Neat: Arbeiter wurden um Millionen geprellt

Im Ceneri-Tunnel zahlten zwei Firmen nur die Hälfte des Lohns – und liessen bis zu 17 Stunden am Tag arbeiten.

Die Schichten dauerten bis zu 17 Stunden: Baustelle im Ceneri-Basistunnel. Foto: Keystone

Die Schichten dauerten bis zu 17 Stunden: Baustelle im Ceneri-Basistunnel. Foto: Keystone

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Es war ein grosses Fest. Am Mittwoch, 30. Mai 2018, wurde im Ceneri-Basistunnel die letzte «goldene» Schwelle eingebaut – ein Meilenstein für die Fertigstellung dieses 15,4 Kilometer langen Bahntunnels mit zwei Röhren, der Camorino bei Bellinzona mit Lugano verbindet und ein letztes Glied im Jahrhundertbauwerk der Neat, der Neuen Alpentransversalen, bildet. Die Inbetriebnahme ist für Dezember 2020 vorgesehen.

Doch nicht alle waren damals in Festlaune. «Wenn die Gäste gewusst hätten, was wir erlitten haben, hätten sie wohl auch weniger Lust auf Feiern gehabt», sagt Fouad Zerroudi. Der gebürtige Marokkaner war Angestellter bei den italienischen Bahnbauunternehmen Gefer und Generale Costruzioni Ferroviarie (GCF), die zur in Rom beheimateten Gruppe Rossi gehören. In der Sendung «Falò» des Fernsehens der italienischen Schweiz, RSI, berichtete er kürzlich als Kronzeuge über unhaltbare Zustände auf der Baustelle des Ceneri-Basistunnels, auf der er 14 Monate lang bis August letzten Jahres beschäftigt war.

«Das kam einer Sklaverei gleich – das konnte ich nicht mehr hinnehmen», begründet Zerroudi seinen Schritt, die Arbeitsbedingungen anzuprangern. Häufig hätten Arbeiter zwei Schichten hintereinander geleistet, das heisst 16 bis 17 Stunden am Tag. Obwohl er keine entsprechende Ausbildung gehabt habe, sei er als Lokführer des kleinen Zugs eingesetzt worden, mit dem die Arbeiter in den Tunnel gebracht wurden.

Andere Arbeiter meldeten sich zu Wort, allerdings nur anonym. Doch der Tenor ist überall gleich: Die Schichtlängen von 8 oder 9 Stunden wurden nicht einge­halten, genauso wie die vorgeschriebenen Pausen. Dabei sieht der Gesamtarbeitsvertrag für den Gleisbau eine Höchstzahl von 45 Arbeitsstunden pro Woche vor.

Baufirmen füllten die Lohnzettel falsch aus

Besonders pikant: Auch wenn eine Schicht 13 oder 14 Stunden dauerte, wurden auf dem Lohnzettel immer nur 8 Stunden ausgewiesen. Doch die Arbeiter mussten nicht nur viel länger arbeiten als erlaubt. Sie erhielten auch nicht den im Gesamtarbeitsvertrag vorgeschriebenen Mindestlohn von 4624 Franken für Ungelernte, sondern nach Schätzungen der Gewerkschaft Unia weniger als die Hälfte. Einige Albaner, die ebenfalls als entsandte Arbeitskräfte und mit Zeitverträgen für GCF auf der Ceneri-Basistunnel-Baustelle tätig waren, berichten, dass sie einen Teil ihres Lohns der Firma bar zurückerstatten mussten.

Die beiden italienischen Firmen hatten bis zu 170 Arbeiter für die Ceneri-Baustelle angemeldet. Doch niemand weiss, wie viele wirklich dort gearbeitet haben, da auch Arbeiter gemeldet worden waren, die auf einer Baustelle in Dänemark gewesen sind. Unia-Gewerkschafter Igor Cima, der viele Arbeiter getroffen hat, meint zum Gesamtbild: «Situationen dieser Art habe ich auf Grossbaustellen im Tessin noch nie vorgefunden.» Sein Kollege Enrico Borelli ist entrüstet: «Hier geht es um systematische Missbräuche. Wir erleben eine Lombardisierung des Tessins.» Denn italienische Firmen bezahlten nur auf dem Papier Schweizer Löhne, in Wahrheit würden diese umgangen oder etwa durch erzwungene Rückzahlungen auf italienisches Niveau gedrückt.

Um welche Geldsumme die betroffenen Arbeiter insgesamt geprellt wurden, ist aufgrund der Dokumentenlage schwierig einzuschätzen. Es dürfte mindestens um eine hohe einstellige Millionensumme gehen. «Der Betrag ist sicher enorm», sagt Borelli.

Anfrage bei Unternehmensleitung blieb unbeantwortet

Die Unia-Vertreter sind überzeugt, dass sich die beiden Firmen nicht nur zivil-, sondern auch strafrechtlich schuldig gemacht haben. Von Urkundenfälschung, Nötigung und möglichem Wucher ist die Rede. Die Unia hat die Tessiner Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Diese hat bereits erste Ermittlungshandlungen vorgenommen. Auch das kantonale Arbeitsinspektorat hat Abklärungen gestartet.

Die beiden angeschuldigten Unternehmen weisen alle Vorwürfe zurück. «Es gab weder exzessive noch doppelte Schichten», sagte Roberto Garilli, Baustellenleiter von GCF und Gefer, in der Fernsehsendung. Von Unregelmässigkeiten wollte er nichts wissen. Eine schriftliche Anfrage der SonntagsZeitung an die Unternehmensleitung in Rom blieb unbeantwortet.

Der Fall beschäftigt auch die aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern zusammengesetzte Paritätische Kommission für den Gleisbau. Sie ist im Rahmen einer sogenannten Entsendekontrolle aktiv geworden. Eine solche Kontrolle wird immer dann gestartet, wenn ein ausländisches Unternehmen in der Schweiz tätig ist. Kontrolliert werden die Arbeitsbedingungen, Löhne, Arbeitszeiten, Zuschläge – also, ob der Gesamtarbeitsvertrag eingehalten wird.

Bauherr des Tunnels: Dieter Schwank, Chef der Alptransit Gotthard AG.

«Da es sich um eine hängige Untersuchung handelt, können wir keine Auskünfte erteilen», sagt Kommissionssekretärin Patrizia De Ciccio. Doch schon jetzt ist klar, dass einer Untersuchung dieser Kommission Grenzen gesetzt sind. Denn sie arbeitet auf der Grundlage eingereichter Unterlagen. Werden, wie im Ceneri geschehen, Daten zu Arbeitszeiten und Zutrittskontrollen gelöscht oder gefälscht, ist dies kaum herauszufinden.

Bauherrin des Ceneri-Basistunnels ist die Alptransit Gotthard AG, eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der SBB. Sie hält fest, dass die Arbeitsgemeinschaft Mons Ceneris, zu der die fraglichen Firmen gehören, vertraglich verpflichtet ist, die Arbeitsbedingungen gemäss Gesamtarbeitsvertrag und die Zusatzvereinbarung für Untertagbauten einzuhalten. «Sobald der Alptransit Gotthard AG nachweisbare Fakten über Unregelmässigkeiten vorliegen, gehen wir diesen nach und werden unsere Vertragspartner zur Einhaltung ihrer Pflichten auffordern», sagt Alptransit-Chef Dieter Schwank.

Er verweist darauf, dass nicht Alptransit Arbeitgeberin der einzelnen Bauarbeiter ist, sondern die Arbeitsgemeinschaft, die für den Einbau der Fahrbahn und Logistik im Ceneri-Basistunnel verantwortlich zeichnet. Schwank: «Die Alptransit Gotthard AG wird in Kürze mit dieser Arbeitsgemeinschaft zusammentreffen und sie dabei auch auf die hier thematisierten Punkte ansprechen.»

Auch in Dänemark in einen Fall von Lohndumping verwickelt

Zur Arbeitsgemeinschaft gehören nebst den beiden beschuldigten Firmen Gefer und GCF die Schweizer Bauunternehmen Marti, Mancini & Marti und Pizzarotti. Die Arbeitsgemeinschaft hat die Ausschreibung für das Los Fahrbahn und Logistik zum Preis von 96 Millionen Franken 2013 gewonnen. Dabei spielte unter anderem die kostengünstigere Offerte gegenüber Konkurrenten eine Rolle.

Das italienische Unternehmen GCF mit Niederlassungen in ganz Europa steht nicht zum ersten Mal in Konflikt mit Arbeitern und Gewerkschaften. In Dänemark kam es auf Baustellen ebenfalls zu Problemen. Bei der dänischen Polizei sind zwei Verfahren wegen Verstössen gegen das Arbeitsgesetz hängig. Etliche nicht bezahlte Überstunden wurden beim Bau der neuen Metrolinie Cityringen in der Hauptstadt Kopenhagen geleistet. «Wir haben festgestellt, dass die Arbeiter bis zu 14 Stunden am Tag und manchmal 7 Tage pro Woche arbeiteten, aber auf dem Lohnzettel nur 37 Wochenstunden ausgewiesen waren», sagt Silas Grage von der dänischen Gewerkschaft 3F. Diese Stundenzahl ist in Dänemark das wöchentliche Maximum.

Nach Verhandlungen zwischen den Sozialpartnern wurde in einem aussergerichtlichen Vergleich eine Nachzahlung von 12 Millionen dänischen Kronen mit GCF vereinbart. Das entspricht 1,8 Millionen Franken. Von etwa hundert Arbeitern, die für GCF in Kopenhagen aktiv waren, wurden nur neun bei der Gewerkschaft vorstellig, um einen Teil dieser Gelder abzuholen. «Wir gehen davon aus, dass die anderen aus Angst vor dem Arbeitgeber diesen Schritt nicht gewagt haben», meint Gewerkschafter Grage.



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Erstellt: 27.04.2019, 19:55 Uhr

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