Apotheker verweigern Kranken teure Medikamente

Vorauszahlungen für hochpreisige Heilmittel bringen Pharmazeuten in Schwierigkeiten – Leidtragende sind die Patienten.

Über 14'000 Franken kostet eine Packung Harvoni. Manchen Apothekern ist das zu viel. Foto: Keystone

Über 14'000 Franken kostet eine Packung Harvoni. Manchen Apothekern ist das zu viel. Foto: Keystone

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40'000 Personen sind in der Schweiz chronisch infiziert, fast 200 Tote fordert Hepatitis C jedes Jahr. «Es sterben fünfmal mehr Personen an den Folgen als an jenen von HIV», schreibt das Bundesamt für Gesundheit. Obwohl seit einigen Jahren hochwirksame Heilmittel auf dem Markt wären.

Doch die haben ihren Preis. Über 14'000 Franken kostet zum Beispiel eine Packung des Medikaments Harvoni mit 28 Tabletten. Zur Heilung sind zwei bis drei Schachteln nötig. Einigen Pharmazeuten ist das zu teuer. Dies zeigt eine im Dezember publizierte Studie von Forschern der Universitäten Lausanne und Genf.

Sie befragten im Waadtland 60 Apotheker, die Patienten mit Hepatitis C hatten. 14 davon verweigerten mindestens einem Kunden die Medikamente. Aus Angst, dass ihnen die Krankenkasse die teure Arznei nicht zurück zahlt, gaben die meisten an. «Apotheker kaufen Medikamente beim Grossisten oder direkt bei den Produzenten», sagt Studienautor Jérôme Berger.«Danach sitzen sie so lange auf den Kosten, bis die Krankenkasse diese zurück erstattet.» Beim Hustensirup oder den Kopfweh-Tabletten relativ unproblematisch. «Aber bei hochpreisigen Medikamenten kann das finanzielle Risiko hoch sein», sagt Berger.

Santésuisse zeigt sich erstaunt

Er analysierte im Detail die Behandlung von 68 Patienten in der Apotheke der universitären Poliklinik Unisanté in Lausanne. Mindestens drei Monate vergingen dort, bis die Kassen die entsprechenden Hepatitis-Medikamente zurück erstattet hatten. «Grosse Anbieter können dies verkraften», sagt Berger. «Aber kleine Apotheken können in Schwierigkeiten geraten. Also mussten sie ab und zu die Patienten abweisen.» Die Daten habe man bereits 2016 erhoben. «Mittlerweile haben manche Apotheker Lösungen für diese Patienten gefunden.»

Doch das Problem besteht nach wie vor, nicht nur im Waadtland. «Wir kennen Patienten aus der ganzen Schweiz, die abgewiesen wurden», sagt Philip Bruggmann,  Präsident von Hepatitis Schweiz. Schwierigkeiten mit der Rückerstattung seien weit verbreitet. «Bei einem Betroffenen warten wir seit Juli auf das Geld der Kasse.» Diese würde immer weitere Dokumente verlangen und Nachfragen stellen. «Wir haben das Gefühl, dass einige Kassen bewusst auf Zeit spielen», sagt Bruggmann. «Sie wollen die Patienten zermürben, bis sie einen anderen Anbieter suchen.» Es sei traurig, dass Apotheken Kranke abwimmeln. «Aber ich kann sie verstehen, wenn sie sonst selbst in ihrer Existenz bedroht sind», sagt Bruggmann. Verantwortlich seien vor allem Hersteller, die extrem hohe Preise für ihre Arzneien verlangen. Und dann eben auch die Kassen.

Santésuisse, der Verband der Schweizer Krankenversicherer, zeigt sich erstaunt. Apotheken hätten ein Recht auf Rückvergütung innerhalb von 30 Tagen.«Wird diese Frist wiederholt nicht respektiert, haben sie Anspruch auf eine finanzielle Entschädigung der Kassen», sagt Mediensprecher Christophe Kaempf. Ein Problem sei, wenn die Rechnungen von den Apotheken nicht korrekt seien, weil etwa gewisse Angaben fehlen. Dann seien Abklärungen nötig. «Und es kann zu Verzögerungen kommen», sagt Kaempf.

Verband sieht 450 Apotheken in Gefahr

Problematisch ist nicht nur die Dauer. Für den Vertrieb einer einzelnen Packung dürfen Apotheker maximal 240 Franken verlangen. Völlig unabhängig vom Medikamentenpreis, so schreibt es der Bund vor. Bald sollen es 300 Franken werden. «Aber auch das ist eigentlich absurd bei den extrem teuren Heilmitteln, die es heute gibt», sagt Fabian Vaucher, Präsident des Branchenverbands Pharmasuisse. «Alleine Transport und spezielle Lagerung solcher Arzneien sind viel teurer. Hinzu kommt die Schulung des Personals und die intensive Beratung des Patienten.»

Apotheker würden ein Verlustgeschäft machen. Und es bleibt ein Restrisiko. «Packungen können kaputt gehen, Tabletten ablaufen, Patienten vor dem Bezug versterben oder abtauchen», sagt Vaucher. «Dem Apotheker entgehen schnell tausende Franken.»

Das Problem wird sich wohl zuspitzen. In den letzten Jahren hat sich der Absatz von hochpreisigen Medikamenten vervielfacht. Gerade zur Behandlung von Krebs gelangen immer teurere Medikamente auf den Markt, die je nach Therapiedauer mehrere Zehn- oder Hunderttausend Franken kosten. «Kaum eine Apotheke kann ein solches Risiko tragen», sagt Vaucher. «Passiert nur ein kleiner Fehler, kann dies schnell das Aus für einen Betrieb bedeuten.»

PharmaSuisse klagt seit Jahren, dass Apotheken zu wenig Unterstützung aus Bern erhalten. Morgen will man mit einer Kundgebung auf dem Bundesplatz darauf aufmerksam machen. Laut dem aktuellen Jahresbericht ist schon jetzt «jede fünfte Apotheke gefährdet». Präsident Vaucher gibt an, dass in den nächsten Jahren 450 von ihnen verschwinden könnten. Man sei nun im Gespräch mit grossen Pharmakonzernen. «Sie müssen uns entgegen kommen. Sonst verzichten immer mehr Apotheken darauf, solche extrem teuren Medikament anzubieten.»

Erstellt: 06.04.2019, 22:42 Uhr

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