Bei SRF ärgert man sich über Stöckelschuhe

Kulturchef Stefan Charles ist diese Woche zurückgetreten. Wohin steuert der Sender unter Direktorin Nathalie Wappler?

Der neue SRF-Sitz: Das Meret-Oppenheim-Hochhaus von Herzog & de Meuron. Foto: Keystone

Der neue SRF-Sitz: Das Meret-Oppenheim-Hochhaus von Herzog & de Meuron. Foto: Keystone

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Eigentlich ist doch alles so schön neu: In diesem Sommer hat das Schweizer Radio und Fernsehen in einem Neubau der Architekturstars Herzog & de Meuron in Basel drei Etagen bezogen. Die Kosten für den Ausbau beliefen sich auf nicht weniger als 20 Millionen Franken.

Endlich sollten die Abteilungen von SRF-Kultur zentral zusammengeführt werden, die zuvor auf verschiedene Städte und Standorte verteilt waren. Doch dann das: Als in den neuen Studios die ersten Aufnahmen gemacht wurden, waren von den Gängen her Schritte zu hören. Und das in einem Radiostudio, wo der Lärmschutz zum Wichtigsten überhaupt gehört. Das ärgerte Moderatoren ebenso wie Tontechniker, die ihre Sendungen empfindlich ­gestört sahen.

Als Notmassnahme hat das SRF inzwischen geräuschschluckende Teppiche verlegt. Wenn jemand in hohen Schuhen vorbeistöckele, sei das nervige Täppelen aber weiterhin zu hören, berichten Mitarbeiter. Das SRF schreibt, es sei bei einem Neubau «völlig normal», dass es «noch zu Optimierungen» kommt.

Will Wappler das Heft wieder in die Hand nehmen?

Tatsächlich kommt die Kultur beim SRF aber nicht zur Ruhe. Diese Woche kündigte der Abteilungsleiter seinen Job – nach gerade mal drei Jahren. Der 52-jährige Stefan Charles war nicht irgendwer, sondern Chef einer der grössten Bereiche des SRF. 295 Mitarbeiter sind in der Kultur beschäftigt. Zum Vergleich: Der Sport hat 155 Mitarbeiter.

Erst da, bald schon wieder weg: SRF-Kulturchef Stefan Charles. Foto: SRF

Eine Überraschung in der Branche war allerdings bereits Charles’ Berufung gewesen: Bevor er eines der prestigeträchtigsten Ämter der Schweizer Kulturszene übernehmen durfte, war er kaufmännischer Direktor des Basler Kunstmuseums gewesen, davor hatte er unter anderem als Komponist gearbeitet und schrieb zum Beispiel die Debütsingle «Bum» der Sängerin und Schauspielerin Yvonne Catterfeld, bekannt aus «Gute Zeiten, schlechte Zeiten».

«Oh-oh-ooh!» – Yvonne Catterfelds «Bum», getextet, komponiert und produziert von Stefan Charles unter dem Namen Stefan Wittwer.

Der Journalismus befindet sich in einem grossen Umbruch – auch beim SRF: Die jungen Zielgruppen wenden sich ab vom linearen TV- und Radioprogramm, sie sind online unterwegs. Zudem brechen die Werbeumsätze ein, weshalb das SRF per 2020 «mindestens» 16 Millionen Franken sparen muss. Auch deshalb überraschte die Wahl von Charles als neuem Kulturchef. Er hatte keinerlei journalistische Erfahrung vorzuweisen, bevor er vom kaufmännischen Posten des Kunstmuseums zum SRF wechselte – damals als Nachfolger von ­Nathalie Wappler, die zum deutschen Sender MDR ging und zwei Jahre später als SRF-Direktorin zurückkehrte.

Warum hat man den journalistisch unerfahrenen Mann überhaupt zu SRF geholt?

Nach nur einem Jahr im Amt bekam Charles also seine Vorgängerin als neue Chefin vorgesetzt. Und es braucht nicht allzu viel Einfühlungsvermögen, wenn man annimmt, dass ihre ehemalige Kulturabteilung der neuen Direktorin sehr nah geblieben ist – und dass Wappler hier nur allzu genau weiss, wohin sich die Abteilung in diesen herausfordernden Zeiten entwickeln müsste.

Der Abgang sei seine persönliche Entscheidung gewesen, erklärte Charles diese Woche in einem schriftlich geführten Interview mit dem Branchenportal «Persönlich». Trotzdem schrieb er seinen Mitarbeitern, dass ihm die Entscheidung «wirklich nicht leicht gefallen ist.» Im Interview meinte er, dass er sich vorstellen könne, sich an einer Uni «­weiterzubilden» – nicht gerade der übliche Karriereschritt nach einem derart einflussreichen Amt.

«Was wir in Zukunft für wen auf welchem Kanal und in welcher Form machen – aber bewusst auch nicht mehr machen»: Direktorin Nathalie Wappler über die «Strategie 2024» von SRF. Foto: SRF

Gegenüber der SonntagsZeitung wollte Charles – nach Rücksprache mit der Pressestelle von SRF – keine Auskunft geben. ­Warum hat man den journalistisch unerfahrenen Mann überhaupt zu SRF geholt? Der ehemalige Direktor Ruedi Matter habe einen ­Manager gesucht, heisst es. Intern habe er den neuen Kulturchef als «Zügelminister» vorgestellt, der die lang vorbereitete Zusammenführung in Basel umsetzen sollte. Tatsächlich verlief der Umzug ins neue Meret-Oppenheim-Hochhaus in Basel weitgehend reibungslos – wie es intern heisst, aber vor allem dank René Schell, der das Umzugsprojekt leitete.

Schell wird auch jetzt als möglicher neuer Kulturchef gehandelt. Neben Cathy Flaviano, einer studierten Betriebspsychologin, die anfangs im Stab von Charles war, dann als Abteilungsleiterin Kultur und Gesellschaft zum Tessiner RSI wechselte. Möglich wäre zudem, dass sich Wappler für Programm­entwicklerin Susanne Läng entscheidet. Oder für Barbara Gysi, die Radio SRF 2 Kultur leitet. Allenfalls lässt die Direktorin aber auch ihre Beziehungen nach Deutschland spielen, um eine geeignete Nachfolge zu finden.

Der Kulturjournalismus wird klein gehalten

Entscheidend wird ohnehin sein, wohin Wappler die Kultur steuern will – und was die SRG-weite «Strategie 2024» für die Abteilung bedeutet. Schon heute ist klar, dass in fünf Jahren fünfzig Prozent des Angebots digital sein sollen. Konkret bedeutet dies, dass die Redaktionen wohl vermehrt zusammenspannen müssen, Themen auf allen Kanälen gleichzeitig beackert werden, wie es bereits beim «Gotthard»-Zweiteiler vor zwei Jahren der Fall gewesen war. Unter Druck geraten wird dabei wohl der hohe Anspruch von Radio SRF 2 Kultur. Denn auch SRF erhebt genau, was online geklickt wird.

Für Nathalie Wappler geht es bei der «Strategie 2024» darum, «unseren Service public nochmals grundlegend neu zu denken». Und darum, «was wir in Zukunft für wen auf welchem Kanal und in welcher Form machen – aber bewusst auch nicht mehr machen». So habe sich Wappler gemäss einem Bericht der Basellandschaftlichen Zeitung auf internen Kommunikationskanälen und bei einer Personalinformation im letzten Herbst geäussert.

Eine reine Orientierung an den Klickzahlen hätte dabei fatale Folgen: Schon heute dominieren bei SRF-Kultur online Kurzfutter, Leichtes statt Tiefgründiges, Seichtes statt Hintergründiges. Der traditionelle Kulturjournalismus, der überall unter Druck steht, wird selbst beim gebührenfinanzierten Sender klein gehalten. Dabei war SRF noch vor kurzem bei der No-Billag-Abstimmung nicht müde geworden, den eigenen, wichtigen Kulturauftrag zu betonen.



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Erstellt: 09.02.2020, 18:30 Uhr

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