Atlantis liegt in der Nordsee

Bis vor 8000 Jahren jagten Steinzeitmenschen Grosswild auf Doggerland, einer heute versunkenen Landmasse.

Auf Doggerland lebten unter anderem auch Mammuts. Illustration: akg/North Wind Picture Archives

Auf Doggerland lebten unter anderem auch Mammuts. Illustration: akg/North Wind Picture Archives

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Das Forschungsschiff RV Belgica zog in den letzten Tagen zwischen der ostenglischen Küste und den ­Niederlanden seine Kreise. Alle Aufmerksamkeit galt dabei dem Meeresboden. Ein internationales Team von Wissenschaftlern sucht dort, im Süden der Nordsee, nach Spuren des versunkenen Landes Doggerland, eines Atlantis’ des Nordens. Doch im Gegensatz zum sagenumwobenen Inselstaat ist es unbestritten, dass Doggerland tatsächlich einst auf der Karte Europas zu finden gewesen wäre, ­hätte vor 10'000 Jahren jemand Karten des Kontinents gezeichnet.

Während der letzten Eiszeit lagen die Küsten Nordeuropas bis zu 120Meter tiefer als heute. Europa hatte damals, so schätzen die Forscher, bis zu vier Millionen Quadratkilometer mehr Landmasse, ein beträchtlicher Teil davon lag in der Nordsee und war grossteils mit Eis bedeckt. Als die Gletscher nach Ende der Eiszeit vor 12'000 Jahren langsam zu schmelzen begannen, gewannen die Menschen bewohnbare Landmassen hinzu, die das Meer jedoch mit dem weiteren Abschmelzen des Eises Stück für Stück überflutete.

Die Forscher schätzen, dass der Meeresspiegel etwa ein bis zwei Meter pro Jahrhundert stieg. Für mindestens 2000 Jahre gab es wohl eine Landbrücke zwischen dem heutigen Grossbritannien und Skandinavien. Helgoland ragte als weithin sichtbarer, rot leuchtender Sandsteinfelsen aus einer Graslandschaft heraus. Womöglich war es für die Doggerländer ein ähnlich imposantes Monument wie heute der Ayers Rock in Australien, glauben die Wissenschaftler. Die letzten Reste von Doggerland verschlang die Nordsee vor ungefähr 8000 Jahren.

Während seiner Blütezeit war das verlorene Land mehr als 100'000 Quadratkilometer gross, mit grünen Hügeln, weiten Ebenen, Seenlandschaften und weit verzweigten Flüssen. Die Jäger und Sammler der Mittelsteinzeit gingen hier auf Grosswildjagd, erlegten Hirsche, Mammuts und Auerochsen und ernährten sich von dem, was die fruchtbare Schwemmlandschaft hergab.

Dass der Meeresgrund so manchen archäologischen Schatz birgt, zeigte sich bereits vor mehr als hundert Jahren, als Fischer mit Gewichten beschwerte Schleppnetze über den Meeresgrund der Nordsee zogen. Ab und zu landeten Hörner oder Knochen von Auerochsen in den Netzen. In den 1980er-Jahren fischten Hobbyarchäologen sogar einen menschlichen Kiefer aus dem Wasser. Eine Altersbestimmung zeigte, dass er 9500 Jahre alt war.

Forscher fanden Überreste von steinzeitlichem Picknick

Seit 2002 gibt es Forschungen zum versunkenen Doggerland. Das Team um den britischen Landschaftsarchäologen Vincent Gaffney von der Universität Bradford analysierte bereits Bohrkerne vom Meeresboden aus der Region, die Aufschluss über die steinzeitliche Vegetation in der Nordsee-Ebene geben. In jener 10'000 Jahre alten Schicht fanden die Archäologen Haselnussschalen und Pflaumenkerne, vielleicht die Überreste eines steinzeitlichen Picknicks, Spuren von Moosen und Nachtschattengewächsen und verschiedene Käfer.

Pollenfunde in den Bohrkernen machen es zudem möglich, die Vegetation von Doggerland zu rekonstruieren. Vor 10'000 Jahren löste eine grünere Landschaft die gegen Ende der Eiszeit vorherrschende Steppentundra ab. Birken-, Kiefer- und Espenwälder breiteten sich aus, später auch Laubwälder mit Ulmen, Eichen und Linden. Anstelle von Rentieren grasten nun Hirsche, Auerochsen und Wildschweine.

Die Aufgabe der RV-Belgica-Crew ist anspruchsvoll. Mithilfe eines Greifinstruments entnehmen die Forscher Bodenproben. Ihre Suche konzentrieren sie im Moment auf eine 30 Kilometer lange Untiefe namens «Brown Bank». Das Meer ist dort an gewissen Stellen nur rund 13 Meter tief. Jeweils einen Meter können sie pro Tauchgang erfassen in einem Gebiet, das ungefähr so gross ist wie die heutigen Niederlande.

Trotzdem hoffen sie auf einen grossen Fund. «Sollten sich tatsächlich Hinweise auf eine Siedlung finden, wäre das ein Durchbruch», sagt Gaffney. «Die Landschaft mit den herumziehenden Herden war für Gruppen von Jägern und Sammlern attraktiv.»

Im Rahmen des Forschungs­projekts «Europe’s Lost Frontiers» haben Wissenschaftler bereits die Oberflächenstruktur des Meeresbodens erfasst und eine ­ungefähre Karte von Doggerland erstellt. Am Brown-Bank-Projekt beteiligte belgische Forscher glauben, in den seismischen Daten ein Flusssystem und einen See entdeckt zu haben, an dessen Ufer sich ­Siedlungsreste befinden könnten.

Themse und Rhein vereinten sich zu einem Riesenstrom

Schon in den 1930er-Jahren hatte ein Fischer in der Region eine 21 Zentimeter lange ­Geweihspitze mit einer seitlichen Reihe von Einkerbungen, die wie Widerhaken aussahen, aus seinem Netz gezogen. Archäologen schätzten ihr Alter auf rund 11'000 Jahre, vermutlich diente das Objekt einem steinzeitlichen Bewohner von Doggerland als Harpunenspitze.

Auch die Flüsse Europas hatten in jener Zeit noch andere ­Verläufe. Sie bahnten sich ihren Weg in gewaltigen Tälern, die Elbe beispielsweise floss noch vor 12'000 Jahren weit im Norden auf der Höhe der heutigen schottischen Lowlands ins Nordmeer. Die Themse ­endete nicht im Ärmelkanal, sondern vereinte sich mit dem Rhein zu einem Riesenstrom, der im Westen auf der Höhe der Bretagne in den ­Atlantik mündete.

Als der Meeresspiegel anstieg, schob sich Brackwasser immer ­weiter ins Land, erste Wattflächen entstanden. Gerade zwischen der englischen Küste und Doggerland drang das Meer immer weiter vor. Doggerland war schliesslich noch längere Zeit eine Insel, bis es vor 8000 Jahren zum dramatischen Storegga-Erdrutsch kam, bei dem alles, was übrig blieb, im Meer ­versank. Auf einer Länge von ­einigen Hundert Kilometern kamen damals vor der Küste Norwegens etwa 3000 Kubikkilometer Schlamm ins Rutschen und stürzten die steilen Unterseehänge ­hinab. Bis zu 20 Meter hohe Flutwellen breiteten sich Richtung Grönland aus, fünf bis zehn Meter hohe Wellen erreichten Doggerland. Deshalb hat das Forschungsprojekt nicht nur eine historische Perspektive. Es geht auch darum, einen sehr aktuellen Prozess besser zu verstehen: Was ­passiert, wenn die Meeresspiegel steigen und Küstengebiete zu überfluten drohen?

Die Doggerländer mussten erfahren, wie sich ihr Lebensraum rasch verkleinerte. «Das Meer stieg so schnell, dass die Menschen damals vermutlich wussten, dass das Wasser das Land ihrer Vorfahren verschlungen hatte», sagt Gaffney. Diese Urerfahrung sei prägend und vermutlich die Quelle von Legenden gewesen.

Gleichzeitig gelte es als Warnung für heute. Ein derartiger Untergang eines ganzen Landstrichs nähre Zweifel, ob sich die grossen Hafenstädte und die tief liegenden Küstenregionen einfach mit mächtigen Deichanlagen vor dem steigenden Meeresspiegel schützen könnten. «Die Menschen von Doggerland mussten einst vor dem steigenden Meer fliehen», sagt Gaffney. «Und wir müssen uns fragen: Wo werden wohl die Menschen im heutigen Bangladesh in hundert Jahren leben?»

Mitarbeit: Hubert Filser



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Erstellt: 19.05.2019, 00:22 Uhr

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