Aroser Bergluft für den gequälten Zirkusbären

«Cappuccino» Silva war jahrelang in einem engen Käfig eingesperrt. Nun soll er der erste von fünf Bewohnern im neuen Bärenland in Arosa werden.

Hat wieder Vertrauen zu den Menschen: «Cappuccino» Silva im Zoo von Palic. Foto: Vier Pfoten.

Hat wieder Vertrauen zu den Menschen: «Cappuccino» Silva im Zoo von Palic. Foto: Vier Pfoten.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sanft sei er. Neugierig. Und ziemlich gefrässig. Kristijan Ovari, Biologe des Zoos im serbischen Palic, muss es wissen. Er betreut das zottelige Tier. Im Sommer wird das Bärenland in Arosa eröffnet – und dieser Petz, das steht jetzt fest, wird der erste Bewohner sein.

Der Import-Bär aus Serbien bringt derzeit 350 Kilo auf die Waage. Elf Jahre ist er alt, ein männlicher Mischling, gekreuzt aus Braun- und Eisbär. «Cappuccino», nennt man in der Bären-Branche den exotischen Gen-Mix. «In der Natur paaren sich Braun- und Eisbären selten», sagt Ovari, «weil sie komplett andere Lebensräume haben.» Aber in Gefangenschaft sei das durchaus möglich – «ähnlich wie Paarungen zwischen Löwen und Tigern».

Im Juli, so ist es geplant, soll der Balkan-Bär von Palic im äussersten Norden Serbiens nach Arosa übersiedeln – er reist per Eisenbahn, Lastwagen und Luftseilbahn in die Bündner Berge.

Video: Der Cappuccino-Bär wird aus seinem engen Käfig befreit.

Video: Vier Pfoten

In Palic haben ihn die Tierpfleger Silva getauft. Doch seinen offiziellen Namen wird er erst nach seiner Ankunft in der Schweiz erhalten, wie die Tierschützer von der Stiftung Vier Pfoten erklären. Sie finanzieren zusammen mit zwei weiteren Stiftungen das drei Hektaren grosse Bärenschutzzentrum mit 4,5 Millionen Franken. Fünf Bären sollen hier, in der Nähe der Weisshorn-Mittelstation in Arosa, artgerecht untergebracht werden, alle aus qualvollen Verhältnissen stammend. Wie Silva, der früher ein Dasein als Zirkusbär fristete.

«Er konnte sich in seinem Käfig nicht einmal aufrichten»

Er habe «unter schrecklichen Verhältnissen» im inzwischen geschlossenen serbischen Zirkus Corona gelebt, sagt Carsten Hertwig, Bären-Experte bei Vier Pfoten und Vizepräsident der Stiftung Arosa Bären. «Wir fanden ihn und zwei Braunbären in winzigen, verrosteten und vermüllten Metallkäfigen, Regen und Sonne schutzlos ausgeliefert.» Silva ist ein grosser Bär, «er konnte sich in seinem Käfig nicht einmal aufrichten», sagt Hertwig, «und das vermutlich jahrelang». Seit 2009 dürfen Zirkusse in Serbien keine Wildtiere mehr halten, «daher ist anzunehmen, dass er über Jahre nicht aufgetreten ist und seinen Käfig kaum verlassen konnte».

Regen und Sonne schutzlos ausgeliefert: Bär Silva im Gehege des serbischen Zirkus Corona. Foto: Vier Pfoten.

Silva und die beiden anderen Zirkusbären wurden im Oktober 2016 von den serbischen Behörden, mit Unterstützung der Tierschützer von Vier Pfoten, konfisziert. Die Braunbären kamen in den Bärenwald im deutschen Müritz, Silva in den Zoo von Palic.

Im Sommer Braunbär, im Winter Eisbär

«Als er zu uns kam, war er total verängstigt», sagt Zoo-Biologe Kristijan Ovari. Der Gesundheitszustand das Tieres war schlecht. «Ein Teil seiner Zunge fehlte, ein Zahn war abgebrochen.» Ein Teil des Kiefers scheint stark beschädigt zu sein.

Silva zeigte auch dieses stereotype Verhalten, wie es für Tiere in Gefangenschaft typisch ist, lief ständig die gleichen paar Meter hin und her, warf unentwegt den Kopf von links nach rechts. «Wir haben zu Beginn grosse Anstrengungen unternommen, damit er diese Verhaltensstörungen überwindet», sagt Ovari. «Er fing dann relativ schnell an, den Pool zu benutzen und mit den Baumstämmen zu spielen, die wir ins Gehege legten.»

Wegen seiner Ahnengalerie ist Silva grösser als ein normaler Braunbär und verhält sich im Winter wie ein richtiger Eisbär: Er wird zum Fleischfresser. Im Sommer kenne er dann das Wort «genug» nicht, wenn es um Früchte gehe, sagt Ovari. Inzwischen habe der künftige Arosa-Bär deutlich an Muskelmasse zulegen können – und es auch geschafft, wieder Vertrauen zu den Menschen zu fassen. Vor den Betreuern im Zoo habe er keine Angst – mit Ausnahme des Tierarztes, sagt Ovari: «Aber wer mag schon einen Typen, der ständig mit einer Spritze aufkreuzt?» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.04.2018, 20:36 Uhr

Artikel zum Thema

Qualvolles ­Leben – für einen ­Irrglauben

SonntagsZeitung Der Bärengalle wird in Asien heilende und potenzsteigernde Wirkung nachgesagt. In Vietnam werden Bären deshalb unter grausamen Bedingungen gehalten. Mehr...

Der verzweifelte Dompteur

René Stricklers Raubtierpark in Subingen SO droht die Räumung. Wenn kein Wunder mehr geschieht, sterben seine 18 Raubkatzen durch die Todesspritze. Mehr...

Ein Wort ärgert die Tierschützer

«Dank Familienanschluss» sollen Schweizer Kühe glücklich sein, wirbt Swissmilk. Was ist mit Familienanschluss gemeint? In diesem Streit fiel nun ein Entscheid. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Teilnehmer des jährlichen «North East Skinny Dip» rennen in das Meer bei Druridge Bay in England. (23. September 2018)
(Bild: Scott Heppell) Mehr...