Arbeitslosenkasse soll Hitzeferien bezahlen

Erste Firmen fordern ­Entschädigungen, wenn es zu heiss zum Bauen ist. Der Bund zeigt Verständnis.

Die Hitzerekorde stellen sowohl Bauarbeiter als auch Behörden vor neue Probleme. Foto: Adrian Moser

Die Hitzerekorde stellen sowohl Bauarbeiter als auch Behörden vor neue Probleme. Foto: Adrian Moser

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In Freiburg ist in den vergangenen Tagen ein Landschaftsgärtner bei der Arbeit in ­brütender Hitze zusammengebrochen. Kurz danach ist er im Spital gestorben. Das berichtet François Clement, Verantwortlicher für Gesundheit bei der Unia. Vieles spreche dafür, dass der Tod auf Überhitzung ­zurückzuführen sei. Abklärungen seien im Gang. Der Fall war bis jetzt nicht publik.

Gemäss Clement haben die Gewerkschafter in den vergangenen Tagen sehr viele Gärtner, Dachdecker und Strassenbauer ­angetroffen, die ob der Hitze kollabiert seien oder gar einen Hitzschlag erlitten. «Eine solche Häufung gab es zuvor noch nie», sagt der Unia-Mann. Für ihn ist klar: «Der Klimawandel schafft neue Arbeitsbedingungen. Die Gesetze müssen angepasst werden.»

In der Tat stellen die Hitzerekorde Behörden vor ganz neue Probleme: Der Kanton Waadt steht erstmals vor der Frage, ob die Ar­beitslosenkasse zahlen muss, wenn wegen der Hitze nicht gearbeitet werden kann, wie ­Nachforschungen dieser Zeitung zeigen.

François Vodoz, Generalsekretär der kantonalen Wirtschafts­direktion, bestätigt, dass im Juni dreiBaufirmen sogenannte Schlechtwetterentschädigungen für ihre Mitarbeiter forderten, weil es zu heiss war für die Arbeit. Vodoz rechnet damit, dass nach dieser Woche erneut Anträge eingehen. «Wir hatten zuvor noch nie solche Gesuche», sagt er. Auch in Bern und Basel gab es derartige Anfragen bis jetzt nur in Kälteperioden.

Es fehlt an einer konkreten Temperaturlimite

Der Waadtländer Beamte Vodoz sagt: «Es ist nicht klar, unter ­welchen Umständen Gesuche für Schlechtwetterentschädigungen bei Hitzewellen bewilligt werden können.» Man habe bei der Bundesbehörde deshalb eine Klärung eingefordert.

Eine handfeste Antwort hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) aber nicht: Es teilt zwar mit, dass Schlechtwetterentschädigungen von der Arbeitslosen­kasse grundsätzlich auch bei ­Hitze möglich seien. Eine Temperatur­limite gebe es aber nicht. Das reichlich vage Kriterium der ­Bundesbehörde lautet: «Sobald eine Gesundheitsgefährdung vorliegen ­könnte, kann das Gesuch bewilligt ­werden.» Der konkrete Entscheid falle in die Kompetenz der Kantone.

Zumindest im Waadtland wird es wohl bald eine obere Temperaturgrenze für die Arbeit im Freien geben. Der Kanton führt ein Pilotprojekt mit eigenem Fonds für temperaturbedingte Arbeitsausfälle. Er wird von Arbeitnehmern, Ar­beit­gebern und dem Kanton gespeist. Die bisherige Regel: Sobald das Thermometer unter –8 Grad fällt, müssen Baustellen geschlossen werden. Im Juni wurde der Fonds nun erstmals provisorisch auch für Arbeitsausfälle bei Hitze ­geäufnet.

Derweil feilschen Gewerkschaften und Arbeitgeber laut Clement um eine fixe Temperaturobergrenze. Wird man sich einig, werden Baustellen automatisch geschlossen, sobald die Temperatur über die vereinbarte Grenze hinaus­klettert. «Wir möchten, dass ­dieses Modell zum Vorbild für die ganze Schweiz wird», sagt Unia-Mann Clement. Unterstützung erhält er von Regula Rytz, Präsidentin der Grünen, die das Thema ins Parlament bringen will.

Baufirmen möchten morgens früher mit der Arbeit beginnen

Tatsächlich machen sich auch die Arbeitgeber schweizweit Sorgen wegen der gehäuften Hitzetage. Dass das im Winter rege ­beantragte Schlechtwettergeld künftig auch für Hitzetage verteilt werden soll, halten allerdings viele in der Baubranche für eine schlechte Lösung. Denn gerade zum Bauen seien sonnige Sommertage die beste Zeit, sagt Matthias Engel vom Baumeisterverband.

Die Bauunternehmen kämpfen für einen anderen Ansatz: Sie würden an Hitzetagen am morgen lieber statt um 7 Uhr bereits um 5 oder 6 Uhr ihre Arbeit beginnen, wenn es noch kühl ist, und am Mittag nur eine minimale Pause machen. So ­hätten die Mitarbeiter am frühen Nachmittag, wenn es richtig heiss wird, bereits Feierabend. Das würden auch Gewerkschaften befürworten.

Doch die lärmempfindliche Bevölkerung in Städten macht den Baumeistern einen Strich durch die Rechnung: «Solch flexible Arbeitszeiten sind heute kaum noch möglich. Baustellenequipen müssen froh sein, wenn sie überhaupt vor 7 Uhr mit ihrer Arbeit beginnen dürfen», sagt Engel. Die Festlegung der Zeiten, während derer Bauarbeiten erlaubt sind, liegt in der Kompetenz der Gemeinden und Kantone. «Ausgerechnet ­Städte mit hoher Bautätigkeit wie Zürich, Basel oder Bern verbieten ­«lärmige Bauarbeiten» vor 7 Uhr, erklärt Engel. Hinzu kämen oft Mittagsruhezeiten von über einer Stunde: In Zürich zum Beispiel dürfe zwischen 12 und 14 Uhr kaum gebaut werden.



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Erstellt: 27.07.2019, 22:21 Uhr

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