Sie sieht ihren Autismus als Vorteil

Greta Thunberg inspiriert mit ihrem Kampf für den Klimaschutz Jugendliche auf der ganzen Welt. Dabei will sie gar keine Anführerin sein.

Seit Wochen streikt Schülerin Thunberg immer freitags vor dem schwedischen Parlament für eine konsequente Klimapolitik. Foto: Laif

Seit Wochen streikt Schülerin Thunberg immer freitags vor dem schwedischen Parlament für eine konsequente Klimapolitik. Foto: Laif

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Sie ist 16. Und ein Vorbild für Tausende auf der ganzen Welt. Allein in der Schweiz taten es ihr über 20'000 Schülerinnen und Schüler gleich, als sie am Freitag streikten und für den Klimaschutz auf die Strasse gingen. Kein Zweifel: Greta Thunberg hat eine Welle ausgelöst.

Sie selbst streikt seit 22 Wochen vor dem schwedischen Parlament für eine konsequente Klimapolitik. Drei Wochen ging sie gar nicht zur Schule, seitdem streikt sie jeden Freitag. Sie will das durchziehen, bis Schweden die Ziele des Pariser Abkommens erfüllt. Und sie findet weltweit Unterstützer. Unter dem Motto #FridaysForFuture treten Schüler auch in Kanada, Deutschland, Nigeria, Australien und weiteren Ländern in den Streik.

Im Dezember hielt Thunberg eine Rede auf der UNO-Klimakonferenz im polnischen Katowice, in der sie den Politikerinnen und Politikern ins Gewissen redete. Das Video davon verbreitete sich rasant im Netz. Es war eine Inspiration für viele der streikenden Schweizer Jugendlichen.

«Ihr seid nicht erwachsen genug, um die Wahrheit zu sagen»: Wie Greta Thunberg rechnet in Katowice mit Politikern und Erwachsenen abrechnete. Video: Youtube

Sie hat das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus

Sie ist natürlich nicht die einzige junge Klimaaktivistin. Aber keiner und keine hat bisher solch eine Wirkung erzielt wie Greta Thunberg. Warum ausgerechnet sie?

Wenn man ihren Streik in Stockholm besucht, um das herauszufinden, fällt als Erstes auf, dass sie nicht auffällt. Protestwoche 21, Freitag um kurz nach acht Uhr morgens, zwei Grad kalt. Eine kleine Gruppe Unterstützer wartet schon auf dem Mynttorget, dem Platz zwischen Parlament und Schloss. Als Thunberg ankommt, geht sie ganz still an den anderen Demonstranten vorbei. Nach und nach kommen diese auf sie zu, beinahe vorsichtig, als könnten sie Thunberg sonst verschrecken.

Am Ende stehen an diesem Tag 143 Namen im Streik-Gästebuch. Einer der Gründe, warum Thunbergs Protest so gut funktioniert: Sie gibt den Menschen einen Ort und eine Zeit. Auf dem Mynttorget versammeln sich Schülerinnen und Schüler. Väter und Mütter. Psychologinnen und Autoren. Ein Hochschulprofessor. Eine Bahn-Mitarbeiterin. «Greta hat mich inspiriert», sagt ein Musiker, der auch an dem Streik teilnimmt. Inspirieren – dieses Wort benutzen viele, wenn es um Thunberg geht. «Aber ich sehe mich nicht als Anführerin, sondern nur als Aktivistin, die anderen eine Protestform zeigt», sagt sie mit ihrem immerzu ernsten Gesicht.

Auch in Luzern gingen Schüler für eine bessere Klimapolitik auf die Strasse. Foto: Keystone

Greta Thunberg hat das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus. Ein Spezialinteresse zu haben, ist dabei nichts Ungewöhnliches. Der Protest lässt sich nicht von ihrer Person trennen. Auf der einen Seite wird sie bejubelt, auf der anderen Seite von sogenannten Klimaskeptikern beschimpft. Oder es wird behauptet, hier werde ein Kind instrumentalisiert.

Thunberg macht vor, wie es anders geht

«Ich glaube, wenn sie 30 Jahre alt wäre, wäre sie unbekannt», sagt der Protestforscher Dieter Rucht. Thunbergs Jugend mache sie zu einem Anknüpfungspunkt für Schüler. «Ein sehr junger Mensch, dem man die Politikfähigkeit noch abspricht, äussert sich politisch. Das findet Anklang bei ähnlich gelagerten Jugendlichen, die sagen: Wenn sie anfängt, klinke ich mich ein», sagt Rucht.

Junge Menschen stecken in einem Teufelskreis: Man traut ihnen keine politische Meinung zu, also werden sie nicht politisch aktiv, also traut man ihnen nichts zu. Werden sie doch aktiv, traut man es ihnen immer noch nicht zu – und behauptet, die Idee dazu könne doch nur von Erwachsenen kommen. Daraus entsteht eine Meta-Diskussion, die vom eigentlichen Inhalt wegführt.

Statt sich in diese Diskussion einzumischen, macht Thunberg vor, wie es anders geht: Sie spricht nur, wenn sie wirklich etwas zu sagen hat. Mit ihrem Aktivismus hat sie genau das erreicht, was Protestforscher Rucht gesagt hat: Andere junge Menschen ziehen mit.

Ihre Familie ernährt sich vegan – wegen ihr

Gegen 11.30 Uhr an diesem Tag kommt Svante Thunberg vorbei und bringt seiner Tochter etwas zu essen. Thunberg, Schauspieler, Musikproduzent, langhaarig und gut gelaunt, steht als Erster unter Verdacht, wenn Instrumentalisierung unterstellt wird. Er erzählt dann aber, dass die Tochter in punkto Ökologie eher ihre Eltern erzogen hat als umgekehrt.

Thunberg war elf Jahre alt, als sie fast nicht mehr sprach, nicht mehr ass und depressiv wurde. Weil alle vom Klimawandel wussten, aber niemand etwas unternahm. «Das war die Phase, in der sie die ganze Familie verändert hat», sagt ihr Vater. Heute ernährt sich die Familie vegan und fährt nur noch Elektroauto.

Greta Thunberg sieht ihren Autismus als Vorteil. «Ich sehe die Welt anders: schwarz und weiss. Alle sagen, dass es nichts gibt, das eindeutig schwarz oder weiss ist. Dabei ist die Klimakrise genau das: Entweder, wir bleiben unter der Erwärmung von 1,5 oder 2 Grad – oder nicht. Es gibt keine grauen Bereiche, wenn es ums Überleben geht.»

Es ist ihr egal, ob sie beliebt ist

Vielleicht ist Thunberg berühmt geworden, weil die Welt jemanden wie sie gerade gut brauchen kann. Einen Menschen, der authentisch ist, der keine Eigeninteressen verfolgt, der sich nicht von Berühmtheit mitreissen lässt. Es ist ihr egal, ob sie beliebt ist. Es geht ihr darum, dass sich etwas ändern muss, damit es noch eine Zukunft gibt.

Kurz nach 14 Uhr telefoniert Thunberg mit Schweizer Schülern. Damit kann sie mittlerweile umgehen. «Ich kriege nicht gerne Komplimente und stehe nicht gerne im Mittelpunkt», sagt sie. «Aber das ist eine der Sachen, die man akzeptieren muss, wenn man in dieser Position ist. Das ist es wert.»

Am kommenden Freitag wird sie für einmal nicht auf dem Mynttorget stehen. Da tritt sie am Weltwirtschaftsforum in Davos auf. Sie nimmt dafür eine über 60-stündige Zugfahrt – hin und zurück – auf sich.

Erstellt: 20.01.2019, 16:33 Uhr

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