Bauern in 25 Kantonen ­wegen Wallisern «bestraft»

Der Inländervorrang verpflichtet Arbeitgeber schweizweit, offene Stellen zu melden – auch wenn die Arbeitslosigkeit nur in einer einzigen Region ein Problem ist.

Nach der Saison aufs RAV – im Wallis ist das möglich: Erntehelfer in Sitten. Bild: Olivier Maire/Keystone

Nach der Saison aufs RAV – im Wallis ist das möglich: Erntehelfer in Sitten. Bild: Olivier Maire/Keystone

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Kaum in Kraft, zeigt sich, wie unsinnig der Inländervorrang in mehreren Branchen ist. Dieser soll die Zuwanderung ausländischer Arbeitnehmer bremsen. Unternehmer aus Berufsfeldern mit über 8 Prozent Arbeitslosigkeit müssen deshalb seit dem 1. Juli den Regionalen Arbeitsver-mittlungs­zentren (RAV) offene Stellen fünf Tage vor der Ausschreibung melden und danach den Beamten mitteilen, ob sie einen durch das RAV vorgeschlagenen Arbeitslosen anstellen. Meldepflichtig sind zum Beispiel Marketingfachleute, Gipser, Bauarbeiter, Bauernhelfer.

Doch nun machen vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) angeforderte Zahlen klar: Die ­Meldepflicht, die Unternehmern viel Aufwand und Verzögerungen im Anstellungsprozess beschert, trifft die Falschen.

Besonders deutlich zeigt sich dies bei den Bauern. Die Seco-Zahlen belegen, dass die Arbeitslosigkeit der Gehilfen nur in einem einzigen Kanton ein Problem ist: im Wallis. Dort sind im Jahresschnitt fast die Hälfte der Bauernhelfer arbeitslos. Die Zahl der arbeits­losen Bauernhelfer ist dort so gross, dass damit der schweizweite Schnitt um 4,3 Prozent erhöht wird. Gemäss Seco-Zahlen sind 57 Prozent der arbeitslosen Gehilfen in der Schweizer Landwirtschaft im Wallis registriert. Zum Vergleich: Im Bauernkanton Bern gab es 2016 im Monatsmittel gerade mal 29 Bauernhelfer ohne Job, im Wallis 294. Ohne Wallis liegt die Arbeitslosigkeit der Bauernhelfer im Schnitt bei 4,7 Prozent – weit unter der 8-Prozent-Hürde des Inländervorranges.

Auch andere trotz tiefer Arbeitslosigkeit meldepflichtig

Für Bauernverbands-Präsident Markus Ritter ist klar: «Es darf nicht sein, dass Bauern in 25 Kantonen ausbaden müssen, was in einem einzigen schiefläuft.» Ritter fordert deshalb, dass das System des Inländervorrangs «grundsätzlich geändert» wird: «Es muss so angepasst werden, dass nur noch Unternehmer in Regionen meldepflichtig sind, wo Arbeitslosigkeit ein Problem ist. Alles andere ist absurd.»

In der Tat müssen auch in anderen Banchen Firmen landesweit den bürokratischen Aufwand des Inländervorrangs betreiben, obwohl nur einzelne Regionen hohe Arbeitslosigkeit ausweisen, wie die neuen Zahlen zeigen. Zum Beispiel Restaurants und Hotels. Sie unterstehen der Meldepflicht, weil die Arbeitslosigkeit des Servicepersonals im Schnitt 9,8 Prozent beträgt. Allerdings macht die Meldepflicht für Servierpersonal zum Beispiel in den sechs Kantonen der Innerschweiz kaum Sinn. Dort lag die Arbeitslosigkeit 2017 bei gerade einmal 4 Prozent. Der Grund, warum Wirte und Hoteliers dennoch die administrativen Bürden auf sich nehmen müssen, liegt in der Romandie: In Genf, Waadt, Neuenburg, Jura, Wallis und Freiburg waren letztes Jahr im Durchschnitt 21 Prozent der Serviceangestellten arbeitslos.

Walliser Behörde soll schuld sein an hoher Arbeitslosigkeit

Der Spezialfall in Sachen Arbeitslosigkeit bleibt das Wallis: Es weist nicht nur bei den Bauerngehilfen, sondern auch bei anderen Berufen eine sehr hohe Arbeitslosigkeit auf. Bei einigen Bauberufen lag sie letztes Jahr bei 47 Prozent. Die Walliser Behörde führt die hohe Arbeitslosigkeit bei saisonabhängigen Berufen auf die geografischen Gegebenheiten des Kantons zurück.

Aussenstehende sehen das anders: Schuld seien die Walliser Behörden. «Während die ausländischen Bauernhelfer in anderen Kantonen Ende Saison in ihr Heimatland zurückkehren, zahlt ihnen das Wallis den Winter hindurch Arbeitslosengeld», sagt Bauernpräsident Ritter. Laut Walliser Behörde sind 95 Prozent der arbeitslosen Bauerngehilfen Ausländer. Wie Ritter sieht es auch der freisinnige Zürcher Ständerat Ruedi Noser: Wer eine feste Stelle habe, die saisonbedingt unterbrochen werde, habe deswegen keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Trotzdem lasse man viele Saisonarbeiter im Wallis in der Arbeitslosenkasse «überwintern». Irritierend findet Noser, dass der Bund das Walliser Problem kennt, «aber wenig unternimmt». Er plant einen Vorstoss.

Peter Kalbermatten, Leiter der Walliser Wirtschaftsbehörde, wehrt sich: Man toleriere «nichts Ungesetzliches». Es verstehe sich aber von selbst, dass die saisonale Arbeitslosigkeit in Kantonen mit saisonalem Wirtschaftsgefüge «nicht auszurotten» sei. Zudem sei ein saisonaler Arbeitsloser nicht einfach vom Anspruch der Arbeitslosenentschädigung ausgeschlossen, nur weil er die Arbeit dann wieder beim gleichen Arbeitgeber aufnehme. Der arbeitslose Saisonarbeiter müsse sich aber strikte an die ­speziellen Regeln für saisonale Arbeitslosigkeit halten.

Erstellt: 15.07.2018, 11:39 Uhr

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