«Bankenchefs lassen sich nicht aus dem Kloster rekrutieren»

Finma-Chef Mark Branson über übertriebene Anforderungen an Banker, riskante Renditeobjekte und gehackte Kundendaten.

Mark Branson: «Bei den Tiefzinsen gilt unsere grösste Sorge dem Immobilienmarkt». Foto: Lukas Schweizer

Mark Branson: «Bei den Tiefzinsen gilt unsere grösste Sorge dem Immobilienmarkt». Foto: Lukas Schweizer

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Die Finma ist zehn Jahre alt. Und die Kritik an ihr wird immer lauter. Jetzt wurde im Parlament eine Motion angenommen, die Zuständigkeiten der Finma zu überprüfen. Bereitet Ihnen das Sorgen?
Ein starker Finanzplatz braucht eine starke Aufsicht. Dazu brauchen wir die entsprechenden ­Instrumente. Das sieht die Politik auch so. Ich glaube daher nicht, dass der Bund der Finma Kom­petenzen wieder wegnehmen will. Und Kritik gehört für eine Aufsichtsbehörde immer zum Geschäft, zyklisch mal mehr oder ­weniger.

Die Kantonalbanken werfen der Finma Übertreibungen bei der Regulierung vor. Was sagen Sie dazu? 
Die Regulierung, für die wir verantwortlich sind, ist weniger gewachsen als die zugrundeliegenden Verordnungen und Gesetze. Und sehr viel weniger als die Regulierung im Ausland. Im Vergleich dazu ist unsere Regulierung geradezu schlank.

Wo bitte ist die Finma-Regulierung schlank?
Nehmen Sie das Thema Cyber­risiken. Das haben wir in gerade einmal anderthalb Seiten abgehandelt. Die EU braucht dafür 66 Seiten, die USA 41. Aber es ist sicher so, dass nach der Finanzkrise die Regulierung strikter geworden ist, wie auf allen wichtigen Finanzplätzen. Es stimmt auch, dass damit die Komplexität zugenommen hat. Dem tragen wir Rechnung, indem wir generell nach Grösse der Institute differenzieren und ein Sonderregime mit weitgehenden Befreiungen für kleine Institute gewähren, das weltweit einmalig ist.

«Unsere grösste Sorge gilt dem Immobilienmarkt, speziell den sogenannten Rendite­liegenschaften.»

Länder wie die USA und Grossbritannien wollen ihren Banken wieder mehr Freiheiten geben. Droht die Schweiz hier zurückzufallen?
Die Regeln, die das Schweizer Parlament nach der Krise, insbesondere mit Blick auf die Kapitalbestimmungen, beschlossen hat, ­haben das Bankensystem viel sicherer gemacht. Da sollte nichts zurückgedreht werden. Aber auch in den USA und Grossbritannien hat sich für die systemrelevanten Banken in Sachen Regulierung nicht viel geändert. Daher sehe ich auch keinen neuen Wettbewerbsnachteil für die Schweizer Banken.

Sie beaufsichtigen den gesamten Finanzsektor. Wo schlummern derzeit die grössten Risiken?
Uns machen das Tiefzinsumfeld und seine Folgen Sorgen. Die tiefen Zinsen belasten das klassische Bankgeschäft und auch Lebensversicherer. Gleichzeitig heizen die tiefen Zinsen die Suche nach Rendite an. Hier gilt unsere grösste Sorge dem Immobilienmarkt, speziell den sogenannten Rendite­liegenschaften.

Und die zweite Sorge?
Cyberrisiken bereiten uns grosse Kopfschmerzen, denn der Finanzsektor wird technologisch immer vernetzter und damit immer verletzlicher.

«Bei einem Krankenversicherer gingen aber bereits einmal viele Kundendaten verloren.»

Gab es bereits bei einer Bank eine erfolgreiche Hacking-Attacke? 
Es gibt immer wieder erfolgreiche Angriffe, aber sie geschehen meist auf einzelne Kunden. Bisher haben wir zum Glück keinen Fall gehabt, in dem eine Bank durch einen Hackerangriff lahmgelegt wurde oder massiv Daten verloren hat. Bei einem Krankenversicherer gingen aber bereits einmal viele Kundendaten verloren. Insgesamt ist die Schweiz aber bisher glimpflich davongekommen. Die Sensibilität ist hierzulande hoch, aber die Gefahr ist auch hoch. Wir sollten uns also nicht in falscher Sicherheit wiegen.

Fehlt Ihrer Ansicht nach ein nationales Cyber-Kompetenzzentrum?
Ja. Wenn wir schauen, wie andere Länder mit den Cyberrisiken umgehen, dann hat die Schweiz Nachholbedarf. Andere Länder mit grossen Finanzplätzen machen erheblich mehr. Wir dürfen hier nicht naiv sein. 

Was meinen Sie damit?
Es geht beim Thema Cyber nicht nur um Kriminalität, sondern auch um Angriffe durch staatliche Stellen oder Attacken durch Terroristen. Das Thema berührt also die nationale Sicherheit. Daher sollte es nicht so sehr darum gehen, wo genau ein solches Kompetenzzentrum des Bundes angesiedelt ist, sondern dass es schnell kommt und dass es eng mit dem Privatsektor koordiniert wird. Die internationale Zusammenarbeit hilft hier übrigens wenig, denn die Staaten trauen sich untereinander kaum.

«Die Preise bei Renditeobjekten steigen noch, doch die Mieten sinken, und die Leerstände sind auf Rekordniveau.»

Als weiteres Risiko sprachen Sie die tiefen Zinsen an. Sind Banken ausreichend darauf vorbereitet, wenn die Zinsen wieder steigen?
Mehr als die Exponiertheit ihrer eigenen Bilanzen gegenüber steigenden Zinsen sorgt mich das Risiko von Kreditausfällen im Hypothekarmarkt. Die nachhaltige Qualität der Schuldner treibt uns um, vor allem bei der Finanzierung von Renditeobjekten. Die Preise steigen hier noch, doch die Mieten sinken, und die Leerstände sind auf Rekordniveau. Es gibt so schweizweit gleich viele leer stehende Wohnungen wie die Anzahl aller Wohnungen im Kanton Schwyz. Und es wird weiter rege gebaut. Sollte es zu einer Korrektur kommen, und sollten Kredite ausfallen, müssen die Banken in der Lage sein, die Verluste zu absorbieren.

Haben Sie da Banken schonauf die Finger geklopft?
Wir haben mehrfach Kapitalzuschläge angeordnet.

Bei der Geldwäschereibekämpfung arbeiten Sie mit einer roten Liste mit Instituten, die zu hohe Risiken eingehen. Ist die Liste länger geworden?
Die Liste ist dynamisch. Es sind meist rund zwanzig Institute darauf. Mit der Liste wollen wir neue Skandale verhindern helfen, indem wir dort agieren, wo wir zum Beispiel wegen der Kundenpopulation besondere Risiken sehen. 

Fälle wie der Skandal um den malaysischen Staatsfonds oder die venezolanische PDVSA sind also durchgerutscht?
Das sind Fälle aus der Zeit vor 2015. Die Wirkung unserer intensivierten Aufsicht zeigt sich erst in den nächsten Jahren. Dann sollte es hoffentlich keine Skandale in dieser Dimension geben. Und wir sehen positive Zeichen bei den Banken, sie sind vorsichtiger geworden und melden Verdachts­fälle schneller.

Im grossen Geldwäschereifall rund um die Danske Bank sollen aber wieder 12 Milliarden Franken in der Schweiz gelandet sein.
Ja, 12 von ungefähr 200 Milliarden Franken. 94 Prozent sind anderswohin geflossen. Der Fall zeigt also: Geldwäscherei ist ein internationales und kein schweizspezifisches Problem.

Welche Schweizer Banken waren zu wenig vorsichtig? 
Ob das überhaupt der Fall ist, schauen wir uns an. 

Der Fall von Raiffeisen-Chef Vincenz war zuletzt Ihr grösster Fall. Ist es jetzt Julius Bär?
Sie sind am Fischen!

Dann zu Raiffeisen. Warum schlagen Sie vor, dass die Zentrale eine Aktien-gesellschaft wird? 
Wir haben eine offene Frage gestellt. Es geht darum, zu klären, ob die Unternehmensführung und die Abwicklungsplanung bei dieser Zentrale als AG oder als Genossenschaft leichter sind. Wir stellen aber sicher nicht die genossenschaftliche Idee hinter der Raiff­eisen-Gruppe infrage. 

Warum stellen Sie die Frage ergebnisoffen?
Es war in der Vergangenheit schwierig, solche Fragen überhaupt auf den Tisch zu bringen. Jetzt geht Raiffeisen durch einen Prozess der Erneuerung. Das ist positiv. Die Gesellschaftsform ist dabei nur ein Puzzleteil. 

Und der neue Raiffeisen-Präsident Guy Lachappelle? Ist er nicht belastet durch den Fall ASE und den Verdacht, die Bank habe zu spät eine Geldwäschereimeldung gemacht?
Wir müssen beurteilen, ob Führungspersonen für eine Aufgabe geeignet und sauber sind. Dabei ist unser Massstab, ob jemand eine schuldhafte Verantwortung hatte. Es braucht auch Leute mit Erfahrung bei grossen Instituten. Und dort geht immer mal etwas schief. Es kann aber nicht sein, dass jemand für kein Amt mehr infrage kommt, nur weil er im Umfeld eines Skandals tätig war, für den er keine persönliche Verantwortung trägt. Man kann für solche Posten nicht jemanden aus dem Kloster rekrutieren.

Sind Sie auch noch in zehn Jahren Finma-Direktor, oder zieht es Sie zurück zu einer Grossbank? Dort würden Sie auch mehr verdienen. 
Ich verdiene auch hier gut, und übrigens stelle ich mir diese Frage nicht. Dieser Job braucht und verdient meinen hundertprozentigen Fokus.

Erstellt: 13.01.2019, 13:56 Uhr

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