Bei Verkäufern und Lehrern wächst die Angst vor der Digitalisierung

Schweizer befürchten, dass neue Technologien die Einkommensschere öffnen und in Jobs vernichten.

Fast die Hälfte der Lehrpersonen erwartet, dass im Bildungswesen Jobs verloren gehen. Foto: Rob Tucker

Fast die Hälfte der Lehrpersonen erwartet, dass im Bildungswesen Jobs verloren gehen. Foto: Rob Tucker

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Den Hamburger brät im Schnellimbiss ein Roboter, die Einkäufe im Supermarkt scannen Kameras automatisch, und ein Professor hält seine Vorlesung als dreidimensionales Hologramm, zugänglich für Studenten rund um den Globus. All das ist heute schon möglich. Neue Technologien machen mancherorts menschliche Arbeit überflüssig und schaffen in anderen Bereichen neue Stellen.

Diesen digitalen Wandel sehen viele skeptisch. In einigen Branchen steigt die Angst, den Job an einen Roboter oder einen Algorithmus zu verlieren, deutlich. Das zeigt eine repräsentative Studie des Beratungsunternehmens Oliver Wyman, die kommende Woche veröffentlicht wird. 2000 Schweizer wurden befragt, ob sie glauben, dass das Internet und neue Technologien in der eigenen Tätigkeit eher Jobs schaffen oder Stellen vernichten.

Das Befinden ist je nach Tätigkeit sehr unterschiedlich. Angestellte im Detailhandel sehen die Zukunft düster. 62 Prozent glauben, dass Stellen in ihrem Beruf wegen neuer Technologien verschwinden werden. Im Vorjahr schätzte noch eine Minderheit von 47 Prozent der Befragten die Aussichten negativ ein. Laut Nordal Cavadini, Partner von Oliver Wyman, ist das gut nachvollziehbar. «Angestellte im Detailhandel erleben die Auswirkungen der Digitalisierung hautnah. Fachgeschäfte schliessen, das Selfscanning im Supermarkt und das Shoppen im Internet setzen sich durch. So gehen Arbeitsplätze verloren.» Laut Bundesamt für Statistik verschwanden im Detailhandel in den letzten 10 Jahren rund 30'000 Stellen.

Doch auch im Bildungswesen, das eigentlich als sicher vor der Ablösung durch Roboter gilt, herrscht Verunsicherung. Obwohl derzeit ein grosser Mangel an Lehrern herrscht, sind die Befragten zunehmend skeptisch, was Veränderungen durch die Digitalisierung betrifft. 46 Prozent erwarten als Resultat eher einen Abbau der Stellen im Bereich Bildung. Im Vorjahr sahen das nur 35 Prozent der Lehrer so. Auch Angestellte von Versicherungen und Banken schätzen ihre berufliche Zukunft durch technologische Innovationen immer pessimistischer ein.

Gemäss dem Arbeitspsychologen und Unternehmensberater ­Felix Frei können sich auch gut ausgebildete Angestellte nicht in Sicherheit wiegen. Denn nicht nur repetitive Arbeiten drohten wegzufallen. «Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, auch anspruchsvolle Aufgaben zu ersetzen. Die Digitalisierung kann und wird praktisch alle Tätigkeiten beeinflussen – direkt oder indirekt.» Niemand wisse, wie sich die neuen Technologien tatsächlich auf den Arbeitsalltag auswirken würden.

Schweizerinnen und Schweizer befürchten im Zuge der Digitalisierung ein stärkeres Ungleichgewicht zwischen Normalverdienern und den oberen Einkommensschichten. 63 Prozent der in der Studie von Oliver Wyman befragten Teilnehmer erwarten, dass die neuen Technologien die Einkommensschere weiter aufreissen werden.

Firmen fördern die bereits Gutausgebildeten

Auf diese Gefahr macht auch eine Untersuchung der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich aufmerksam. Gemäss der Analyse von 450 Schweizer Firmen schaffte die Digitalisierung in den vergangenen Jahren unter dem Strich zwar neue Stellen. Von den zusätzlichen Jobs profitieren allerdings nur hoch qualifizierte Angestellte. Bei den mittel- und geringer qualifizierten verschwanden Arbeitsplätze. Laut ETH-Professor Martin Wörter sind deshalb Gegenmassnahmen wie Weiterbildungsangebote nötig. «Es besteht die Gefahr eines steigenden Ungleichgewichts zwischen gut ausgebildeten und weniger qualifizierten Arbeitskräften.»

Das Mantra des lebenslangen Lernens predigen die Personalverantwortlichen in den Unternehmen schon lange. Kommenden Dienstag lanciert der Schweizerische Arbeitgeberverband gemeinsam mit der Standortinitiative Digital Switzerland eine Kampagne zum Thema. Doch laut Stefan Wolter, Bildungsforscher an der Universität Bern, haben Unternehmen nur wenig Interesse daran, Mitarbeitende auf allen Stufen zu fördern. Firmen hätten einen grösseren Anreiz, ihren bereits gut ausgebildeten Angestellten Weiterbildungskurse anzubieten. Dies verstärke die Loyalität der Fachkräfte zur Firma.

Nicht in allen Branchen sehen Angestellte ein Problem in der zunehmenden Digitalisierung. Eine klare Mehrheit der Arbeitnehmer im Gesundheitswesen, im Bereich der Informatik und Wissenschaft erwartet einen positiven Einfluss von neuen Technologien auf ihre beruflichen Aussichten.



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Erstellt: 01.09.2019, 14:10 Uhr

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