Auch ohne Startrampe eine Weltraumnation

Schweizer Spitzentechnologie macht Missionen im Weltall erst möglich. Viele Entwicklungen finden auch den Weg in den Alltag.

Hebt dank Hightech-Komponenten aus der Schweiz ab: Trägerrakete Ariane 5 (2016). Foto: Keystone

Hebt dank Hightech-Komponenten aus der Schweiz ab: Trägerrakete Ariane 5 (2016). Foto: Keystone

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Bei der ersten Mondlandung am 21. Juli 1969 waren die Astronauten mit Armbanduhren von Omega ausgerüstet. Noch heute wirbt der Uhrenhersteller aus Biel mit dem Slogan «Die erste Uhr auf dem Mond». Die Zeitmesser waren längst nicht die einzige Schweizer Technologie, die es auf den Erdtrabanten schaffte. Zahlreiche helvetische Erfindungen und Produkte ermöglichten die Mondmission – darunter Klettverschlüsse von Velcro, Araldit-Kunstharze der Basler Ciba oder Objektive der Aarauer Kern & Co.

Auch fünfzig Jahre nach dem historischen Ereignis ist die Schweiz bei den grossen Weltraumprojekten dabei. Hiesige Wissenschaftler und Unternehmen prägen massgeblich die europäische Raumfahrt, aber auch die staatlichen und privaten Weltraumprojekte in den USA.

Der Technologiekonzern Ruag ist mit seiner Division Ruag Space zum grössten europäischen Raumfahrtzulieferer geworden. Ruag Space zählt derzeit 1350 Mitarbeiter in sechs Ländern. In der Schweiz ist der Hightechkonzern an den Standorten Emmen LU, Nyon VD und Zürich mit rund 500 Angestellten tätig. Er entwickelt und produziert Bauteile sowie Instrumente für Trägerraketen und Satelliten. Bei fast jedem europäischen Satelliten wird ein Produkt von Ruag Space eingesetzt.

Thermoisolation für Merkursonde Bepi-Colombo. Bild: PD

Wenn am 20. Oktober vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana die Merkursonde Bepi-Colombo ins All geschossen wird, hat Ruag Space einen bedeutenden Teil dazu beigetragen. Die Mission ist ein Gemeinschaftsprojekt der europäischen und japanischen Raumfahrtagenturen ESA und Jaxa. Der Orbiter Bepi-Colombo wird rund um den Merkur kreisen, um dessen Oberfläche und innere Zusammensetzung zu untersuchen.

Ruag Space hat Hightech-Komponenten für die Sonde sowie für die Trägerrakete Ariane 5 entwickelt und hergestellt. Sie schützen die Sonde vor den extremen Temperaturen im All. «Merkur ist der sonnennächste Planet, daher muss eine Sonde Hitze von über 450 Grad Celsius aushalten», sagt Peter Guggenbach, Chef von Ruag Space. Im Bereich der Isolation gegen extrem hohe oder tiefe Temperaturen ist die Raumfahrt-Division europaweit Marktführer. Für den Merkur-Orbiter (MPO) hat sie in Zürich-Seebach die Struktur, bestehend aus Aluminium, entwickelt und gebaut.

2500 Personen arbeiten in der Schweiz für Raumfahrtfirmen

Neben der Ruag gibt es in der Schweiz eine wachsende Zahl an Firmen, die neben ihrem klassischen Geschäft vermehrt auch die Raumfahrtindustrie beliefern. Geschätzt 2500 Personen arbeiten hierzulande direkt für ein Raumfahrtunternehmen oder eine Zulieferfirma. Bei vielen Konzernen gehören Luft- und Raumfahrt zur selben Division. Der Zuger Befestigungstechnik- und Logistikkonzern Bossard beispielsweise erhielt vor etwas mehr als zwei Jahren die offizielle Luftfahrtzertifizierung für mehrere Länder, darunter die Schweiz. Dadurch kann Bossard Firmen wie Pilatus oder Ruag beliefern. Auch der Kabelverarbeiter Komax aus Dierikon LU oder die Schaffhauser Industriegruppe Georg Fischer beliefern Aerospace-Firmen. Die Grossen der Branche wie Airbus, Boeing oder Rolls-Royce arbeiten sowohl für die zivile Luftfahrt als auch für Raumfahrtprogramme. Schon seit mehr als 20 Jahren ein wichtiger Partner der US-Raumfahrtbehörde Nasa ist Maxon Motor aus Sachseln OW. Ihre Kleinstmotoren werden in den Marsfahrzeugen eingesetzt.

Ruag im All: Positioniermechanismus für Solarpaneel. Bild: PD

Laut Schätzungen erzielen hiesige Industriefirmen mit Aufträgen aus der Raumfahrt einen jährlichen Umsatz von 370 Millionen Franken, und zwar nur aus ihren Schweizer Standorten heraus. Ein Klacks im Vergleich mit den Gesamtexporten: Die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie lieferte 2017 Waren im Wert von 67 Milliarden Franken ins Ausland. Aber: «Trotz des verhältnismässig tiefen Umsatzes hat die Raumfahrtbranche eine wichtige Bedeutung für die hiesige Industrie», sagt Raoul Keller, Ressortleiter Raumfahrttechnik des Industrieverbandes Swissmem. «Die Raumfahrttechnik vereint praktisch alle strategischen Technologien und ist eine treibende Kraft für Innovationen. Damit zeichnet sich die Branche als zukunftsorientierter, innovativer und attraktiver Arbeitgeber aus», sagt Keller. Das in der Raumfahrttechnik erworbene Wissen fliesse auch in die Entwicklung von Produkten und Applikationen anderer Branchen, etwa in die Halbleiterindustrie, Medizinaltechnologie oder in die Kommunikation, Navigation und Meteorologie. So kann die Ruag ihr Raumfahrt-Wissen im Tieftemperaturbereich für andere Konzernsparten nutzen.

Für Technologiefirmen eröffnen sich zahlreiche Synergiemöglichkeiten zwischen den Space-Aktivitäten und den ursprünglichen Industrietätigkeiten. So können teure Infrastrukturen wie Reinräume, Vakuumkammern oder hochpräzise Messinstrumente gemeinsam genutzt werden.

Investitionen fliessen in Form von Innovationen zurück

Technologien, die im Rahmen von Programmen der ESA entwickelt wurden, führten in den letzten Jahren zu über 300 Anwendungen ausserhalb der Raumfahrt. Das in einen Kopfhörer integrierte Pulsmessgerät Pulsear etwa entstand dank Schweizer Raumfahrttechnik. Es wurde vom Centre Suisse d’Electronique et de Microtechnique (CSEM) in Neuenburg entwickelt und ist patentgeschützt. Das Schweizer Forschungs- und Entwicklungszentrum, dessen Verwaltungsratspräsident Ex-Astronaut Claude Nicollier ist, hat Pulsear nach Vorgaben der ESA entwickelt. Technologien und Anwendungen des CSEM werden von der Luft- und Raumfahrt bis hin zur Uhrenindustrie, Sicherheitsbranche, Unterhaltungselektronik und Clean­techindustrie genutzt.

Die Schweiz zahlt im Schnitt 150 Millionen Franken jährlich an die ESA. «Dies hatte in den letzten zehn Jahren einen enormen Innovationsschub in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von über 80 Schweizer Unternehmen zur Folge», sagt Raoul Keller. Viele Dienstleistungen, die man heute im Alltag nutzt, seien so entstanden – etwa Live-Meteo­berichte oder -Verkehrsüberwachungen dank Satellitenbildern.

Erstellt: 13.10.2018, 20:14 Uhr

In Zahlen

370 Millionen Franken
Umsatz erzielen Schweizer Unternehmen aus ihren Schweizer Standorten heraus dank
der Raumfahrtindustrie (ohne Universitäten und Hochschulen).

150 Millionen Franken
bezahlt die Schweiz im Schnitt jährlich an die Europäische Weltraumorganisation (ESA) mit Sitz in Paris. Das Gesamtbudget der ESA beträgt 5,6 Milliarden Euro.

80 Schweizer Firmen
profitieren von den Forschungs- und Entwicklungsaufträgen der ESA jährlich.

2500 Mitarbeiter
beschäftigt die Schweizer Raumfahrtindustrie (inklusive Universitäten und Hochschulen). Die Firmen der Gruppe «Raumfahrttechnik» des Verbandes Swissmem zählen rund 1000 Mitarbeiter.

1350 Mitarbeiter
beschäftigt der grösste Schweizer Raumfahrtkonzern Ruag Space an 14 Produktionsstandorten in fünf europäischen Ländern sowie den USA. Knapp die Hälfte der Belegschaft arbeitet an den Schweizer Standorten in Emmen LU, Nyon VD und Zürich. Ruag Space erzielte 2017 weltweit einen Umsatz von 365 Millionen Franken.

310 Anwendungen
für zivile Bereiche (mechanische, elektronische oder optische Komponenten sowie spezielle Materialien) konnten in den letzten Jahren dank der Raumfahrtindustrie entwickelt werden.

Flughäfen profitieren

Der Zugang zu Weltraumtechnologie ist heute ein entscheidender Wettbewerbsfaktor in zahlreichen Branchen. Die Schweiz ist am europäischen Wettersatellitenprogramm beteiligt und kann dadurch die Funktionen der teilweise in der Schweiz gebauten Satelliten nutzen.

Die Flugsicherung Skyguide schätzt, dass die Kapazitäten der Flughäfen im Schnitt rund 30 Prozent tiefer wären, wenn sie die Wetter- und Navigationsdaten von den Satelliten nicht verwenden könnten. Auch die Landwirtschaft, der Bevölkerungsschutz, Medienunternehmen und das Transportwesen nutzen die wertvollen Informationen, die aus der Erdumlaufbahn übermittelt werden.

Hinzu kommen Universitäten und Labore, welche Satellitendaten für Forschungszwecke auswerten – zum Beispiel im Bereich Klimawandel oder bei der Umweltüberwachung. Die Schweiz ist laut Zahlen der Europäischen Raumfahrtbehörde der siebtgrösste Datennutzer Europas. (eme)

Aktive Start-up-Szene

Sie heissen Anybotics, Involi, Embotech oder Clearspace. Zahlreiche Start-ups arbeiten in der Schweiz an neuen Lösungen für die Aerospace-Industrie. Sie entwickeln mehrbeinige Roboter, die auch schwieriges Gelände überwinden können, Kollisionswarnsysteme für Drohnen, Software für Raumfahrtsysteme und autonome Fahrzeuge oder Technologien, um ausgediente Satelliten zu bergen.
Koordiniert wird die Gründerszene vom ESA Business Incubation Center Switzerland in Zürich. Das nationale Projekt wurde 2016 gestartet, unterstützt von der Europäischen Weltraumorganisation ESA und der ETH Zürich. Europaweit gibt es 20 solche Start-up-Netzwerke der ESA.
Über 600 Gründerfirmen profitierten bis heute von der Unterstützung, in der Schweiz sind es derzeit 19. Neben finanziellen Mitteln erhalten die am Programm beteiligten Firmen Hilfe bei der Entwicklung ihrer Technologien und profitieren vom Netzwerk an Partnerfirmen und möglichen Investoren. (eme)

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