Aufbruch in die Moderne

Von seinen Avancen Richtung Süden könnte nicht nur Kim Jong-un profitieren, sondern auch sein Volk.

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Für die Südkoreaner ist Kim Jong-un jetzt ein Mensch, kein Bomben werfendes Cartoon-Ungeheuer mehr. Ein Mann mit tiefer, fast kratziger Stimme und, wie manche finden, einem leichten Akzent, der verrate, dass er einige Schuljahre in der Schweiz verbrachte. Er wirkt intelligent, macht Witze, ist selbstironisch. Und gerührt, wenn ein kleiner Junge Weisen aus Nordkorea singt. Mit dem innerkoreanischen Gipfel vom Freitag hat Kim die Mehrheit der Südkoreaner für sich eingenommen, nur die geschwächte Rechte poltert gegen eine Aussöhnung mit dem Norden.

Wird er das Atomprogramm heimlich weiterführen?

Elf Jahre seien seit dem letzten Gipfel vergangen, klagte Kim zum Auftakt, das dürfe sich nicht wiederholen. Allerdings war er sechs dieser elf Jahre an der Macht. Warum also hat er so lange gewartet? Genau weiss er das vielleicht selber nicht, aber es gibt eine Reihe deutlicher Gründe. Kim musste seine vom Vater geerbte Macht erst absichern. Zu Beginn schien es, er sei nur die Galionsfigur des Organisationsbüros der Partei. Es gibt sogar Hinweise, nicht er habe die Hinrichtung seines Onkels Jang Song-taek 2013 angeordnet, sondern die Drahtzieher im Hintergrund. Sie hätten ihn damit warnen wollen, sich nicht über sie hinwegzusetzen.

Inzwischen hat er das Land unter alleiniger Kontrolle. Und Friedensavancen Richtung Südkorea wären bis vor einem Jahr aussichtslos gewesen. Die Vorstellung der geschassten Präsidentin Park Geun-hye von einer Vereinigung klangen eher nach Annexion. Und US-Präsident Barack Obama ignorierte Nordkorea.

Video: Nord- und Südkorea auf Friedenskurs

Demonstrative Einigkeit: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und der südkoreanische Präsident Moon Jae-in machten mit ihrer Körpersprache deutlich, dass die Zeichen auf der koreanischen Halbinsel auf Entspannung stehen. Video: Reuters

Im November erklärte Kim Nordkoreas Raketen- und Atomprogramm für erfolgreich abgeschlossen. Nach Ansicht von Raketeningenieuren stimmt das technisch nicht, sie halten es für einen Bluff und zweifeln an Nordkoreas Fähigkeit, je mehrstufige Raketen zu Anwendungsreife zu bringen.

In Washington wird Kim unterstellt, er werde, wie einst sein Vater, heimlich am Waffenprogramm weiterarbeiten lassen. Kim dagegen deutet die Bereitschaft an, es aufzugeben oder zumindest einzufrieren. Und Südkoreas Präsident Moon sagt, er glaube Kim.

Nordkoreas Propaganda bringt Ghadhafi ins Spiel

Wie kann Kim sein Waffenprogramm fallen lassen, das er in der Verfassung verankert hat und in das er und schon sein Vater jahrzehntelang grosse Teil des knappen Staatsbudgets steckten? Und dieses Aufgeben auch noch einen Erfolg nennen? Nordkoreas Propaganda rechtfertigte die Kernwaffen-Entwicklung jüngst mit Libyens Muammar Ghadhafi, der sein Programm aufgab. Einige Jahre danach wurde er mit US-Hilfe gestürzt. Ein paar Atombomben zur Abschreckung genügten, so die Überlegung, Land und Regime gegen Angriffe der USA zu versichern. Zugleich markierte Kim damit nach innen seine Macht.

Video: Kim Jong-un spricht von historischem Moment

Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und der südkoreanische Präsident Moon Jae-in sind am Freitag zu ihrem historischen Gipfeltreffen in der entmilitarisierten Zone zwischen beiden Ländern zusammengekommen. Video: AFP

Aber die nordkoreanische Gesellschaft wandelt sich, sie entwickelt sich von unten her zu einer Marktwirtschaft. Und die Kinder der Elite wollen mehr Mobiltelefone und gutes Essen. Damit büssen das Machtgehabe mit Atomwaffen und die Repression an Wirkung ein.

Kims Atom- und Raketenversuche im Vorjahr könnten der koreanischen Halbinsel einen Grosserfolg bescheren, wenn die Bewegung anhält, die mit diesem Gipfel ins politische Gefüge Ostasiens kam. Peking, Washington, Moskau und auch Tokio konnten mit der brutalen, isolierten Diktatur in Nordkorea ganz gut leben, solange sie nicht zu sehr provozierte. Sie hatten ein Interesse, den Status quo zu erhalten – auf Kosten der nordkoreanischen Bevölkerung. China fürchtet ein vereinigtes Korea als Verbündeten der USA. Die Amerikaner rechtfertigen ihre Truppen in Ostasien, die sich auch gegen China richten, mit dem Paria-Staat. Mit seinem Zündeln hat Kim dieses Patt aufgebrochen, er rüttelt am Machtgefüge in Nordostasien. Und mit Trump trifft er auf einen US-Präsidenten, der sich nicht um bisherige Allianzen und die Geschichte schert – sondern Geschichte machen will.

Erstellt: 29.04.2018, 07:40 Uhr

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