Bei Halsweh brauchts oft keine Antibiotika

Infektiologen kippen ein altes Dogma – Antibiotika sei nur in wenigen Fällen sinnvoll. Bei Angina raten sie zu anderen Heilmethoden.

Ärzte raten heute bei Halsweh zuerst zu Hausmitteln wie Halswickeln oder Salbeitee Foto: Getty Images

Ärzte raten heute bei Halsweh zuerst zu Hausmitteln wie Halswickeln oder Salbeitee Foto: Getty Images

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Patienten mit Streptokokken-Halsangina müssen mit einem Antibiotikum behandelt werden! So haben es Ärzte rund ein halbes Jahrhundert lang eingeschärft bekommen. Nun widersprechen Infektiologen dieser alten Lehrmeinung: «Es gibt keinen Hinweis, dass Antibiotika bei dieser Erkrankung etwas bringen. Wir stützen uns da auf wissenschaftliche Daten», sagt Philip Tarr, Co-Chefarzt am Kantonsspital Bruderholz BL. Zusammen mit Kolleginnen hat er die Fachliteratur dazu studiert. Seit Jahrzehnten würden bei uns meist harmlose Luftwegsinfekte unnötig dramatisiert, kritisieren die Infektiologen.

Bisher galt die Devise: Das Antibiotikum ist nötig, um gefährlichen Komplikationen vorzubeugen. Dazu zählen zum Beispiel eitrige Abszesse im Hals, die zu Blutvergiftung führen können. Auch das gefürchtete «akute rheumatische Fieber» (ARF) mit Gelenkentzündungen, Herz- und Hirnschäden sollte so gebannt werden, ebenso Nierenschäden, die nach Infekten mit den Streptokokken-Bakterien auftreten können. Die meisten bakteriellen Halsentzündungen gehen auf das Konto der Streptokokken.

Das Risiko von Komplikationen ist minim

Bloss: Diese Komplikationen gibt es in westlichen Ländern seit Jahrzehnten kaum noch. Die Erkrankungszahlen sanken bereits vor der Ära der Antibiotika, vermutlich aufgrund besserer Lebensbedingungen und weniger aggressiver Bakterienstämme. Schon 1946 sei infrage gestellt worden, ob Antibiotika das rheumatische Fieber verhindern, gaben Tarr und seine Kollegen im Juli im «Schweizerischen Medizin-Forum» zu bedenken.

Seit 1961 zeigte keine Studie mehr einen Nutzen in Bezug auf das ARF – trotzdem wurde an der Vorbeugung mit Antibiotika festgehalten, jedenfalls in der Schweiz, obwohl hier höchstens ein Kind unter einer Million Kindern an ARF erkrankt – ein Risiko, das etwa gleich hoch sei wie das einer schweren allergischen Reaktion auf Penicillin, so Tarr.

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Auch die anderen Komplikationen der Streptokokken-Angina sind heutzutage so selten, dass sich die pauschale Gabe von Antibiotika nicht rechtfertigen lasse, lautet das Fazit der Fachleute. Nur in ausgewählten Fällen sei dies sinnvoll, etwa, wenn der Patient schwer krank wirke oder immungeschwächt sei.

Stattdessen raten die gestandenen Infektiologen bei Streptokokken-Angina in den meisten Fällen nun zum Beispiel zu Halswickeln mit Zitrone oder Quark, Echinacea, Lindenblüten- oder Salbeitee in kleinen Schlucken und zu «massvollem» Fiebersenken, weil «Fieber eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr spielt», schreiben sie in ihrem Fachartikel.

Resistente Bakterienstämme verhindern

Das Argument, das Antibiotikum würde das Halsweh rasch beseitigen, kontern sie ebenfalls: «Nach einer Woche sind mit oder ohne Antibiotika 90 Prozent der Patienten beschwerdefrei», sagt Tarr. im Durchschnitt klingt das Halsweh mit Antibiotikum 16 Stunden bis zwei Tage rascher ab.

Die Schweizer Infektiologen sind nicht die Einzigen, die bei den Streptokokken zurückbuchstabieren. Vorreiter waren die Niederlande, Belgien, Schottland, aber auch die europäische Fachgesellschaft der Infektiologen. Sie rät schon seit 2012 bei Streptokokken zur Zurückhaltung mit Antibiotika. Die USA, Kanada und Finnland dagegen halten daran fest.

Tendenziell aber geht der Trend seit Jahren hin zu weniger Antibiotika: Blasenentzündung, Mittelohrentzündung, Erkältung der Nasennebenhöhlen – überall geben Fachleute wie Tarr ihren Kollegen denselben Rat: Antibiotika nicht routinemässig geben, und wenn, dann so kurz wie nötig. Bei der Streptokokken-Angina beispielsweise galt früher die 10-Tage-­Regel, seit 2019 rät die Schweizerische Gesellschaft für Infektiologie nur noch zu sechs Tagen Behandlungsdauer. Denn je länger die Antibiotika-Einnahme andauert, umso grösser wird die Wahrscheinlichkeit, dass sich resistente Bakterien bilden.

In anderen Ländern sind solche schwer zu behandelnde Erreger bereits weit verbreitet. «Wer heute als Patient in ein italienisches, griechisches, südostasiatisches oder südamerikanisches Spital muss, hat ein relevantes Risiko, dass er dort Bakterien aufliest, die antibiotisch kaum noch behandelbar sind. Solche Patienten sehen wir in unserer Klinik jede Woche», sagt Werner Albrich, Leitender Arzt an der Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene am Kantonsspital St.Gallen.

Infekte sind meist durch Viren verursacht

In einer britischen Studie überprüften Wissenschaftler, wie lange Patienten in Hausarztpraxen Antibiotika verordnet bekamen. Fazit: In vier von fünf Fällen nahm der Patient das Medikament unnötig lang ein. Hochgerechnet auf Grossbritannien ergäbe das pro Jahr über 65 Millionen unnötig eingenommene Dosen von Antibiotika.

Glaubt man einer anderen, ­US-amerikanischen Studie, ist sogar nur etwa eine von acht Antibiotika-­Verordnungen bei ­Patienten ausserhalb des Spitals medizinisch sinnvoll, denn die ­allermeisten Infekte sind durch ­Viren verursacht – Antibiotika aber helfen nur gegen Bakterien.

«Früher hiess es immer: Die meisten resistenten Bakterien entstehen im Spital. Aber Tatsache ist: Heute werden fast drei Viertel aller Antibiotika in der Praxis verordnet. Wenn es um das Risiko von Resistenzbildungen geht, stehen die ärztlichen Praxen im Vordergrund», sagt Tarr. Zudem birgt jede Antibiotika-Einnahme die Gefahr von Nebenwirkungen wie Durchfall. Denn der Bakterienkiller bringt auch die nützliche Darmflora – ein Biotop aus Milliarden von Bakterien, Pilzen und Viren – durcheinander. «Bakterien sind nicht unsere Feinde. Viele davon brauchen wir, und die allermeisten schaden uns nicht», sagt Albrich und rät: «Wir sollten uns die Antibiotika für die Fälle aufbewahren, wo wir sie wirklich benötigen.



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Erstellt: 08.09.2019, 15:05 Uhr

Alarmzeichen – Wann man zum Arzt gehen sollte


  • Die Halsschmerzen halten länger als 72 Stunden an oder werden schlimmer


  • Der Kiefer klemmt, man kann nicht mehr oder nur unter sehr starken Schmerzen schlucken


  • Hals schmerzt nur einseitig


  • Halsweh plus Hautausschlag


  • Der Hals ist von aussen sehr ­berührungsempfindlich


  • hohes Fieber


  • chronische Erkrankungen oder Therapien, die das Immunsystem beeinträchtigen


  • schlechter Allgemeinzustand


  • Schwangerschaft


  • Erkrankung bei Baby, Kleinkind oder Senior über 65

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