Hier ist Schluss mit Depot für die Mietwohnung

Viele Mieter ärgert es, wenn sie bei Wohnantritt tausende Franken Kaution hinterlegen müssen. Ein Player schafft das nun ab.

Das Ende der Geldsuche: Ohne Depot haben auch Mieter mit wenig oder keinem Bargeld Chancen auf eine Wohnung. Foto: Getty Images

Das Ende der Geldsuche: Ohne Depot haben auch Mieter mit wenig oder keinem Bargeld Chancen auf eine Wohnung. Foto: Getty Images

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Die Not der Hauseigentümer ist gross: Über 65'000 Mietwohnungen stehen in der Schweiz leer – so viele wie seit 1999 nicht mehr. Und Not macht erfinderisch: Mit Jahreskarten für benachbarte Thermalbäder, Beteiligungen an den Umzugskosten, monatelang gratis hausen oder ein Jahr lang umsonst parkieren buhlen Hauseigentümer in Inseraten um Mieter.

Einen ganz neuen Weg geht nun der Versicherer Axa: Er schafft bei seinen rund 700 Liegenschaften das Mietdepot ab – und stellt ­damit die Konkurrenz unter Zugzwang. Denn er ist auf dem Immobilienmarkt ein Schwergewicht: Die neue Regelung gilt für rund 20'000 Wohnungen. Vorerst hat die Verwalterin Wincasa, die einen grossen Teil der Axa-Wohnungen betreut, das neue Modell umgesetzt. «Bis Ende Jahr werden aber auch Livit und Mibag diese Lösung für unsere Wohnungen anbieten», sagt Christian Wenger von Axa Investment Managers Schweiz, die als Besitzerin fungiert.

Grosse und kleine Vermieter unter Druck

Bei der Konkurrenz goutiert man die Offensive des Versicherungsgiganten nicht: «Es ist klar, dass sich Axa dadurch bei vergleichbaren Wohnungen einen Wettbewerbsvorteil verschafft», sagt Reto Schär, Leiter Immobilien der Migros-Pensionskasse (MPK). Diese ist mit '2 500 Wohnungen in der Schweiz ebenfalls ein Schwergewicht auf dem Markt. Und obwohl auch der MPK die steigenden Leerbestände zu schaffen machen, hält sie am bisherigen Modell fest: «Wir verzichten nicht auf eine finanzielle Absicherung, denn das Mietzinsinkasso wird immer schwieriger», sagt Schär.

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Um die Attraktivität ihrer Angebote zu steigern, reize die MPK ­allerdings in vielen Fällen beim Depot den gesetzlichen Spielraum nicht aus. «Wir verlangen in der Regel nur eine Kaution in der Höhe eines Monatsmietzinses, wenn der Mieter eine gute Bonität aufweist.» Sein Statement zeigt: Im Markt für Standardwohnungen in angealterten Liegenschaften herrscht ein knallharter Wett­bewerb. Das Mieterdepot ist bei der Wahl einer Wohnung ein entscheidender Punkt.

Deshalb fürchten kleine Vermieter das neue Modell der Axa besonders. Es schaffe ungleiche Spiesse. «Das kann sich Axa nur leisten, weil sie gross ist und mit sich selbst einen guten Deal machen kann», moniert ein Hausbesitzer aus dem Kanton Zürich, der ungenannt bleiben will. Er könne es sich auf keinen Fall leisten, auf eine monetäre Sicherheit zu verzichten.

HEV: «Auf Depot bestehen»

Davon rät der Hauseigentümerverband Schweiz (HEV), der mehrheitlich Privatvermieter vertritt, auch dezidiert ab. «Wir empfehlen, unbedingt auf ein Depot oder eine Kautionsversicherung zu bestehen», sagt Katja Stieghorst vom HEV. Es decke nicht nur Schäden, sondern auch ausstehende Mietzinse.

Axa streitet ab, dass sie den neuen Weg beschreitet, um gegen die steigenden Leerstände anzukämpfen und sich einen Vorteil zu verschaffen. «Es geht in erster Linie um den deutlich kleineren administrativen Aufwand», sagt Christian Wenger von Axa Investment Managers Schweiz. Ganz ohne finanzielle Absicherung vermietet allerdings auch Axa ihre Liegenschaften nicht.

Und so funktionierts: Die Axa Investment Managers Schweiz AG, die als Besitzerin auftritt, hat mit der Axa-Versicherung einen Kollektivvertrag abgeschlossen. Was dieser im Detail beinhaltet, war bei Axa nicht in Erfahrung zu bringen. Nur so viel: Fallen beim Auszug wegen eines Schadens Kosten an, übernimmt sie Axa als Versicherung umgehend und treibt das Geld später beim Mieter ein. Auch müsse die Besitzerin durch die neue Regelung beim Einzug nicht mehr überprüfen, ob der Mieter tatsächlich ein Depot hinterlegt oder eine Kautionsversicherung abgeschlossen hat, und das Kautionskonto beim Auszug nicht auflösen lassen.

«Für nicht flüssige Mieter ein echter Mehrwert»

Dem Kollektivvertrag können sich neue Mieter umsonst anschliessen. Aber auch bestehende Mieter von Axa-Wohnungen haben diese Möglichkeit – allerdings gegen eine Bearbeitungsgebühr von 50 Franken. «Unsere Mieter können damit das zuvor geleistete Depot auslösen», sagt Wenger. Der Beitritt zum Vertrag sei freiwillig. «Die Leute können auch weiterhin ein Depot hinterlegen oder eine Kautionsversicherung abschliessen.»

Den Schweizerischen Mieterinnen- und Mieterverband freuen die Veränderungen selbstredend. Ihm ist das Depot schon längst ein Dorn im Auge, weil es bei der ­aktuellen Zinslage nicht mehr zeitgemäss ist. «Zudem stiegen die Kautionen in den vergangenen Jahren tendenziell an», sagt Generalsekretär Michael Töngi. Er befürwortet, dass sich die Vermieter in diesem Punkt nun «endlich bewegen». Zwar kenne er die Details des Kollektivvertrages von Axa nicht. «Aber für Mieter, die nicht so flüssig sind, ist das Modell ein echter Mehrwert.» Bei der Kautionsversicherung als bereits bestehende Alternative mahnt er zur Vorsicht. Denn anders als beim herkömmlichen Depot, wird dem Mieter die bezahlte Prämie bei der Auflösung des Vertrages nicht zurückerstattet. «Wir raten deshalb davon ab», sagt Töngi.

Beim Mieterverband hofft man nun, dass durch den Druck, den das neue Modell ausübt, die Depothöhe sinken wird.

Grafik in einem neuen Fenster öffnen (SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.11.2017, 20:03 Uhr

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