Das zweite Comeback der Traumvilla

Hoch über dem Lago Maggiore leuchtet wieder der Stern der Villa Orselina.

Traumhafte Lage: Inmitten einer subtropischen Vegetation thront die Villa Orselina über Locarno. Foto: PD

Traumhafte Lage: Inmitten einer subtropischen Vegetation thront die Villa Orselina über Locarno. Foto: PD

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Im Locarnese löschten in den vergangenen Jahren Hotels und Pensionen reihenweise für immer das Licht. Prominentes Beispiel ist das «Reber au Lac» in Locarno-Muralto, das vor bald 15 Jahren Luxuswohnungen weichen musste. Die gingen schon damals zu Preisen von vier und mehr Millionen Franken im Nu weg – und stehen meistens leer. Leer steht seit ebenfalls 15 Jahren das «Grand Hotel», das zum ärgerlichen Schandflecken der drittgrössten Tessiner Stadt verkommen ist. Auseinanderklaffende Interessen, politische Ränkespiele, Eifersüchteleien und allerlei Ähnliches stiessen das Hotelmonument mit seiner glamourösen Geschichte ins Elend.

Völlig überraschend schien das Totenglöcklein dann auch für eine weitere Hotelikone der Ferien-region zu läuten. Die Villa Orselina, im Frühling 2010 als Resort & Suite Hotel Orselina wiedereröffnet, musste von der Besitzerfamilie Amstutz an die Credit Suisse abgetreten werden und wurde geschlossen. Dabei hatte alles so gut begonnen. Alberto Amstutz, der das beliebte Hotel in dritter Generation führte, hatte es 2006 von Grund auf erneuern lassen. Aus den einst 80 Zimmern wurden 19 Suiten und 9 Doppelzimmer. Dazu kam ein Trakt mit Eigentumswohnungen, deren Besitzer die mustergültige Infrastruktur der Villa und auf Wunsch auch den Hotelservice nutzen konnten. Mit dem Verkauf der Wohnungen sollte die Renovation des Hotels finanziert werden.

Doch dann lief alles aus dem Ruder. Zweieinhalb Jahre waren für den Um- und Ausbau geplant. Es wurden vier Jahre daraus. Das Architektenteam musste ausgewechselt werden, und schliesslich kostete die Bauerei statt der veranschlagten 30 Millionen Franken weit über 40 Millionen.

Der Traum der neuen Villa Orselina wurde zum Albtraum

Zu allem Überfluss verlief der Verkauf der Wohnungen schleppend; potenzielle Käufer wurden durch die lange Bauzeit verunsichert. Das war zu viel für Amstutz. «Er wurde von den Kosten erwürgt, man hat ihm die Schlüssel zur Villa förmlich aus der Hand gerissen», heisst es. Hätte Amstutz das in die Jahre gekommene Hotel nach der Jahrhundertwende an die lauernden Immobilienhaie verkauft, wäre er über Nacht ein schwerreicher Mann geworden. Viele seiner Hotelierskollegen sind dieser Versuchung erlegen. Amstutz hat nie einen Gedanken daran verschwendet. Dass sein Traum von der neuen Villa Orselina zum Albtraum würde, konnte er nicht ahnen.

Die helvetische Hotellerie hat viele Wunder gesehen. Anfang 2012 hatte sie eines mehr. Walter Guyer, ein Zürcher Jurist mit Wohnsitzen in der Schweiz und in Monaco, erwarb von der Credit Suisse den Hotelbereich. Der Trakt mit den Wohnungen blieb bei der Bank, die die letzten 13 Einheiten mittlerweile an ein Konsortium verkaufen konnte. Investor Guyer griff tief in den Geldsäckel. Hotel, Interieur und die wunderbare Umgebung wurden komplett neu gestaltet, und schon knapp drei Monate nach dem Handwechsel wurde die Villa zum zweiten Mal innert zwei Jahren wiedereröffnet.

Es kam der fünfte Stern und mit Christoph Schlosser ein Direktor und Pächter, der nach erfolgreichen Jahren im noblen Waldhaus Flims eine Menge Kredit genoss. Viele Stammgäste, die in die Fünfstern-Häuser von Ascona ausgewichen waren, kehrten nach Orselina zurück. Die Zukunft präsentierte sich verheissungsvoll, doch dann kam wieder alles anders. Hoffnungs-träger Schlosser wurde krank, die Villa blieb zwar geöffnet, versank aber wieder in der Vergessenheit.

Die jüngste Wende kam Anfang 2017 mit Daniel Schälli. Der Churer hatte sich einst für einen Job im berühmten Giardino Ascona beim nicht minder berühmten Hans Leu beworben, der den jungen Mann als Nachtrezeptionisten einstellte. Während seiner Giardino-Zeit absolvierte Schälli die Hotelfachschule Belvoirpark und stieg die Karriereleiter hoch bis zum Chef de Réception und Mitglied der Geschäftsleitung. Wie so viele aus Leus legendärer Talentschmiede schaffte er den Durchbruch auch nach dem Abschied vom Giardino. Vor dem Engagement in Orselina war er fünfeinhalb Jahre General Manager im Eden Roc Ascona, das unter seiner Führung mehrmals als bestes Ferienhotel der Schweiz ausgezeichnet wurde.

Schälli brachte die Villa Orselina wieder ins Gespräch. Der smarte Churer stellte ein Team zusammen, das sich mit totalem Engagement ins Zeug legt. Und er spielt die Stärken der Villa geschickt aus. Die Lage zum Beispiel. Das Hotel thront inmitten einer subtropischen Vegetation hoch über Locarno. Der Blick auf das Tal und den Lago Maggiore ist atemberaubend. Die Infrastruktur ist top, der Luxus unaufdringlich, Italianità und stilvolles Understatement sind allgegenwärtig. «Wir wollen uns als privat geführtes Boutiquehotel in einer malerischen Landschaft positionieren, als Refugium für Geniesser», sagt Schälli. Einer, der regelmässig auf einen Espresso vorbeikommt, ist Alberto Amstutz. Das Hotel gehört ihm nicht mehr. Aber er ist froh, dass alles so ist, wie es ist.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 20.05.2019, 12:45 Uhr

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