Appenzeller Firma importiert tonnenweise Drogen-Rohstoff

Breaking Bad in der Schweiz: Drogen werden neuerdings hier hergestellt und nicht nur geschmuggelt.

Schweizer Drogenproduktion: Crystal-Meth-Labor in Unterägeri ZG. Bild: Zuger Polizei

Schweizer Drogenproduktion: Crystal-Meth-Labor in Unterägeri ZG. Bild: Zuger Polizei

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Am Mittwoch, 25. April, kurz vor zehn Uhr nachts betraten Polizeibeamte einen Prachtbau in Oberägeri ZG – und waren schockiert. Eigentlich kamen sie, weil die Nachbarn verdächtige Lichter sahen. Jetzt stiessen sie auf eine komplette Drogenküche, ausgerüstet für die Herstellung der härtesten synthetischen Droge: Crystal Meth.

In grossen Fässern fanden die Ermittler sogenannte Drogenausgangsstoffe. Ihr Besitz und Import wird genauso hart bestraft wie die fertigen Stoffe. Bislang dachte man, dass es solche Substanzen hierzulande gar nicht gibt. Die Schweiz gilt von jeher als Importland. Gekocht und produziert wurden die Drogen bisher angeblich alle im Ausland. Jetzt zeigen Recherchen erstmals, dass sich dies seit ein paar Monaten drastisch geändert hat.

Angefangen hat es im Dezember 2016. Nicht in Unterägeri, sondern in einem noch abwegigeren Ort für Drogengeschäfte: In Urnäsch, Appenzell Ausserrhoden, Einwohnerzahl 2271.

Ausgerechnet in dieser Idylle im Schatten des Säntis befindet sich der Sitz einer obskuren Firma, die angeblich mit Haushaltsartikeln handelt. Der Besitzer, ein Holländer, führte säckeweise eine pulvrige Substanz ein, verpackt in Fässern. Er deklarierte sie an der Grenze unter anderem als harmlosen medizinischen Puder.

Die Ladungen kamen per Luftfracht aus China

Nach einem Tipp aus Finnland stoppten Zollbeamte im Dezember 2016 drei Lieferungen dieser Firma. Die Ladungen kamen per Frachtflugzeug aus China. Der Inhalt: 4,7 Tonnen APAA, gemischt mit einer anderen Substanz. Beide sind streng verboten.

APAA hat nur eine Verwendung: die Herstellung von Amphetamin. Mit der sichergestellten Menge hätte die Urnäscher Firma drei Tonnen der euphorisierenden Droge kochen können. Der Marktwert: mehrere Dutzend Millionen Franken. Je nachdem, wie rein man den Stoff verkauft, vermutlich noch erheblich mehr.

Lager mit Drogen-Rohstoffen in Urnäsch AR. Bild: Eidgenössische Zollverwaltung

Dies war der erste Fund von Drogenausgangsstoffen überhaupt in der Schweiz. Noch 2016 stellte Europol fest, die Schweiz sei vom Handel mit solchen Substanzen nicht betroffen. Auch Statistiken der Vereinten Nationen verzeichneten bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei beschlagnahmte Stoffe dieser Art an der Schweizer Grenze.

Doch kaum waren die Fässer der Urnäscher Firma sichergestellt, entdeckten Fahnder schon die nächste Ladung. Im 2017 stellten die Behörden eine weitere Tonne Drogenausgangsstoffe sicher, diesmal in der Region Genf. Und vor zwei Wochen fand die Zuger Kantonspolizei die Stoffe im Labor von Unterägeri.

Die Beschlagnahmungen könnten verhindern, dass die Schweiz zum neuen Angelpunkt für den Handel mit Drogenstoffen wird.

Wird die Schweiz also zur Drogen-Drehscheibe oder sogar zur Drogenküche? Der Koch von Unterägeri hat offenbar tatsächlich hier in der Schweiz produziert. In den anderen beiden Fällen ist das noch nicht sicher. Die Schweizer Heilmittelbehörde Swissmedic untersucht derzeit den Fall von Urnäsch.

Sprecher Lukas Jaggi sagt, die 4,7 Tonnen der Appenzeller Firma hätten vermutlich auf dem Landweg nach Holland transportiert werden sollen. Die Niederlande sind das globale Zentrum für die Herstellung von Amphetaminen. Motorradgruppen wie die Hells Angels, die Bandidos und Satudarah erhalten die Produkte von dort. Sie beherrschen den weltweiten Markt.

Aus dem legalen Handel abgezweigt

Das Vorgehen der Appenzeller Drogenschieber ähnele jenem der bekannten Händler im Rest Europas, sagt Marie Müller, Sprecherin des deutschen Bundeskriminal­amtes. «Die Händler importieren Chemikalien, deren Einfuhr streng kontrolliert wird, aus nicht europäischen Ländern, insbesondere aus China, und deklarieren sie unter dem Namen eines zugelassenen Produkts.» Chemikalien, die geringeren Kontrollen unterliegen, würden über Scheinfirmen, Mittelsmänner und unter Vorgabe falscher Verwendungszwecke aus dem legalen Chemikalienhandel zu illegalen Zwecken abgezweigt.

Schweizer Drogenproduktion: Labor eines 41-jährigen Norwegers in Unterägeri ZG. Bild: Zuger Polizei

Laut Swissmedic konnten die jüngsten Beschlagnahmungen vielleicht verhindern, dass die Schweiz zum neuen Angelpunkt für den Handel mit Drogenstoffen wird. Wissen könne man das nicht. Ob das so bleibt, ist aber fraglich. Denn es wird laut Europol zunehmend schwierig, die illegalen Drogenausgangsstoffe noch aufzufinden in der immer grösser werdenden Menge der legal gehandelten Chemikalien.

Produktion hat sich fast verdoppelt

Die Produktion in der chemischen Industrie hat sich zwischen 1990 und 2010 fast verdoppelt. Der internationale Handel mit solchen Stoffen ist dabei noch stärker gewachsen als die Produktion. Es werden also laufend mehr Produkte zwischen mehr Ländern und über mehr Vermittler verkauft, was die Aufgabe der Drogenfahnder erheblich erschwert.

Dies betrifft auch die Schweiz, einen der grössten Pharma- und Chemiestandorte der Welt. So ist die Schweiz etwa der zweitgrösste Importeur von Pseudoephedrin, hinter den USA. Den Stoff kann man mit einer Bewilligung legal einführen. Tatsächlich ist er aber auch ein Ausgangsstoff von Crystal Meth.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.05.2018, 21:59 Uhr

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