«Auch eine Jugendherberge kann für Extravaganz stehen»

Gerhard Walter, der Direktor von Engadin St. Moritz Tourismus, will dem Nobelort wieder zu mehr Glanz verhelfen.

«Es erstaunt mich immer wieder, wie emotional die Gäste mit dem Tal verbunden sind. Das Engadin ist niemandem wurst»: Gerhard Walter. Foto:  Claudio Bader

«Es erstaunt mich immer wieder, wie emotional die Gäste mit dem Tal verbunden sind. Das Engadin ist niemandem wurst»: Gerhard Walter. Foto: Claudio Bader

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Walter, fahren Sie ein Elektroauto?
Nein, ich fahre aufgrund einer Kooperation mit BMW einen konventionellen Diesel, allerdings einen der neueren Generation. Ziel wäre aber ein Elektroauto.

Ihre Gemeinde will die Formel E nach St. Moritz holen. Warum?
Dieses Projekt existiert schon länger. Der Vorgänger unseres heutigen Gemeindepräsidenten hat schon mit den Organisatoren der Formel E verhandelt – damals, als der Event dann nach Zürich kam. Die Gespräche scheiterten an den finanziellen Forderungen der Organisatoren. Christian Jott Jenny, der aktuelle Gemeindepräsident, hat den Ball nun einfach geschickt aufgenommen und die Idee erneut lanciert.

Wäre St. Moritz überhaupt für so ein Rennen geeignet?
Unsere Region hat im Bereich Nachhaltigkeit einiges zu bieten, auch wenn wir das noch nicht aktiv vermarkten. Nur weil wir auf Muottas Muragl ein Hotel haben, das mehr Energie produziert, als es braucht, schreibt noch niemand darüber. Die Formel E hätte da eine deutlich breitere Wirkung.

Was tut der Ort denn schon für die Umwelt?
Wir haben unsere Energieversorgung weitgehend selber in der Hand, arbeiten mit Wasserkraft und relativ viel Sonnenergie. Mit der Rhätischen Bahn (RhB) haben wir zudem einen Partner für eine umweltfreundliche Mobilität. In Planung ist auch, dass Grossanlässe, die bei uns stattfinden, künftig durch eine Nachhaltigkeitsprüfung müssen.

Ihre Klientel reist doch nicht mit der Rhätischen Bahn an, sondern mit dem Maserati oder dem Privatflieger.
Dann liegt es an der RhB, künftig noch mehr Angebote zu kreieren wie etwa die neue «Excellence Class» im Glacier Express, die wir vor kurzem eingeweiht haben. Menschen, die im Flieger in der First oder der Business Class sitzen, wollen nicht in der Holzklasse nach St. Moritz reisen.

Overtourism ist seit einiger Zeit ein grosses Thema. Läuft die Schweiz Gefahr, auch von Touristen überrannt zu werden?
Ich sehe höchstens für Luzern eine Gefahr. Aber die Schweiz sollte sich damit auseinandersetzen und die Debatte auch als grosse Chance sehen.

Der grosse Konkurrent Österreich arbeitet bereits an einem Masterplan für einen nachhaltigen Tourismus. Wertschöpfung für alle – auch für die Einwohner – lautet das neue Motto. Müsste die Schweiz nicht dasselbe tun?
Doch, ich fände es gut, wenn die klugen Köpfe der Branche eine nationale Tourismusstrategie ausarbeiten würden. Wir arbeiten mit Strukturen, die vor Jahrzehnten entwickelt wurden. Durch die Digitalisierung hat sich das Geschäft extrem verändert. Aber wir arbeiten unverändert mit dem alten System. Dabei müssten wir tabulos den Status quo hinterfragen: Braucht es künftig beispielsweise noch lokale, regionale und nationale Tourismusorganisationen?

Die Schweiz hat zu viele Tourismusvereine?
Es gibt Ineffizienzen. Ein Beispiel: Graubünden Ferien hat vor einiger Zeit angekündigt, den Kanton international stärker zu vermarkten. Das heisst, dass unsere Verkaufsleute künftig in China oder den arabischen Emiraten denjenigen von Graubünden Ferien und Schweiz Tourismus über den Weg laufen. Wir geben also parallel Geld für dasselbe aus. Das halte ich für sinnlos.

Sie sind von Österreich ins Engadin gezogen. Wo wohnen Sie?
In Pontresina. Ich habe mich damals für drei Wohnungen interessiert. Mein Favorit war in Champfèr. Doch der Makler dort hat mich mit Schweizer Bürokratie gequält. Er wollte sogar noch wissen, was meine Eltern beruflich machen, verlangte einen Gehaltsausweis über die letzten sechs Monate. Das fand ich absurd. Der Mann wusste haargenau, was ich für einenJob in St. Moritz übernehme.

Und abends werden Sie von den Reichen in ihre Chalets eingeladen?
Manchmal, ja. In meiner Position lernt man viele interessante Menschen kennen und in St. Moritz natürlich auch. Wobei man oft unterschätzt, wie viele prominente Gäste nicht in St. Moritz wohnen, sondern in den anderen Dörfern des Engadins. Es erstaunt mich auch immer wieder, wie emotional diese Gäste mit dem Tal verbunden sind. Das Engadin ist niemandem wurst.

Und an solchen Nachtessen treiben Sie auch gleich Geld ein für geplante Events? Hier oben muss Fundraising nicht allzu schwer sein.
(Lacht) Könnte man glauben. Tatsache ist, dass in vielen Unternehmen heute strenge Compliance-Richtlinien zum Thema Sponsoring herrschen und daher niemand einfach ein Ad-hoc-Sponsoring mit mir ausmachen kann. Aber solche Abende können vielleicht ein Anfang sein. St. Moritz und das Engadin profitieren oft von Unternehmerpersönlichkeiten, die Aktivitäten im Sport- oder Kulturbereich fördern.

Wer ist die interessanteste Person, die Sie in St. Moritz kennen gelernt haben?
Ich setze mich in die Nesseln, wenn ich jetzt einen Namen nenne, und zu den guten Eigenschaften eines Tourismus-CEO gehört auch Diskretion. In meiner Funktion als Tourismusdirektor lernt man Politiker, Minister, Schauspieler und Musiker kennen – einige davon haben mich wirklich nachhaltig beeindruckt. Beispielsweise Schauspielerin Sharon Stone, die ich letztes Jahr in St. Moritz getroffen habe.

Der Formel-E-Coup wurde von Gemeindepräsident und Künstler Christian J. Jenny lanciert und nicht von Ihnen, obwohl es sich um ein touristisches Grossereignis handelt. Ärgert Sie das?
Nein, das war intern abgestimmt. Der Grossteil der Arbeit und Infrastruktur betrifft auch die Gemeinde.

Sie geben sich betont gelassen, wenn es um den umtriebigen neuen Gemeindepräsidenten geht. Aber mutet es nicht seltsam an, dass Jenny in einem halben Jahr Amtszeit schon weit mehr Schlagzeilen produziert hat als Sie in zwei Jahren?
Gelassenheit ist eine meiner Stärken. Die mediale Aufmerksamkeit von Christian stresst mich nicht. Der Grossteil der Berichterstattung drehte sich um seine Wahl zum Gemeindepräsidenten. Wenn St. Moritz dank ihm wiedermehr im Rampenlicht steht, ist das nur gut.

Jenny führt sich auf wie ein Tourismusdirektor. Sie sollten den Job tauschen.
Um Himmels willen, nein. Ich wäre als Politiker ungeeignet.

Ferienhausbesitzer hier oben sagen aber, man nehme Sie öffentlich nicht wahr. Ganz im Unterschied zu Ihrem Vorvorgänger Hanspeter Danuser.
Natürlich beanspruche ich eine Bühne. Hanspeter Danuser war zu seiner Zeit sehr erfolgreich und hatte dazu 30 Jahre Zeit. Ich glaube aber nicht, dass diese One-Man-Show heute noch möglich wäre. In der heutigen Zeit braucht es funktionierende Teams und gute Netzwerke.

Und die pompöse Vor-Hochzeitfeier des reichen Inderpaars im Februar? Das hätte Ihr Auftritt sein müssen und nicht der von Jenny.
Ja, da war einiges nicht sauber abgestimmt. Die Insider wissen, dass es mein Team war, das den Anlass nach St. Moritz geholt hat.

Wollen Sie noch mehr indische Hochzeiten ins Engadin holen?
Auf jeden Fall. Der Hochzeitstourismus ist von der Wertschöpfung her sehr interessant. Auch Schweiz Tourismus fokussiert in Zukunft darauf. In der indischen Oberschicht hat Heiraten einen gesellschaftlich hohen Stellenwert. Und die Inder assoziieren die Schweiz mit Bergen – vor Österreich oder Deutschland. Das spielt uns in die Hände.

Und wie sieht die Wertschöpfungsbilanz des Mega-Events vom Februar aus?
Wir sind noch in der Analyse. Die Hochrechungen gingen ja mal von etwa 100 Millionen Franken aus. Ich kann diese Zahl noch nicht bestätigen.

Sie haben in den letzten zwei Jahren die Strategie der Region überarbeitet. Das Resultat: Die Marke St. Moritz wird nun wieder getrennt von der Marke Engadin mit Orten wie Pontresina oder Silvaplana vermarktet. Warum war das nötig?
Schauen Sie die Logiernächte-Entwicklung an. Wir mussten etwas ändern.

«Zermatt hat ein klares, profiliertes Angebot und einen Berg namens Matterhorn. St. Moritz hingegen hatte einen massiven Bettenverlust und ein paar hausgemachte Probleme»Gerhard Walter

Die Glamour-Marke St. Moritz wurde also verwässert.
Sagen wir es so: Sie blieb unter ihrem Potenzial. Markenführung heisst eben auch Mut zur Zuspitzung. Dahin wollen wir zurück.

Künftig soll St. Moritz unter dem Begriff «Extravaganz» verkauft werden. Heisst das, der Ort braucht noch mehr Hotelbetten im 5-Stern-Segment?
Das hat nichts damit zu tun. Extravaganz steht für «mehr von etwas». Das könnte auch eine Jugendherberge oder eine Ferienwohnung erfüllen. Von einer Jugendherberge in St. Moritz wird mehr erwartet als anderswo.

Und erfüllt die Jugendherberge St. Moritz dieses Kriterium?
Noch nicht ganz. Wichtig ist mal ein gemeinsames Verständnis, wo wir hinwollen.

Das tönt wenig konkret. Nennen Sie uns ein Beispiel für Extravaganz.
Neues wie beispielsweise ein Car-Event wie «The Ice» auf dem gefrorenen See, ein Start-up-Lokal, La Scarpetta, von jungen St. Moritzern oder das Lokal Balthazar der Familie Gucci. By the way: Auch die Kombination österreichischer Kurdirektor und Zürcher Operntenor als Gemeindepräsident ist extravagant.

Polo, White Turf, Gourmet-Festival: St. Moritz wirkt auf mich wie ein Ort, der mit seinen Events vor allem vermögende grau melierte Herren anspricht. Wie wollen Sie mehr junge Leute in den Nobelort holen?
Sicher könnten wir noch mehr Anlässe wie das Jazzfestival, das ein Publikum zwischen 30 und 40 Jahren anzieht, brauchen. Derzeit ist ein Festival für den Winter in der Pipeline, das von einer Gruppe von St. Moritzern unter dem Titel «No tomorrow» entwickelt wird. Da gehts um moderne, junge Musik.

St. Moritz hat seit Ihrem Amtsantritt zwar Logiernächte gewonnen. Über die letzten 10 Jahre sieht die Bilanz aber negativ aus, während Zermatt zulegte. Was machen die Walliser besser?
Zermatt hat im Unterschied zu uns keine Hotelbetten verloren. Sie haben ein klares, profiliertes Angebot und einen Berg namens Matterhorn. St. Moritz hingegen hatte einen massiven Bettenverlust und ein paar hausgemachte Probleme. Die Steigerung der letzten zwei Jahre haben wir mit der bestehenden Bettenzahl geschafft. Das heisst, die Wertschöpfung pro Zimmer ist angestiegen. Das stimmt mich optimistisch, weil die Betriebe so wieder investieren können.

Was ist Ihr Ziel – das Logiernächte-Niveau des Spitzenjahrs 2008 wieder zu erreichen?
Ja, das ist das primäre Ziel und realistisch. Im Vordergrund steht in Zukunft die Wertschöpfung.

Keine Angst, dass Ihnen der wiedererstarkte Franken einen Strich durch die Rechnung macht?
Klar, habe ich keine Freude an der aktuellen Kursentwicklung. Aber ich mache mir nicht zu viele Gedanken. Wir haben sowieso keinen Einfluss darauf.

Die Deutschen kommen wieder vermehrt in die Schweiz. Welche Nationen wollen Sie daneben nach St. Moritz holen?
Mit der Marke Engadin zielen wir auf die Nahmärkte in Europa. St. Moritz soll international verkauft werden. Dabei sind Indien, China, USA und Brasilien die wichtigsten Länder. In Italien, unserem drittwichtigsten Markt, haben wir leider nach wie vor Probleme. Wenn es so weitergeht, werden sie demnächst von den Amerikanern auf Platz drei der wichtigsten Gästegruppen abgelöst.

Bei welcher Nation haben Sie das grösste Logiernächte-Plus dieses Jahr?
Bei den Engländern – Brexit hin oder her. Das erstaunt mich sehr. Ich habe keine Erklärung dafür.

Schweiz Tourismus, die ­nationale Tourismus-Organisation, hat nach sehr langer Zeit mit Martin Nydegger einen neuen Direktor bekommen. Spüren Sie eine Veränderung?
Ich habe einen guten Draht zu ihm. Aber wir gehen inzwischen verstärkt unseren eigenen Weg und arbeiten in einzelnen Märkten auch mit anderen Partnern zusammen. Schweiz Tourismus ist nicht der einzige Partner. Russland zum Beispiel bearbeiten wir mit Zürich Tourismus zusammen.

Sie sind seit zwei Jahren im Amt. Mit welcher Bilanz wollen Sie St. Moritz dereinst verlassen?
Das erste Ziel war, den Turnaround bei den Übernachtungen zu schaffen. Das haben wir erreicht. Seit 2 Jahren gehen die Übernachtungszahlen wieder nach oben. Mein langfristiges Ziel ist es, das Engadin als touristischen Sehnsuchtsort zu etablieren und St. Moritz wieder seine internationale Strahlkraft als extravaganter Hotspot in den Alpen wiederzugeben.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 13.07.2019, 18:57 Uhr

Artikel zum Thema

Russischer Grossaktionär stösst Anteil an Badrutt’s Palace ab

Neuer Mitbesitzer des Luxushotels in St. Moritz ist ein schillernder italienischer Banker. Mehr...

Wenn der Tourismus seine eigenen Grundlagen zerstört

Diese 12 beliebten Ferienziele bringt der Massentourismus an den Rand des Kollapses. Mehr...

Was der «Lozärner» von den Chinesen hält

Reportage In der Stadt der Kapellbrücke und des Löwendenkmals wächst der Unmut über 25'000 Besucher pro Tag. Mehr...

Österreicher im Engadin

Gerhard Walter, 54, ist seit 2017 CEO von Engadin St. Moritz Tourismus. Bevor er in die Schweiz kam, war der Österreicher Geschäftsführer von prominenten Ferienorten wie Kitzbühel Tourismus und Lech Zürs. Walter hat einen Tourismuslehrgang an der Uni Innsbruck absolviert und einen Executive Master of Business Administration an der Wirtschaftsuniversität Wien. Der Cheftouristiker von St. Moritz hat eine Tochter. Letztes Jahr ­erzielte die gesamte Destination Engadin St. Moritz 1,64 Millionen Logiernächte, was einem Plus von 5,3 Prozent entspricht und fast einem Drittel der Logiernächte Graubündens. Im 10-Jahres-Vergleich hinkt die Tourismusorganisation aber noch immer deutlich hinterher. Die wichtigste Gästegruppe sind mit Abstand die Schweizer, gefolgt von den Deutschen und den USA.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Was für eine Aussicht: Ein Mountainbiker macht Rast auf dem Gipfel des Garmil. Im Hintergrund sieht man die Churfirsten und die Alviergruppe. (13. September 2019)
(Bild: Gian Ehrenzeller) Mehr...