Auf die Schlachtbank statt zum Tierarzt

Landwirten fehlt die Zeit zur Pflege erkrankter Tiere. Um diese kostengünstig loszuwerden, werden auch fragwürdige Methoden angewandt.

Die Bedingungen, unter denen Schweine gehalten werden, machen die Tiere oft krank. Foto: Keystone

Die Bedingungen, unter denen Schweine gehalten werden, machen die Tiere oft krank. Foto: Keystone

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1,4 Millionen Schweine lebten letztes Jahr in der Schweiz, zudem 11,8 Millionen Hühner. Vielen ging es – bevor sie auf die Schlachtbank kamen – gesundheitlich schlecht. Das hat eine schweizweite Umfrage des Bundes unter Kantons- und Amtstierärzten sowie Schlacht- und Fleischkontrolleuren ergeben.

Nur 55 Prozent der befragten 130 Fachpersonen bezeichneten den Gesundheitszustand der Schweine auf Landwirtschafts­betrieben generell als gut oder sehr gut. Schweine werden laut Fachleuten vor allem wegen der Haltungsbedingungen krank. Nicht gut bestellt ist es auch um die Hühner. Bevor diese geschlachtet werden, haben sie offenbar immer wieder mit Gesundheitsproblemen zu kämpfen. 60 Prozent der befragten Fachleute sagten, die Haltung in Grossgruppen sei der Grund für häufige Erkrankungen des Geflügels.

Aus Kostengründen umgehen Bauern den Amtstierarzt

Dabei können kranke Nutztiere nur beschränkt auf die Hilfe der Tierhalter zählen. Ebenfalls befragte Bauern wiesen in der Untersuchung auf die zeitlichen Ressourcen hin, die zur Pflege kranker Tiere nötig wären, im Alltag aber fehlten. Werden pflegebedürftige Pferde nicht selten in spezialisierte Kliniken gebracht, wird bei weniger teuren Tieren laut der Studie gespart. Bei Legehennen gibt es beispielsweise keine Behandlung einzelner Tiere, und der Tierarzt kommt nur einmal im Jahr in den Betrieb.

«Vor einer Behandlung werden die Erfolgschancen abgewogen», heisst es im Bericht. Bei geringer Chance auf Genesung würde das Schlachten oft vorgezogen – auch weil bei einem Tod durch Krankheit das Fleisch entsorgt werden müsste.

Um kranke Tiere kostengünstig loszuwerden, beschreiten Landwirte laut dem Bericht des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen auch fragwürdige Wege. Bei erkrankten Schweinen lohne es sich nicht, für die Fahrt in den Schlachthof einen Tierarzt für das nötige Transportfähigkeitszeugnis aufzubieten.

Mit den gesundheitlich angeschlagenen Tieren würde man deshalb auf ein kleines Schlachthaus ausweichen oder auf dem Hof schlachten, um Beanstandungen des Amtstierarztes und die Lebend- und Fleischschau zu umgehen. Das Fleisch werde dann entweder in die Kadaverstelle gebracht, selber gebraucht oder in der Direktvermarktung verwertet.

Das schlechte Expertenzeugnis steht im Gegensatz zur Sicht der Branche. «Die Schweineproduktion in der Schweiz stützt sich auf einen guten Gesundheitszustand der Tiere ab», sagt Suisag-Leiterin Rita Lüchinger. Die vom Bund unterstützte Organisation berät ein Drittel der Schweinemastbetriebe in Gesundheitsfragen.

Laut der Erhebung wissen die Landwirte, wie die Situation entschärft werden könnte: mit verbesserten Haltungsbedingungen und Hygiene oder dem Verzicht auf voll belegte Ställe. Die Hälfte der befragten Bauern gaben in der Befragung zudem an, bei Krankheiten Methoden der Komplementärmedizin einzusetzen. Viele führten eine homöopathische Stallapotheke oder hätten einen Kurs in Pflanzenheilkunde absolviert.

Immer wieder unhaltbare Zustände in Schweizer Ställen

Gestützt auf die Studie, will der Bund nun seine Tiergesundheitsstrategie anpassen: Die Zusammenarbeit mit Kantonen und Tierschutz soll intensiviert und die Ausbildung verbessert werden.

Noch manifestiert sich das Leiden der Tiere. Der Organisation «Tier im Fokus» zugespielte Bilder zeigten vor zwei Jahren geschwächte und mit Abszessen übersäte Schweine. Tamedia thematisierte im Juli Justizfälle: Im Kanton Luzern beispielsweise war der Kadaver eines verendeten Schweins liegen gelassen worden, «sodass die anderen Schweine die Überreste dieses Tieres frassen», heisst es in den Akten. Im Oktober schockten Bilder aus Deutschland: Sie belegten, wie ein krankes Tiere mit einem Knüppel bewusstlos geschlagen wurde, wie geschwächte Tiere im Stall mit dem Bolzenschussgerät verletzt statt betäubt wurden und wie Schweine langsam und qualvoll verendeten.

Laut «Spiegel» erreicht jedes fünfte in Deutschland gehaltene Schwein den Schlachthof nicht, weil es krank ist und noch im Masthof getötet wird. In der Schweiz fehlen solche Zahlen – die Verendung eines Schweins muss dem Bund nicht gemeldet werden.



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Erstellt: 26.01.2020, 11:00 Uhr

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