Gegen den Job im Grossraumbüro lässt sich erfolgreich klagen

Eine Beamtin hat sich vor Gericht das Recht auf ein Homeoffice erstritten.

Nicht jedermanns Sache: Arbeit im Grossraumbüro. Foto: Getty Images

Nicht jedermanns Sache: Arbeit im Grossraumbüro. Foto: Getty Images

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«Fenster auf», «nein, bitte zu», «bitte leiser». Wer im Grossraumbüro arbeitet, muss sich den Gewohnheiten der anderen unterordnen. Manch einer soll seine liebe Mühe damit haben. Für eine Sachbearbeiterin im Bundesamt für Informatik (BIT) war die Arbeit in einem Raum mit vielen anderen nicht bloss lästig, sondern unerträglich. Sie klagte, dass die Arbeit im Grossraumbüro sie krank mache.

Das Bundesverwaltungsgericht hat nun überraschend entschieden, dass die Arbeitgeberin der Frau hätte ermöglichen müssen, die Hälfte ihrer Arbeit von zu Hause aus zu erledigen. Beamte und theoretisch sogar private Angestellte in ähnlichen Situationen können sich künftig auf das Urteil berufen und ein Homeoffice erstreiten. Laut Thomas Geiser, Professor für Arbeitsrecht an der Universität St. Gallen, handelt es sich um einen Präzedenzfall.

Die 51-jährige Sachbearbeiterin musste vor drei Jahren zusammen mit Dutzenden von Arbeitskolleginnen und -kollegen von ihrem Kleinbüro in die neu zu Grossraumbüros umgebauten Räumlichkeiten im BIT umziehen. Weil ihr die Arbeit in einem Raum mit zehn anderen Mitarbeitenden zu schaffen machte, ging sie zu ihrer Ärztin. Diese bescheinigte der Bundesangestellten, dass sie «zu der Gruppe von 20 Prozent der Bevölkerung» gehöre, die eine «hohe Sensibilität» aufweise. Das sei ­keine Krankheit, sondern eine Begabung. Die Frau ist laut ihrer Ärztin deshalb arbeitsuntauglich, sie brauche aufgrund ihrer speziellen Eigenschaften verbesserte Arbeitsbedingungen, sprich: am besten ein Kleinbüro oder – versuchsweise – zumindest die Möglichkeit, zu Hause arbeiten zu dürfen.

Das Amt hatte der Frau missbräuchlich gekündigt

Für die Verantwortlichen im BIT kam beides nicht infrage. Es gebe keine Kleinbüros mehr im ganzen Amt, selbst der Direktor arbeite im Grossraumbüro. Und eine Home­office-Lösung habe man bei der Frau verworfen, weil ihre Arbeit dafür nicht geeignet sei. Man wurde sich nicht einig. Deshalb hat das Amt der Frau gekündigt.

Laut Gericht hätte vom Arbeitgeber in dieser Situation zwar tatsächlich nicht verlangt werden können, dass für die Frau extra ein Kleinbüro gebaut werde. Die Richter hielten fest, dass bei Gesunden grundsätzlich auch kein Anspruch auf Arbeit im Homeoffice besteht. Sie betonten aber, dass der Arbeitgeber die betrieblichen Einrich­tungen so gestalten müsse, dass ­Gesundheitsgefährdungen und Überbeanspruchungen vermieden werden. Deshalb hätten die Chefs der Frau zumindest einen echten Versuch mit Homeoffice gewähren müssen, auch wenn das ihrer Meinung nach keine geeignete Lösung sei. Weil das BIT dies nicht getan habe, hätte es der Frau deshalb nicht kündigen dürfen.

Es handle sich um einen Spezialfall

Weil für die Frau mittlerweile die Wiederaufnahme der Arbeit nicht mehr infrage kam, wurde die Kündigung nicht rückgängig gemacht. Dafür hat das Gericht das BIT verknurrt, der Frau eine Entschädigung in der Höhe von einem halben Jahreslohn zu zahlen. Das Urteil ist rechtskräftig.

In der Bundesverwaltung arbeiten 38'000 Beamte. Dazu kommen Tausende von Staatsangestellte in den Kantonen. Gut möglich, dass sich nun etliche Grossraumbüro-Geplagte auf das Urteil berufen und gegen den Willen des Vorgesetzten ein Homeoffice fordern. Beim Bund versucht man den Ball flach zu halten. Auf die Frage, ob man das Urteil als Präzedenzfall betrachte und Anpassungen bei den Richtlinien betreffend Homeoffice vornehme, antwortet Roland Meier, Sprecher des eidgenössischen Finanzdepartements ausweichend: Es handle sich bei der Frau um einen Spezialfall. Man werde auch künftig in jedem Einzelfall prüfen, wie weit den besonderen Bedürfnissen von Arbeitnehmenden Rechnung getragen werde.

Wer ein Arztzeugnis mitbringt, hat Chancen

Für Professor Geiser von der Uni St. Gallen steht hingegen fest, dass das Urteil allgemeine Gültigkeit hat. Zumal das Gericht im Entscheid grundsätzlich festhalte, dass die Arbeitgeberin Alternativen zum Grossraumbüro prüfen müsse, falls dieses die Gesundheit eines Mitarbeitenden gefährde. Geiser hält indessen fest, dass ein blosses Unbehagen im Grossraumbüro kein hinreichender Grund sei, ein Homeoffice durchzusetzen. Die gesundheitliche Gefährdung müsse durch ein Arztzeugnis belegt werden. Es sei zwar nicht zu erwarten, dass nun massenhaft Bundesangestellte ein Recht auf Homeoffice durchsetzen können, «aber vermutlich doch einige», sagt Geiser.

Bezüglich Anstellungen bei Privatfirmen gelte der im Urteil aufgestellte Grundsatz ebenfalls, weil das Gericht seine Ausführungen nicht nur auf das Bundespersonalrecht, sondern auf das Arbeitsgesetz stütze, dessen Gesundheitsschutz unabhängig davon gelte, ob es sich um ein öffentlich-rechtliches oder privatrechtliches Arbeitsverhältnis handle. Allerdings sei im Privatrecht die Kündbarkeit anders geregelt. Deshalb ist es für Geiser fraglich, ob sich der Grundsatz letztlich in der Praxis auch auf die Privatwirtschaft übertragen lässt.

Tatsächlich zeigen etliche Studien, dass die Arbeit in Grossraumbüros gesundheitliche Risiken birgt. So werden laut Forschern der Universität Stockholm Menschen in Grossraumbüros mit 10 bis 24 Arbeitsplätzen fast doppelt so oft krank wie jene in Einzelbüros. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 20.01.2018, 19:12 Uhr

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