Bei den Seilbahnen geht es bergauf

Viele Skigebiete sind so gut ausgelastet wie seit Jahren nicht mehr. Damit können sich die Bahnbetreiber aus der finanziellen Notlage befreien, wie eine neue Studie zeigt.

Die Besucherzahlen steigen: Wintersportler in Laax.

Die Besucherzahlen steigen: Wintersportler in Laax. Bild: Esther Michel

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Engelberg OW Volle Pisten, volle Sessellifte: Tausende Skifahrerinnen und Snowboarder kurvten gestern im Titlisgebiet oberhalb von Engelberg über die Pisten. Der viele Schnee lockte wie schon über die Festtage die Wintersportler zuhauf in die Berge.

Nicht nur in Engelberg können die Betreiber der Bergbahnen aufatmen, sondern in der gesamten Schweiz. Bis Ende Dezember verzeichneten sie 36 Prozent mehr Gäste als im Vorjahr, wie der Verband Seilbahnen Schweiz am Freitag bekannt gab. Selbst gegenüber dem Fünfjahresdurchschnitt gab es eine deutliche Zunahme: plus 13,6 Prozent.

Nach den vergangenen miserablen Wintern stehen damit für viele Bergbahnunternehmen die Chancen gut, dass sie sich finanziell erholen. Der Mehrheit von ihnen steht das Wasser bis zum Hals, da die Zahl der Gäste in den Schweizer Skigebieten seit neun Jahren im Sinkflug ist. Waren es in der Wintersaison 2008/09 noch 29,3 Millionen Besucher, sank diese Zahl im vergangenen Winter auf nur noch 21,2 Millionen.

Plus 36 Prozent: Gäste über die Festtage im Vergleich zum Vorjahr. Quelle: Bahnen/Seilbahnen Schweiz

Die Schweizer Skigebiete haben also in diesem Zeitraum 28 Prozent ihrer Gäste verloren. Gründe dafür: späte Wintereinbrüche, warme Temperaturen, rückläufiges Interesse für den Schneesport, sinkende Flugpreise und vor allem die starke Aufwertung des Schweizer Frankens.

Nun sei jedoch die Talsohle durchschritten, glaubt Bergbahnspezialist Philipp Lütolf, Wirtschaftsprofessor der Hochschule Luzern. In seiner neusten Branchenanalyse schreibt er: «Für die Ausflugsbahnen geht es weiter aufwärts.» Hoffnung machten der schwächere Franken und die Tatsache, dass die meteorologischen Bedingungen gegenüber den vergangenen zwei bis drei Jahren fast nicht mehr schlechter werden könnten. Zudem ist die Schweiz international wieder konkurrenzfähig. Erstmals seit Jahren kann sie preislich mit Österreich mithalten.

«Für die Ausflugsbahnen geht es weiter aufwärts.»Philipp Lütolf, Hochschule Luzern

Der Aufschwung wirkt sich positiv auf die Finanzlage der Bergbahnen aus. Im Auftrag der Berner Nebenwertebörse, an der mehr als 70 Bahnen gelistet sind, hat Lütolf 48 Bergbahnfirmen untersucht, die gut 85 Prozent des Branchenumsatzes ausmachen. Bereits 10 Prozent mehr Skifahrtage würden die Kapitalrendite so stark anheben, dass zahlreiche Skigebiete wieder die notwendigen Investitionen finanzieren können, schreibt Lütolf.

Vielen Skigebieten fehlte das Geld, um Anlagen zu ersetzen

Das ist nötig, denn in den vergangenen Jahren hatte sich die Ertragslage vieler Bergbahnen so stark verschlechtert, dass zwei Drittel der Betriebe nicht einmal mehr die Renovationen und den Ersatz veralteter Anlagen aus eigener Kraft finanzieren konnten – geschweige denn Investitionen in die Steigerung der Qualität. Nach Berechnungen von Lütolf, der als einer der besten Kenner der Bergbahnbranche gilt, brauchen die Betreiber eine Rendite von mindestens 3 Prozent, um die nötigen Ersatzinvestitionen mit eigenen Mitteln finanzieren zu können. Diese wird gemessen am Cashflow in Prozent der Anschaffungswerte.

Die aktuellsten verfügbaren Zahlen ausgewählter Bahnen zeigen, dass viele diesen Schwellenwert unterschritten haben. Wenn sie nun in der laufenden Wintersaison ihre Einnahmen deutlich steigern können, dürfte es nach Lütolfs Berechnungen etlichen Gebieten gelingen, wieder genügend Rendite zu erwirtschaften, um zu investieren.

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Matchentscheidend sind nun die Skiferien im Februar und die Ostertage. Das weiss auch Nationalratspräsident Dominique de Buman, der gleichzeitig den Verband Seilbahnen Schweiz präsidiert. Er sagt: «Wenn die Saison weiter so gut läuft, können viele Bergbahnen wieder investieren oder zumindest das Finanzloch der letzten Jahre ausgleichen.» Die Anzeichen dafür stehen gut. Saas-Fee VS, Laax GR und die Aletsch-Arena VS beispielsweise berichten von einem guten Buchungsstand.

Matchentscheidend sind nun die Skiferien im Februar und die Ostertage.

Maurus Tomaschett, Geschäftsführer der Sportbahnen Vals GR, findet: «Das hat die Branche verdient.» Im Vergleich zum vergangenen Jahr waren über Weihnachten und Neujahr mehr als doppelt so viele Skifahrer und Snowboarder auf den Pisten von Vals unterwegs. Die Bergbahnen Disentis GR verzeichneten sogar eine Steigerung von mehreren 100 Prozent. «Wir konnten die Saison bereits Anfang Dezember beginnen», sagt Geschäftsführer Rudolf Büchi. «In den letzten beiden Jahren war dies wegen des fehlenden Schnees erst im Januar möglich.»

Die Zusammenarbeit rettet bedrohte Skigebiete

Die Bergbahnbetreiber sind sich einig: 10 Prozent mehr Skifahrtage würden den Spielraum deutlich vergrössern. Doch mehr Gäste anzulocken, ist nicht leicht. Das Konsumverhalten der Schneesportler hat sich verändert. Sie kommen nicht mehr für eine ganze Woche, sondern lediglich für ein paar Tage, was zu einer noch stärkeren Abhängigkeit von Wetter und Schneelage führt. Das haben die Pistenbetreiber in der Neujahrswoche zu spüren bekommen, etwa die Bergbahnen von Gstaad BE. «Ohne den Sturm Burglind wäre es ein traumhafter Saisonauftakt gewesen. So war es ein guter», sagt Geschäftsleiter Matthias In-Albon.

So rentabel sind ausgewählte Bergbahnen: Cashflow in Prozent der Anschaffungswerte (Durchschnitt der letzten fünf Jahre). Quelle: OTC-X

Dass die Gstaader Bahnen noch laufen, ist nicht selbstverständlich. Vor zwei Jahren standen sie vor dem Aus. In-Albon hat die Wende geschafft, mit der Schliessung von Bahnen, der Abschaffung von Hierarchiestufen, der Senkung des Einheimischenrabatts und der Kürzung der Betriebszeiten. Und vor allem: mit Zusammenarbeit statt Alleingang.

Im Berner Oberland hat der Schulterschluss der vier grossen Skiregionen Adelboden-Lenk, Jungfrau-Region, Meiringen-Hasliberg und Gstaad-Zweisimmen mit einem gemeinsamen Saisonabo für 666 Franken ab diesem Winter stattgefunden. In-Albon bemängelt aber: «Viele Skiregionen lassen Weitsicht und Offenheit für Kooperationen vermissen.» Womöglich seien die Not und der Leidensdruck noch nicht gross genug.

«Viele Skiregionen lassen Weitsicht und Offenheit für Kooperationen vermissen.»Matthias In-Albon, Bergbahnen Gstaad

Einig ist sich die Branche allerdings, dass Tiefstpreise, wie sie Saas-Fee VS vor zwei Jahren mit einem Saisonabonnement für 222 Franken lanciert hat, keine Lösung sind. «Das schadet allen Bergbahnen», sagt Samuel Rosenast von Davos Klosters Tourismus. Denn mehr Gäste nützen den Skigebieten nur dann etwas, wenn diese sich das Wachstum nicht durch einen Preiszerfall erkaufen.

«Die Saison 2017/18 könnte diesbezüglich entscheidend sein», schreibt Philipp Lütolf. «Verläuft sie deutlich besser als die letzten drei Saisons, wird der Druck für weitere Preisreduktionsaktionen abnehmen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.01.2018, 17:08 Uhr

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