Antigone im Amazonas

Wie im Amazonas die ganze Menschheit ihrem Untergang entgegenwankt.

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Vergangenen Sommer brannte in Nordbrasilien der Urwald. Wie sich bald herausstellte, hatten von den grossen Agrokonzernen bezahlte Banden die Feuer angezündet: um mehr Weideland für Rinder, mehr Anbauflächen für Soja-Monokulturen aus den Wäldern zu schneiden. Vor allem war es eine Gelegenheit, den Lebensraum der indigenen Völker Amazoniens zu zerstören und damit ihren Widerstand gegen die zahllosen Grossprojekte der Regierung Bolsonaros.

Als ich vor einer Woche nach Marab á – einer Stadt an den südlichen Ausläufern des Amazonas – flog, waren im Waldland immer noch riesige Brände zu sehen. Zusammen mit Indigenen, Aktivistinnen und Schauspielerinnen aus Europa und Brasilien verfilmen wir in den nächsten Monaten auf einer besetzen ehemaligen Rinderplantage die ­«Antigone» des ­Sophokles. Es ist die Geschichte des Tyrannen Kreon, der seine Macht um jeden Preis er­halten will, und Antigones, die sich ihm ­widersetzt. Eine junge Indigene wird Antigone spielen, der Chor besteht aus Überlebenden eines Massakers der brasilianischen Regierung an Kleinbauern. Kreon, das Prinzip der Macht und der Verwertung, wird dagegen durch eine Europäerin dargestellt: durch meine Lieblingsdarstellerin Ursina Lardi.

«Ungeheuer ist viel, aber nichts ist ungeheurer als der Mensch», so heisst es in einem der berühmten Chorgesänge des Stücks. Die Hybris der alten Griechen, die in Holzbooten über das Mittelmeer fuhren oder sich mit einfacher Medizin gegen den Tod wehrten, erscheint aus heutiger Sicht fast kindlich. Es ergreift einen dagegen ein kosmisches Grauen, denkt man daran, wie im Amazonas die ganze Menschheit ihrem Untergang entgegenwankt: blind wie die selbstgerechten Helden der griechischen Tragödien. Direkt neben dem besetzten Landgut frisst sich die grösste Eisenerzmine Lateinamerikas in den Wald, riesige Staudamm-­projekte trocknen die Flüsse aus, täglich werden von Bolsonaros Milizen Umweltaktivisten ermordet.

Die Zeichen der Apokalypse sind überdeutlich: Im August regnete es Asche auf São Paulo. Mitten am Tag wurde es Nacht, der Windstrom, der seit Urzeiten Regen aus den Wäldern Amazoniens in den Süden bringt, brachte Dunkelheit und Feuer. Die traditionelle Wissenschaft und die Weisen der indigenen Völker geben, in ungewöhnlicher Übereinstimmung, dem Ökosystem des Amazonas noch zehn Jahre. Ist bis dahin nicht eine grundsätzliche Umkehr geschafft, so kippt es. Und zwar irreversibel, was bedeutet: nach menschlichen Massstäben für immer. Das grösste, komplizierteste und wichtigste zusammenhängende Ökosystem des Planeten wird dann verschwinden. Es ist, als hörte das Herz der Erde auf zu schlagen – in zehn Jahren!

«Im Süden Brasiliens halten sie uns für ­Wilde aus den Wäldern. Aber nun drehen wir einen Film», sagt mir bei einer der Diskussionen lachend und zugleich bitter eine indigene Aktivistin. In den Händen dieser «Wilden», die Bolsonaro in jeder seiner Reden verspottet, liegt die Zukunft der Menschheit.



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Erstellt: 01.12.2019, 00:28 Uhr

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