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Auf der Haut – und im Blut

UV-Filtersubstanzen aus Sonnencremes sind nach dem Auftragen im Blut nachweisbar. Sie stehen im Verdacht hormonaktiv zu sein.

Eingecremt am Strand: Forscher haben hohe Konzentrationen von UV-Filtern im Blut ­gefunden. Foto: istockphoto

Eingecremt am Strand: Forscher haben hohe Konzentrationen von UV-Filtern im Blut ­gefunden. Foto: istockphoto

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Diese Entwarnung auf der Website des Bundes ist überholt: «Nach heutigem Wissensstand sind die geschätzten Aufnahmemengen beim Menschen gering, sodass eine Gesundheitsgefährdung unwahrscheinlich ist.»

Die Rede ist von organischen UV-Filtern in Sonnenschutzcremes und vielen kosmetischen Mitteln, für die das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) zuständig ist. Sie stehen seit Jahren im Verdacht, hormonaktiv zu sein und so möglicherweise Krebs oder Fortpflanzungsstörungen auszulösen. Von Behörden werden sie jedoch als sicher anerkannt.

Unlängst wies allerdings eine Untersuchung der amerikanischen Arzneimittelbehörde (FDA) im Fachblatt «Jama» nach, dass die organischen UV-Filtersubstanzen in vier häufig verwendeten Sonnenschutzmitteln nach dem Auftragen im Blut nachweisbar sind. Die Konzentrationen waren dabei so hoch, dass eine schädigende Wirkung nicht mehr einfach als «unwahrscheinlich» abgetan werden kann. In einer Stellungnahme schreibt die FDA, dass die Inhaltsstoffe nicht unbedingt gefährlich seien. Es müssten nun aber aufgrund der Resultate weitere Tests durchgeführt werden, welche die Sicherheit dieser häufig und in grossen Mengen verwendeten Substanzen belegen würden.

«Hautkrebsrisiko ist höher als Gefahr durch UV-Filter»

«Aufgrund der gemessenen Konzentrationen kann nicht mehr automatisch von einer Unbedenklichkeit ausgegangen werden», bestätigt Martin Wilks, Direktor des Schweizerischen Zentrums für Angewandte Humantoxikologie (SCAHT). Der Mediziner, der an der Studie nicht beteiligt war, hält deshalb eine Neubewertung des Risikos, wie sie die FDA fordert, für gerechtfertigt: «Es gibt nicht sehr viele toxikologische Daten zu den UV-Filtern.» Gleichzeitig betont Wilks, dass wegen der Studie jetzt keineswegs auf Sonnenschutzmittel verzichtet werden soll. «Das Hautkrebsrisiko ist höher als mögliche Gefahren durch UV-Filter.» Das Gleiche gelte auch für mineralische Sonnenschutzmittel aus ­Titan- oder Zinkdioxid.

Bei der FDA-Untersuchung handelte es sich um eine erste Pilotstudie. 24 Erwachsene trugen die kommerziell erhältlichen Sonnenschutzmittel an vier Tagen viermal täglich auf. Dabei mussten sie sich an die üblicherweise empfohlenen Mengen halten. Die Behörde verlangt nun von der Industrie umfangreiche Daten zu zwölf häufig verwendeten UV-Filtern. Die Daten sollen klären, in welchen Mengen die Filter in den Körper gelangen und ob dadurch Krebs oder Fortpflanzungsstörungen auftreten können. Frühere Untersuchungen hatten Lichtschutzsubstanzen im Urin, in der Muttermilch und sogar im Fruchtwasser gefunden. Im Vergleich zu früher würden heute UV-Filter viel häufiger, in höheren Konzentrationen und in Kombinationen aus unterschiedlichen Stoffen verwendet, schreibt die FDA. Dadurch entstünden eventuell zusätzliche Risiken.

Die Deadline für die Firmen ist für November 2019 vorgesehen. Können sie bis dann keine überzeugenden Daten liefern, müssen im Extremfall entsprechende Produkte vom US-Markt genommen werden. Allerdings hat die FDA bereits Gesprächsbereitschaft signalisiert.

Ein möglicher Grund für schlechte Spermien

Hormonaktive Substanzen in Alltagsprodukten wie UV-Filter, aber auch unter den Pestiziden und Weichmachern sind unlängst wieder in den Fokus gelangt. Im Mai zeigte eine gross angelegte Fruchtbarkeitsstudie der Universität Genf mit 2500 Stellungspflichtigen, dass es um die Spermienqualität der Schweizer Männer schlecht steht. Als mögliche Ursache werden seit Jahren hormonaktive Substanzen genannt.

Toxikologe Wilks wendet ein: «Im Labor findet man zwar Effekte durch hormonaktive Substanzen wie UV-Filter. Meiner Ansicht nach gibt es aber keine Hinweise darauf, dass dadurch auch tatsächlich gesundheitliche Schäden entstehen.» Die abnehmende Fruchtbarkeit der Männer könne auch an Übergewicht, ungesunder Ernährung oder Bewegungsmangel liegen, glaubt Wilks. «Trotzdem ist es richtig, wenn bei diesen Stoffen zu Vorsicht gemahnt und mehr geforscht wird», sagt der Direktor des SCAHT, das die Genfer Studie mitfinanziert hat.

In der Schweiz wartet man ab. Das BLV verfolge die Entwicklungen, sehe aber zurzeit keinen Anlass, «vom Gebrauch von Sonnenschutzmitteln abzusehen», schreibt das Amt. Eigene Studien sind kein Thema. Auch nicht im Rahmen des Biomonitorings, das der Bund vor einigen Jahren angekündigt hat und das nun in der Pilotphase steckt. UV-Filter seien darin bislang nicht vorgesehen, heisst es.



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Erstellt: 22.06.2019, 20:38 Uhr

Sonnenschutz meist tiefer als der angegebene Faktor

Die aktuelle US-Studie ändert nichts an den gängigen Empfehlungen, wie sie beispielsweise die Krebsliga gibt. Sonnenschutzmittel müssen demnach sowohl vor UV-A- als auch UV-B-Strahlen schützen. Für Letztere wird ein Lichtschutzfaktor angegeben, der bei mindestens 15 liegen sollte. Die Zahl gibt an, wie vielmal mehr UV-B-Strahlung es braucht, bis es bei eingecremter Haut zur Rötung kommt. Da die meisten Menschen weniger auftragen als empfohlen, ist der tatsächliche Schutz tiefer. Sowohl bei organischen als auch mineralischen UV-Filtern (Titandioxid oder Zinkoxid) gilt der Nutzen als grösser im Vergleich zu möglichen Risiken. Allerdings empfiehlt die Stillförderung Schweiz stillenden Müttern, auf Kosmetika mit UV-Filtern zu verzichten und, wenn Sonnenschutzmittel nötig sind, eher solche mit mineralischen Filtern zu verwenden.

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