Armee schafft Stelle für Transmenschen

Das Schweizer Militär will Personen aufnehmen, die weder eindeutig männlich noch weiblich sind.

Claudia Sabine Meier, die erste Transsexuelle in der Schweizer Armee Foto: Remo Nägeli

Claudia Sabine Meier, die erste Transsexuelle in der Schweizer Armee Foto: Remo Nägeli

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Während Generationen war sie der Ort, an dem junge Kerle zu «richtigen» Männern wurden. In Zukunft soll in der Schweizer Armee auch Platz für Transmenschen sein. «Das Militär ist auf die Legitimität der Gesellschaft angewiesen», begründet die Armee die Neuorientierung.

Um das Transgender-Thema zu integrieren, ist bei der Abteilung Personelles der Armee von der ­Öffentlichkeit unbemerkt eine neue Dienststelle geschaffen worden: «Diversity Schweizer Armee». Sie beschäftigt sich mit sexueller Orientierung und der Geschlechtsidentität von Armeeangehörigen und arbeitet eng mit dem Kommando Rekrutierung, dem militärärztlichen Dienst und der Rechtsabteilung der Armee zusammen.

In einer Arbeitsgruppe zum Thema ist zudem die oberste Armeeführung damit vernetzt. Weitere Themen der Fachstelle sind der Umgang mit sprachlichen Minderheiten oder mit Religionen.

Frau Meier brachte die Armee erstmals ins Rotieren

Ins Grübeln kamen die Armeekader erstmals beim Outing von Claudia Sabine Meier – der ersten Transsexuellen in der Schweizer Armee. Als Andreas Meier hatte der ehemalige Hoteldirektor aus Schwefelberg-Bad BE 600 Diensttage absolviert. Als sie sich 2013 für einen friedensfördernden Einsatz in Kosovo meldete, standen die Militärs wegen ihrer Geschlechtsumwandlungsoperation vor einem Problem: Gemäss der militärischen Krankheitslehre ist ­Transsexualität ein zwingender Grund für Dienstuntauglichkeit.

«Militär ist für mich eine Or­ganisation, nicht männlich, nicht weiblich, Militär ist für mich ein Auftrag», argumentierte Meier damals in einer Dokumentation des Schweizer Fernsehens. Damit überzeugte sie letztendlich den ­Armeearzt und die Armeeführung. Im Anschluss an den Swisscoy-­Einsatz in Kosovo bekam die gesellige Armeeköchin vom Militär sogar ein weiteres Angebot.

Nach wie vor sieht das bestehende Reglement der Armee bei Transsexualität Untauglichkeit für Militär- und Zivilschutzdienst vor. In der Praxis haben sich die Militärs aber nach dem «Fall Meier» den gesellschaftlichen Realitäten angepasst. Attestiert ein Facharzt einem Stellungspflichtigen psychische und körperliche Gesundheit und zudem «ausreichend Stressresistenz, Resilienz sowie Ein- und Unterordnungsfähigkeit», stehe der Aufnahme einer transsexuellen Person in die Armee grundsätzlich nichts entgegen.

Studie zeigt: Homophobie ist weit verbreitet

Zahlenmässig sind solche Fälle noch eher selten – pro Jahr sind die Militärärzte durchschnittlich mit 18 Transsexualitäts-Diagnosen konfrontiert. Doch brauche die Armee, mehr als andere Institutionen, das Vertrauen der Gesellschaft und ­daher auch ein funktionierendes ­Diversity Management, begründet Armeesprecher Stefan Hofer den Schritt: «Nur so könne eine einheitliche Handhabung sichergestellt, Vorurteile abgebaut und Diskriminierung verhindert werden.»

Unklar ist, wie die Bevölkerung auf diese Öffnung reagieren wird. Dass hier tief greifende Vorbehalte selbst gegen Schwule bestehen, zeigt die Ende Mai publizierte ETH-Studie «Sicherheit 2019». Bei der repräsentativen Befragung von Stimmberechtigten schlossen sich 14 Prozent der Befragten der Aussage an, dass Homosexuelle den Zusammenhalt der Truppe beeinträchtigten.

Das Thema hatte im Januar auch die Eidgenössische Kommission für Jugend- und Rekruten­befragungen (ch-x) auf ihrer Traktandenliste. Die Kommission plant ab 2020 eine Erhebung bei 50'000 stellungspflichtigen Männern und 3000 Frauen zum Thema soziale Netzwerke. Zu reden gab an der Sitzung im Bahnhofbuffet Olten die als heikel eingestufte Frage nach dem Geschlecht, wie ein mit dem Öffentlichkeitsgesetz beschafftes Sitzungsprotokoll zeigt.

Künftig wollen sich die Interviewer der Armee dem Transgender-Thema mit einer Frage zum gefühlten Geschlecht annähern. In einem ersten Schritt wird wie ­bisher nach dem biologischen ­Geschlecht gefragt. Dann fragen die Forscher nach dem Geschlecht, mit dem sich die 19-Jährigen identifizieren. Hier können die Befragten neben Mann und Frau auch «andere» ankreuzen. Erste Tests mit dem Fragebogen wurden in Rekrutierungs­zentren, Rekrutenschulen und bei rund 40 jungen Frauen einer Berufsschule durchgeführt. «Die Fragen kommen gut an», sagt Luca Bertossa, der wissenschaftliche Leiter von ch-x.

«Ein sehr zögerlicher Schritt in die richtige Richtung»

Die zusätzliche Transmenschen-Frage angeregt haben die Schwulenorganisation Pink Cross und das Transgender Network Switzerland. Für dieses ist die Neuerung «ein wichtiger, wenn auch sehr zögerlicher und keinesfalls ausreichender Schritt» in die richtige Richtung. Zusätzlich solle auch Cis-, Inter- oder Trans-Geschlechtlichkeit erfasst werden, fordert es.

Zudem verlangt die Organisation ein Freifeld zum Geschlecht: «für weitere, bisher nicht aufgenommene Bezeichnungen». Nur so könne dieses konsequent und ganzheitlich erfasst werden.

Erstellt: 15.06.2019, 18:32 Uhr

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