Studien zeigen neue Details des Coronavirus

Chinesische Forscher haben Infizierte untersucht. Sie sagen, woran die meisten Erkrankten sterben.

Ein Erkrankter wird in Wuhan von Sanitätern ins Spital gebracht. Foto: Lam Yik Fei/«The New York Times»/Redux/Laif

Ein Erkrankter wird in Wuhan von Sanitätern ins Spital gebracht. Foto: Lam Yik Fei/«The New York Times»/Redux/Laif

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Das neue Coronavirus breitet sich rasant aus. Vor allem in China ­nehmen die Fallzahlen stark zu. Fast alle Landesteile haben den Notstand ausgerufen. Zahlreiche Grossstädte sind von der Aussenwelt abgeschnitten. Auch alle Gruppenreisen ins Ausland und im Inland hat die chinesische ­Regierung nun verboten und ­viele Grossveranstaltungen im Land ­abgesagt. Knapp 2000 ­Erkrankte gibt es bisher, 56 Menschen sind gestorben. Experten vermuten ­zudem eine hohe Dunkelziffer. ­Virusspezialisten des Londoner Imperial College haben berechnet, dass es schon Mitte Januar in ­China rund 5000 Erkrankte gegeben ­haben muss. Dafür spreche auch, dass sich das Virus bis zum ­heutigen Tag weit verbreitet hat.

Auch in Europa, den USA und Australien gibt es erste bestätigte Fälle, ebenso in anderen asiatischen Ländern wie Thailand, ­Taiwan, Hongkong, Japan oder ­Korea. Seit Freitag weiss man, dass in Frankreich drei Patienten an der vom neuen Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit leiden, zwei in Paris und einer in Bordeaux. Die Patienten waren zuvor in China. Die Präventionsexperten der EU-Behörde ECDC nehmen an, dass die Fallzahlen auch in Europa ­weitersteigen werden.

Die Epidemie fand ihren Beginn vermutlich schon im November

«Ob wir hier viele Fälle sehen ­werden, hängt auch davon ab, wie schnell man die Fälle erkennt und mögliche Kontaktpersonen findet», sagt Volker Thiel, Virologe von der Universität Bern. Das ­Timing der Pandemie ist ungünstig, weil zumindest auf der Nordhalbkugel im Moment die ­jährliche Grippewelle grassiert, und die ­Erkrankungen im frühen Stadium leicht zu verwechseln sind. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) rät allen Reisenden, die aus China zurückkehren und Atembeschwerden, Husten und Fieber ­entwickeln, sich bei einem Arzt zu melden und ausdrücklich auf die Chinareise hinzuweisen.

Am Freitag erschienen im Fachmagazin «Lancet» bereits zwei Studien von chinesischen Forschern zum neuen Virus. Obwohl die chinesischen Behörden die Ausbreitung des Virus nun sehr aktiv bekämpfen, gab es deshalb auch kritische Stimmen. Die Studien würden wichtige Informationen zum Virus beinhalten, die die ­Forscher schon früher hätten publizieren sollen, sagen Kritiker. Stattdessen warteten sie, bis ihre Arbeit im prestigeträchtigen Fachmagazin erscheinen konnte.

Es gibt sehr viele verschiedene Coronaviren. Manche lösen harmlose Erkältungskrankheiten aus, andere sind für ­schwerere Krankheiten wie Sars verantwortlich.

In einer der beiden «Lancet»-Studien untersuchten die Wissenschaftler eine Gruppe von 41 Erkrankten. Sie hatten ein Durchschnittsalter von 49 Jahren. Alle entwickelten eine Lungenentzündung, mehr als die Hälfte litt unter Atemnot. Nur ein Drittel der Betroffenen hatte Vorerkrankungen. Sechs dieser 41 Patienten starben. Das heisst jedoch nicht, dass die Todesrate allgemein so hoch liegt. Die untersuchte Gruppe bestand nur aus schwer Erkrankten. Nicht alle Infizierten erkranken so heftig.

Die Epidemie begann vermutlich schon im November in der ­chinesischen Millionenstadt Wuhan. Im Dezember gab es erste ­Berichte, dass virale Lungenentzündungen dort gehäuft auftreten. Das neue Virus mit dem Kürzel 2019-nCoV gehört zur Familie der Coronaviren. Es gibt sehr viele verschiedene Coronaviren. Manche lösen harmlose Erkältungskrankheiten aus, andere sind für ­schwerere Krankheiten wie Sars (Severe Acute Respiratory Syndrome) oder Mers (Middle East Respiratory Syndrome) verantwortlich. 2019-nCoV löst virale Lungenentzündungen aus, die schwieriger zu behandeln sind als bakterielle, da Antibiotika nicht helfen.

Ursprungsort der Epidemie wurde geschlossen

Laut dem China-Korrespondenten der Deutschen Welle waren die meisten Todesopfer zwischen 60 und 89 Jahre alt. Bisher sei ­niemand unter 30 am Virus gestorben. In den «Lancet»-Studien berichten die Forscher, dass die ­Todesopfer meist einen sogenannten Cytokine Storm erlitten ­hätten. Das ist eine ­überschiessende Reaktion des eigenen Immunsystems. Gerade bei jüngeren ­Menschen ist diese Reaktion ­häufig die Todesursache bei schweren Infektionen. Man nimmt an, dass dies einer der ­Gründe war, warum die Spanische Grippe 1918 viele junge Menschen tötete.

Trotz der starken Zunahme der Fallzahlen hat die WHO diese ­Woche entschieden, keinen internationalen Notstand auszurufen. Dieser Entscheid, so vermuten ­Beobachter, habe auch politische Gründe. China habe darauf ­gepocht. Das Land wolle beweisen, dass es in der Lage sei, die Situation alleine in den Griff zu ­bekommen. Was die Behörden nun mit drastischen Massnahmen ­umsetzen, auch wenn die Reaktion etwas spät kam. Die Schliessung des ­Seafood Market in Wuhan, wo die Epidemie begann, kommentierten englische Medien so: Man habe die Stalltür erst zugeknallt, als das Pferd längst über alle Berge ­gewesen sei.



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Erstellt: 26.01.2020, 15:01 Uhr

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