Ju-52 flog mit Zylindern eines Gletscher-Wracks

Die am Piz Segnas abgestürzte Maschine war mit Motorenteilen unterwegs, die 60 Jahre lang im ewigen Eis lagen. Die Behörden wussten davon nichts.

60 Jahre lang im Eis: Ein Motor des Wehrmachtfliegers. Foto: Friedl Steiner

60 Jahre lang im Eis: Ein Motor des Wehrmachtfliegers. Foto: Friedl Steiner

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Die Ju-52, die im Sommer am Piz Segnas abgestürzt ist und 20 Menschen in den Tod riss, flog mit Motorenzylinder eines Wracks, das 60 Jahre lang in Österreich im Gletschereis gelegen hatten. Wie sich nun aber herausstellt, wusste das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) als Aufsichtsbehörde nichts von diesen Ersatzteilen und erfuhr erst durch den Zwischenbericht davon, den die Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) vergangene Woche publiziert hat. «Üblich im Sinn von häufig ist das Einbauen solcher Wrackteile nicht. Die Ju-52 aus Österreich war ein Einzelfall», sagt Ju-Air-Sprecher Christian Gartmann auf Anfrage.

Der Zwischenbericht der Sust lässt offen, wie diese Ersatzteile mit dem Unfall zusammenhängen – und ob überhaupt. Wie delikat das Vorgehen aber war, macht ein Artikel in der jährlich erscheinenden «Gazette» der Ju-Air deutlich. In der Ausgabe von 2014 sind die ursprünglichen Pläne der Airline für die Wrackteile nachzulesen: Die Motoren aus dem Eis waren eigentlich für eine Ju-52 vorgesehen, die ausgemustert und ins Museum gestellt wurde. Deren Motoren ­waren wiederum als Ersatzteillager für die drei noch fliegenden Jus gedacht.

Auf die Frage, ob die Eis-Motoren auch Ersatzteile für die drei verbleibenden Oldtimer hergäben, mahnt der damalige Ju-Air-Technikleiter zur Vorsicht: «Die Motoren waren zwar nur kurze Zeit in Gebrauch, sind also fast neu. Aber nach 60 Jahren im Eis müssten sie eine extrem harte Materialprüfung bestehen», heisst es im Artikel.

Heute ist klar: Die Zylinder wurden überholt, als sicher eingestuft und in die weiterhin fliegenden Ju-52 eingebaut. Dafür verantwortlich zeichnet die Naef Flugmotoren AG – ein vom Bazl zertifizierter Unterhaltsbetrieb, dem Ju-Air-Chef Kurt Waldmeier vorsteht. «Sämtliche Arbeitsschritte werden dabei genau dokumentiert und können auch Jahre später noch nachvollzogen werden», betont Gartmann.

In geheimer Mission unterwegs

Um die Ju-52 aus dem Gletschereis ranken sich viele Gerüchte. Denn ihre Mission war offenbar geheim. Genauso das Flugziel des Fliegers der deutschen Wehrmacht, das an jenem Januartag 1941 in Osttirol gegen den Sturm anbrummt – bis Fallwinde den Piloten zwingen, auf einem Gletscher zu landen. Sein Funker zieht sich bei der Bruchlandung schwere Kopfverletzungen zu, neun Soldaten der elfköpfigen Besatzung werden leicht verletzt. Unverzüglich entsendet die deutsche Luftwaffe einen Rettungstrupp zum Gletscher Umbalkees, auf dessen Eis die havarierte Maschine liegt. Sechs Kisten sowie geheime Teile der Maschine nimmt der Trupp mit, lässt aber die Besatzung zurück. Nach einem Tag im Eis verschiessen die Soldaten ihre Munition, um auf sich aufmerksam zu machen – vergeblich.

Drei von ihnen machen sich auf Richtung Tal, wo sie vier Tage nach der Bruchlandung erschöpft ankommen und die Rettung ihrer Kameraden veranlassen. Zwar überleben alle bis auf den Funker, der im Spital verstirbt. Doch die Spur der Soldaten verliert sich – was die Gerüchte um die Mission des Fliegers und seiner Besatzung nährt.

Die Maschine versinkt 1942 im Gletschereis – und gerät in Vergessenheit, bis der Gletscher 2001 erste Wrackteile freigibt.

* Dieser Artikel erschien am 25. November 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.11.2018, 10:34 Uhr

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