundin, die extra wegen des Börners von Freienstein ZH angereist ist.

Am Dienstag gibt sich der FC St. Gallen die Ehre

Warum zieht die Olma nach wie vor die Massen an? Seit Jahren besuchen um die 370'000 Menschen die elftägige Messe für Landwirtschaft und Ernährung. Olma-Direktor Nicolo Paganini sagt: «Die Olma ist für uns Ostschweizer nicht bloss eine Verkaufsmesse. Sondern der gesellschaftliche Höhepunkt des Jahres.» Vergleichbar mit der Fasnacht in Basel – die fünfte Jahreszeit. Während der Olma herrsche in St. Gallen ein anderer Rhythmus. Die Messe sei tief verankert in der Gesellschaft, «alle wollen eingeladen werden, alle wollen am Umzug mitlaufen».

Auch der FC St. Gallen gibt sich die Ehre. Am Dienstag wird die Mannschaft geschlossen und im offiziellen Ausgangstenü an der Olma zu Mittag essen. Präsident Matthias Hüppi, St. Galler durch und durch, verbrachte bereits den Eröffnungstag auf der Messe, es sei wichtig, dass man Präsenz zeige, «an der Olma trifft sich ganz St. Gallen».

Die Olma – die «Ostschweizerische Land- und Milchwirtschaftliche Ausstellung» wurde 1943 erstmals durchgeführt – ist so bedeutend, dass sie jeweils von einem Mitglied des Bundesrats eröffnet wird. Am Donnerstag war Alain Berset an der Reihe, «endlich», wie er sagt. Christian Manser, Präsident der Olma-Tierschauen, hat für den Bundesrat das hübscheste Säuli ausgesucht, es ist rosa mit schwarzen Flecken und heisst Manuela. Wie es die Tradition will, wird es Bundesrat Berset zum Knuddeln in den Arm gebettet.


Bildstrecke: Eröffnung der Olma 2019


Das liegt nicht jedem Bundesrat: Ex-Magistrat Johann Schneider-Ammann zum Beispiel habe sich besonders kompliziert angestellt, «e Risehuere-Theater», sagt Manser. Ueli Maurer hingegen, der Puurebueb aus dem Zürcher Oberland, habe keine Berührungsängste gezeigt. Auch Alain Berset bekommt Lob, «sehr gut machen Sie das», rühmt Manser. Manuela darf zurück zu Muttersau Jessica – Berset greift nach einem Streifen Speck aus der Region, der ihm angeboten wird.

Olma-Direktor Paganini glaubt fest daran, dass es die Olma auch in zehn Jahren noch gibt. Auch weil Messen zum Thema Landwirtschaft und Ernährung in ganz Europa erfolgreich seien. «Menschen interessieren sich für die Herstellung der Lebensmittel mehr denn je.»

Auch die 77. Olma kann auf über 600 Aussteller zählen. Allerdings, so Paganini, sei der Aufwand, die Ausstellungsfläche zu verkaufen, grösser geworden. Und heute biete man weniger Haushaltsgeräte an, dafür mehr Unterhaltungselektronik. Aber: «Das Geschäft läuft super», sagt die Verkäuferin am Bamix-Stand. Sie mixt Glace oder Suppe, je nach Wunsch. «Leider, leider» halte der Bamix ewig, «wenn er pfeift, einfach etwas ölen.» Bamix ist ein Schweizer Produkt, das Schweizer Kreuz klebt an praktisch jedem Verkaufsstand.

Bei den «Whirlpools ab 11'000 Franken» hingegen wartet man auf Kundschaft.

Und immer wieder gibt es etwas zu probieren: Am Stand der V-Zug werden gerade Tellerchen mit Älpler­magronen verteilt, «40 Minuten im Ofen, bei 180 Grad». Und man kommt auf Ideen: Der neueste Gag ist eine Dusche mit Massagebürste, wie man sie vom Kuhstall kennt.

In den Hallen 2 und 3 wird gemixt, gebacken, gewischt und gebügelt. Die Glasscheiben: streifenlos, die Böden: glänzend. An den Ständen wird über Wischmopps, Mikrofasertücher oder Dampfbügeleisen gefachsimpelt. Hausfrauen unter sich – vorgeführt allerdings werden die Haushaltsgeräte meist von (mehr oder weniger charmanten) Männern. Erika Huber aus Gossau SG bestellt einen «Sprint Cleaner, extrem saugstark», obwohl sie eigentlich keinen Wischer brauche, aber der Verkäufer habe sie überzeugt, und er tue ihr etwas leid, «er muss den ganzen Tag lang putzen».

Der Mann informiert sich über die monströsen Grillstationen. Der Kauf hier lohne sich, sagt der Verkäufer, man räume das Lager. Bei den «Whirlpools ab 11'000 Franken» hingegen wartet man auf Kundschaft. «Die Standkosten sind viel zu hoch», beklagt sich der Geschäftsinhaber. Messen würden als Verkaufskanal immer weniger interessant. «Sorry, wenn ich das sage, aber heute fressen, saufen und belustigen sich die Leute – früher wurde gekauft.»

Der Olma-Renner ist und bleibt die Olma-Wurst. Schon morgens um neun beissen die St. Galler in die Kalbsbratwurst. «Eine Olma-Bratwurst kann man immer essen», sagt der Verkäufer am Stand der «St. Galler Wurst». Senf gibts nur auf Verlangen. Für jene aus dem «Wilden Westen», die keine anständigen Würste machen können und deshalb Senf benötigen, sagt der Verkäufer. Der «Wilde Westen» beginnt übrigens schon in Winterthur. Die Olma-Bratwurst gabs bereits anno 1943, damals kostete sie 1.80, heute mindestens 7 Franken.

Die Kalorien verbrennt man beim Crashkurs im Bödele

An der Olma würde man satt, ohne einen Franken auszugeben. Vorausgesetzt man mag Käse und Fleisch. «Probiere, probiere!», ruft ein Käsehersteller in der Halle 9. Fast an jedem Stand gibts ein Gratishäppchen. Der Verkäufer im Alphüsli streckt jedem einen Bissen Mostbröckli entgegen. Auch die Getränke sind zum Testen da, von der Milch bis zum Schnaps. Und zum Dessert ein Kambly-Guetsli, Basler Läckerli und ein Kägi-fret. Kalorien verbrennen könnte man auf der Aktionsbühne nebenan, wo gerade der Crashkurs im Bödele im Gang ist.

Der grosse Trumpf der Olma sind die Tiere. Der Schwerpunkt der Messe liegt immer noch auf der Landwirtschaft, im Olma-Stall sind Schweine, Rinder, Kühe und auch Kolin, der Siegermuni vom Eidgenössischen, ausgestellt – Nutztiere, wie man sie hier nennt. Der Anteil an Landwirten unter den Besuchern sei jedoch klein, sagt Direktor Paganini. Landmaschinen verkaufe man seit 20 Jahren keine mehr. Aber: «Die DNA der Stadt St. Gallen ist ländlich.»

Der Tierbestand sei über die Jahrzehnte etwa gleich geblieben, heute aber setze man mehr auf Aufklärung. Und auf Erlebnisse, auf Events wie «Gitzi schöppeln»: «Oh my God», kreischt ein Teenager. «Jöö», schreien die Kinder – ein Gehege voller kleiner, durstiger Geisslein. Fünf Kinder aufs Mal dürfen sie füttern, ein junger Landwirt zeigt ihnen, wie. Ob er normalerweise die Geisslein schöppeln müsse, wird er von einer Mutter gefragt. Nein, antwortet er: «Normalerweise saufen sie aus dem Kessel.»

Der Kuhfladen erzählt einiges über den Zustand des Tieres

Christian Manser will dem Publikum in der Arena das Wesen der Kuh näherbringen. Oder wie er selber sagt: «Ich übersetze die Körpersprache der Kuh auf Deutsch.» Selbst der Kuhfladen erzähle uns viel über den Zustand der Kuh, Farbe, Konsistenz, Manser bückt sich, begutachtet einen Fladen: «zufriedenstellend». Er zeigt auf ein sehr schlankes Tier, sie habe am frühen Morgen gekalbert – «ein freudiges Ereignis, auch im Olma-Stall».

Dass hochträchtige Tiere transportiert und ausgestellt werden mit der Idee, dass sie den Nachwuchs an der Olma gebären, ist für den Schweizer Tierschutz (STS) seit Jahren ein Ärgernis – ein riesiger Stress für die Muttertiere sei das. Seit 2015 ist der STS vor Ort, generell beobachte man einen sorgsamen und achtsamen Umgang mit den Tieren, steht im Bericht 2018.

Manser sagt: «Geburt bedeutet Stress und Schmerz, egal ob für Kuh oder Frau.» Die Olma-Tiere seien sich jedoch an Menschen gewöhnt. Er wolle in den Stallungen die Natur abbilden, da gehöre die Geburt nun mal dazu. «Wenn ich mal als Kuh auf die Welt kommen sollte, dann bitte als Olma-Kuh.»

3000 Augenpaare verfolgen das Spektakel

«Und wenn als Sau, dann als Olma-Rennsau», fügt Manser an. Das tägliche Säulirennen ist der absolute Publikumshit. Noch schlafen die Schweine Kopf an Bauch im tiefen Stroh. Oder sie strecken ihre Steckdosen-Nase neugierig durch die Gitterstäbe. Lea, 6, streichelt vorsichtig über eine Säulinase – ihr Lieblingstier aber sei der «Aff». Wetten werden abgeschlossen, und jedes der 15 ­Rennsäuli hat einen Sponsor: Grunzli (Appenzeller Käse), Flitzer (Landi), und die Heisse Heidi wird von der HEV Verwaltungs AG und nicht etwa vom ­lokalen Sexshop unterstützt.

«Wir begrüssen herzlich unsere beiden Muttersauen Jessica und Tamaris!», ruft Christian Manser ins Mikrofon. Mäsi, der Eber, ist ebenfalls da. Und noch eine Karrette voller Ferkel, sie sind kaum eine Woche alt, wird in die Arena gekippt. Man erfährt: 1,5 Millionen Schweine und 7000 Schweinehalter leben in der Schweiz, «Schwinigs» ist das beliebteste Fleisch, 23 Kilo isst der Schweizer pro Jahr. «Probieren Sie die neuen Pork-Nuggets!», fordert der Speaker, während ihm die Ferkelchen um die Füsse wuseln.

Jetzt aber zum Höhepunkt! Das legendäre Olma-Säulirennen startet seit 23 Jahren immer um 16 Uhr. Die Arena ist voll, rund 3000 Augenpaare verfolgen das Spektakel. Die Rennschweine stammen vom Hof der Familie Milz im Thurgau, dort werden sie trainiert, an die Musik, ans Startsignal gewöhnt. Unter 1000 Mastschweinen wurden sie ausgesucht, nur die aufgeweckten und zutraulichen schaffen es ins Wettkampfkader. Nur Weibchen, denn die Männchen mögen das Sponsoren-Mäntelchen nicht, das ihnen für den Sprint umgelegt wird.

Die Rennschweine quietschen laut in den Startboxen. Der traditionelle Rennsound «Whatever You Want» von Status Quo erschallt. Höllenlaut! Manser, die Stimmungskanone, feuert an: «Und hier Lulu, das Boxenluder, eine richtige Sau!» Das Publikum geht mit. Die Arena wird zum Hexenkessel. Die Fanfare ertönt – und los gehts!

Schwein Schützi legt einen Superlauf hin! Kaum im Ziel, klettert die Siegerin in den Futtertrog. Das Publikum tobt. Doch wie viel Applaus sie auch bekommen, wie herzig, wie schnell, wie lustig sie auch sind. Auch die Olma-Rennsäuli sind Mastschweine – sie werden bald gemetzget.



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Erstellt: 13.10.2019, 17:35 Uhr

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