«Es gibt nicht viele Berufe, bei denen man Applaus erhält»

Der Dirigent Manfred Obrecht ist die künstlerische Seele von Obrasso Concerts. Doch egal, mit wem er welche Werke aufführt– jedes seiner Konzerte ist von Leidenschaft geprägt.

«Ob die Zusammenarbeit mit einem Orchester funktioniert, kann ich nach zwei Minuten der ersten Probe sagen». Der Dirigent Manfred Obrecht im Foyer des KKL Luzern. Foto: Mischa Christen

«Ob die Zusammenarbeit mit einem Orchester funktioniert, kann ich nach zwei Minuten der ersten Probe sagen». Der Dirigent Manfred Obrecht im Foyer des KKL Luzern. Foto: Mischa Christen

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Heute Abend dirigieren Sie hier im KKL Luzern das Verdi-Requiem. Was verbindet Sie mit diesem Werk?
Ich führe es bereits zum dritten Mal auf – und gelange immer tiefer hinein. Grundsätzlich üben Vertonungen der Totenmesse eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Das Requiem beschreibt das Drama des Menschseins im Angesicht des Todes und ist mit den intensivsten Empfindungen verbunden. Ich glaube, es ist eine meiner Stärken, Emotionen auf die Musiker, die Sänger und das Publikum zu übertragen. Daher zieht mich eine derart grandiose und zugleich erschütternde Vertonung eines Werks auch besonders an.

Verdi war vor allem Opernkomponist. Hatte er einen Bezug zur Form des Requiems?
Tatsächlich warf man Verdi bei der Uraufführung 1874 vor, eine Oper im Kirchengewand geschrieben zu haben. Das Requiem wird vor allem von grossen Arien geprägt. Manche behaupteten damals auch, Verdi hätte eine antiklerikale Haltung – und könne die Vertonung des Requiems nicht umsetzen.

Das sehen Sie nicht so?
Nein. Fast alle Verdi-Opern enthalten eine innige Gebetsszene, und man muss emotional involviert sein, wenn man solche Musik schreiben kann. Verdi erlebte den Tod seiner ersten Frau und seiner beiden Kinder mit, er wusste genau, was er mit seinem Requiem schrieb. Das Werk hat denn auch eine Suggestiv- und Ausdruckskraft, die man sonst kaum findet. Höre ich es in einem Konzert, werden bei mir sofort Assoziationen geweckt. Schon bei den ersten Takten habe ich das Gefühl, den Weihrauch in der Kirche förmlich zu riechen. Und am Ende entsteht immer eine andächtige Ruhe – das Werk endet in der absoluten Stille, und es bleibt offen, ob das Flehen nach Erlösung erhört wurde. Das ist schon sehr eindrücklich.

Sie führen das Requiem im KKL Luzern mit dem Orchestra Filarmonica Italiana auf. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dieser Formation?
Solche Verbindungen beruhen oft auf Zufällen. Vor zwölf Jahren wollte ich beim Moonlight Classics ein italienisches Repertoire aufführen und suchte dafür ein italienisches Orchester. Ich hörte mich um, kam in Kontakt mit diesem Orchester – und die Zusammenarbeit erwies sich als sehr fruchtbar. Seither führe ich alle Opernprogramme mit diesem Orchester auf. Es hat einfach gestimmt zwischen uns. Ob eine Zusammenarbeit funktioniert oder nicht, kann ich nach zwei Minuten der ersten Probe sagen.


«Wichtig ist für Dirigenten heute, dass sie mit einer sehr klaren Vorstellung an die Proben kommen». Foto: Mischa Christen

Was kann dazu führen, dass sie nicht funktioniert?
Wenn viele Musiker dabei sind, die negative Energien einbringen. Das Orchester muss mit mir am gleichen Strang ziehen.

Wie erarbeiten Sie ein solch gewaltiges Werk mit einem Orchester im Ausland?
In diesem Fall verlief die Zusammenarbeit so: Ende Oktober fand eine dreistündige Probe mit dem Chor in München statt. Vorgestern reiste ich nach Brescia, wo das Orchester beheimatet ist, und wir probten am Vor- und Nachmittag jeweils drei Stunden lang. Dann fuhr ich zurück nach Luzern, wo gestern eine Solistenprobe und am Abend die Generalprobe stattfand.

Insgesamt probten Sie mit dem Orchester also nur sechs Stunden. Das erscheint wenig für sein so gewaltiges Werk.
Es ist im Gegenteil sogar recht komfortabel. Ich tat sechs Stunden lang nichts anderes, als meine Interpretation zu vermitteln, das Orchester beherrscht das Stück ja bereits aus dem Effeff. Wichtig ist für Dirigenten heute, dass sie mit einer sehr klaren Vorstellung an die Proben kommen. Man hat tatsächlich keine Zeit, etwas auszuprobieren, sondern muss seine Ideen innerhalb kürzester Zeit vermitteln.

Lange Proben bringen also nichts?
Sie hätten sogar einen Nachteil. Arbeitet man zu lange an einem Werk, verliert man das Orchester irgendwann. Man muss die Musikerinnen und Musiker packen und faszinieren, dann kann alles in sehr kurzer Zeit stattfinden.

Nächsten Februar werden Sie in der Tonhalle Maag in Zürich das Mozart Requiem aufführen mit der Philharomie aus Baden-Baden. Ist die Herkunft eines Orchesters spürbar?
Es gibt noch immer riesige Mentalitätsunterschiede. Ich arbeite seit über zwölf Jahre mit drei Orchestern intensiv zusammen, dem London Concert Symphony Orchestra, der Philharmonie Baden-Baden und dem Orchestra Filarmonica Italiana. Die Unterschiede zeigen sich bereits, wenn ich erscheine. In London begrüssen mich die Musiker so: «Hi Manfred, what do we play today?» In Baden-Baden tritt der Konzertmeister an mich heran: «Guten Tag, Herr Obrecht, willkommen in Baden-Baden.» Und in Brescia rufen mir die Musiker zu: «Ciao Maestro!» Daraus lässt sich ungefähr erahnen, wie die Zusammenarbeit verläuft.

«Probenarbeit ist immer auch eine Lebensschule.»

Das heisst, dass sich ein Orchester je nach Herkunft für ganz bestimmte Werke eignet?
Ja. Die impulsive italienische Musik etwa kann ich eher mit einem italienischen Orchester verwirklichen. Beim Orchester aus Baden-Baden bleibt die Atmosphäre formeller. Ich stelle aber tatsächlich fest, dass die Unterschiede zur jüngeren Generation zusehends verwischen. Ich persönlich empfinde eine tiefe Dankbarkeit, dass ich mit so verschiedenen Künstlern arbeiten darf; Probenarbeit ist immer auch eine Lebensschule. Beim Verdi Requiem stehen inklusive Chor 180 Leute auf der Bühne, und sie alle sind Individualisten. Für das Konzert muss ich aus ihnen eine Einheit formen. Der Chor stammt aus Deutschland, das Orchester kommt aus Italien, die Solistinnen sind Bulgarinnen, und am Pult steht ein Schweizer. Unsere gemeinsame Sprache ist die Musik.

Schaut man sich alte Filme mit Stardirigenten bei den Proben an – etwa mit Herbert von Karajan –, staunt man oft, wie stoisch die Musiker einen zuweilen barschen Ton über sich ergehen liessen. Kann man mit Musikerinnen und Musikern heute noch so umspringen?
Die Zeit der Patriarchen am Pult ist abgelaufen. Der eine oder andere mag vielleicht noch denken, er kenne als einziger die Wahrheit. Ein besonders autoritäres Auftreten braucht es aber gar nicht. Ich glaube, wenn man so weit kommt, dass man ein Orchester dirigieren darf, verfügt man über eine natürlich gewachsene Autorität, und dann erübrigt sich ein barscher Ton. Natürlich formuliere ich klar, was ich will, und manchmal muss ich meinen Forderungen auch Nachdruck verschaffen. Grundsätzlich aber versuche ich den Musikern zu vermitteln: Ich klinge hier als einziger nicht, ich bin auf euch angewiesen, wir erreichen das Ziel nur zusammen.

Der Dirigent muss also auch ein Psychologe sein?
Genau. Steht man vorn, muss man schon psychologisch geschickt vorgehen. Das ist aber immer so, will man Leute auf ein Ziel hinführen. Mir ist auch wichtig, dass die Musiker spüren: Unser Beruf ist ein unglaubliches Privileg. Es gibt nicht viele Berufe, bei denen man für seine Arbeit Applaus erhält.

«Ist die Leidenschaft erloschen, habe ich keine Berechtigung mehr aufzutreten.»

Sie müssen aber auch etwas leisten für diesen Applaus.
Ja. Dieses Privileg geht auch mit einer Verpflichtung einher. Die Konzertbesucher setzen ihr Geld und ihre Freizeit dafür ein, um uns zu hören. Wir dürfen ihre Erwartungen nie enttäuschen, sondern müssen immer das Beste aus uns herausholen. Ist die Leidenschaft, immer das Beste zu erbringen, erloschen, habe ich keine Berechtigung mehr aufzutreten.

Auf Ihrem Niveau kann man kaum noch Fortbildungen besuchen. Was machen Sie, um sich weiterentwickeln?
Ich glaube, für die eigene Entwicklung ist es sehr wichtig, eine gute Balance zu finden zwischen Werken, die man immer wieder dirigiert, und neuen. Würde ich nur neue Werke einstudieren, könnte ich nicht reifen. Würde ich aber immer nur dieselben Kompositionen aufführen, bekäme ich zu wenig neue Impulse. Ich bin zudem einer der Dirigenten, die oft im Konzertsaal und Opernhaus im Publikum anzutreffen sind. Ich interessiere mich sehr dafür, was läuft, und höre mir die Interpretationen anderer Dirigenten an.

Wird Ihre Interpretation besser, wenn Sie ein Werk alle paar Jahre neu einstudieren?
Ich denke schon. Es gibt ja immer wieder Dinge, die nicht optimal funktioniert haben. Ich frage mich stets: Was könnte ich besser machen? Und dann konzentriere ich mich je länger, je mehr auf ein paar entscheidende Punkte. Wenn man ein Werk das erste Mal dirigiert, hat man nicht dieselbe Beziehung dazu, wie wenn einen dieses Werk über mehrere Jahre begleitet.

Aber verliert man so nicht den unbeschwerten Zugang, der ja auch eine Qualität sein kann?
Das glaube ich nicht. Würde ich Musik rein aus dem Intellekt heraus betrachten, wäre das vielleicht so. Aber ich bin vor allem von Emotionen getrieben, und die sind jedes Mal wieder da.

Sie haben die Agentur Obrasso Concerts mit Ihrem Bruder Werner Obrecht gegründet und vermarkten Ihre Konzerte im KKL Luzern selber. Schränkt Sie die Tatsache, dass Sie stets das finanzielle Risiko mittragen, künstlerisch ein?
Klar, letztlich spielt die Akzeptanz des Publikums für uns eine wesentliche Rolle. Wir erhalten keine Subventionen und leben einzig davon, dass Leute gut finden, was wir tun. Natürlich gibt es Musik, die ich gern programmieren würde, die aber in unserem Programm keinen Platz findet. Die Frage ist aber, ob ich das, was ich hier mache, gern mache. Und da ist die Antwort einfach: Ja, sehr, sehr gern! Das spürt auch das Publikum. Und ich glaube, unsere Leidenschaft ist ein wesentliches Erfolgsrezept. Wir leisten ehrliche Arbeit und identifizieren uns stets voll und ganz mit dem Gebotenen. Und wir erwarten eine entsprechende Haltung auch von allen Künstlerinnen und Künstlern, die mit uns arbeiten. Die Leute sollen sagen: «Das war wieder wunderbar heute Abend.»

Obrasso Concerts wird nicht subventioniert. Wie stark ärgern Sie sich darüber, dass die Spiesse Ihrer Agentur nicht gleich lang sind wie jene der grossen Schweizer Orchester?
Das ärgert mich nicht. Wir sind halt einfach mit anderen Herausforderungen konfrontiert. Unsere Situation hält uns dazu an, Entscheidungen besonders sorgfältig abzuwägen. Es darf uns nie gleichgültig sein, ob das, was wir tun, jemandem gefällt – und das ist für einen Musikveranstalter doch eine gute Ausgangslage.

«Ich bin vor allem von Emotionen getrieben. Und die sind jedes Mal wieder da.»

Obrasso Concerts beweist, dass man klassische Musik auch ohne Subventionen unter die Leute bringen kann. Das wirft die Frage auf, ob es in diesem Kulturbereich überhaupt Subventionen braucht.
Ich denke, es braucht sie. Gewisse Weiterentwicklungen, etwa in der neuen Musik, könnte es ohne Unterstützung nicht geben. In jeder Epoche war die Kunst auf Mäzene angewiesen.

Klassische Konzerte werden vor allem von einem älteren Publikum besucht. Wie kann man junge Leute für Klassik begeistern?
Könnte ich diese Frage beantworten, würde ich etwas wissen, was andere trotz grosser Anstrengungen nicht wissen. Ein Problem bei klassischen Konzerten ist, dass die Eintrittspreise relativ hoch sind – weil der Aufwand so gross ist. Eine junge Familie kann sich Tickets unter Umständen nicht leisten. Man kann also nicht sagen, junge Leute seien nicht begeistert – aber für sie sind die Konzerte oft nicht finanzierbar.

Sie treten sehr oft auf und können sich bei Obrasso Concerts seit vielen Jahren kreativ austoben. Gibt es trotzdem noch Projekte, die Sie gern umsetzen würden?
Oh ja, ganz viele! Ich bin jetzt 61 Jahre alt. Seit zwanzig Jahren liegen einige Sinfonien auf meinem Pult, besonders jene von Beethoven. Ich habe sie immer wieder zur Hand genommen – und sie bislang dann doch jedes Mal auf den nächsten Stapel gelegt. Ich dachte stets: Ich habe noch nicht die nötige Reife erreicht, um diese Werke zu dirigieren. Jetzt aber spüre ich: Die richtige Zeit ist gekommen. Im September nächsten Jahres führe ich deshalb eine Beethoven-Sinfonie auf.

Welche?
Die Fünfte. Jeder Dirigent würde sagen: Bloss nicht die Fünfte, die hat ein paar Klippen, die man nur schwer meistern kann. Aber mich reizt diese Herausforderung.

Erstellt: 31.10.2019, 09:16 Uhr

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Dieser Beitrag stammt aus der Sonderbeilage Musik der SonntagsZeitung in Zusammenarbeit mit Obrasso Classic Events.

Manfred Obrecht

Manfred Obrecht, 61, studierte Trompete und Orchesterleitung in Bern und Basel. Seine lange und erfolgreiche Karriere als Dirigent ist geprägt von einer enormen Vielseitigkeit. So arbeitet er etwa mit dem London Concert Symphony Orchestra, der Philharmonie Baden-Baden, dem Orchestra Filarmonica Italiana aus Piacenza, der Slowakischen Philharmonie Bratislava oder den Stuttgarter Symphonikern zusammen. Bei Aufführungen der grossen sinfonischen Chorwerke dirigiert er renommierte Chöre wie den Moskauer Kathedralchor, die Arcis Vocalisten aus München oder den Coro dell’Opera di Parma. Manfred Obrecht ist Vater von zwei erwachsenen Kindern und lebt mit seiner Frau Margrit in Wiedlisbach im Oberaargau.

Konzerte mit Manfred Obrecht

CHRISTMAS IN LUCERNE
Das festliche Konzert im KKL Luzern mit der «Classic Festival Brass» und dem Moskauer Kathedralchor ist eine wunderbare Einstimmung in die Weihnachtszeit.
14./15. Dezember 2019, 19.30/17 Uhr, KKL Luzern, Konzertsaal

DIE GROSSE WEIHNACHTSGALA
Die Gala mit der Philharmonie Baden-Baden und dem über hundertköpfigen Classic Festival Chor verspricht ein unvergessliches, weihnächtliches Erlebnis.
21. Dezember 2019, 19.30 Uhr, Casino Basel
22. Dezember 2019, 17 Uhr, Tonhalle Maag Zürich

FESTLICHE NEUJAHRSGALA
Die bekannte Schweizer Schauspielerin Heidi Maria Glössner führt durch den Konzertabend mit dem Orchestra Filarmonica Italiana und Gesangssolisten.
11. Januar 2020, 19.30 Uhr, Casino Bern, Konzertsaal

MOZART REQUIEM
Das Requiem gehört zu den beliebtesten Kompositionen von Mozart. Interpretiert wird es in der Tonhalle Maag Zürich u.a. von der Sopranistin Ivana Rusko.
8. Februar 2020, 19.30 Uhr, Tonhalle Maag Zürich

DIE SCHÖNSTEN OPERNCHÖRE
Beliebte Chorpartien, Arien, Duette und Terzette aus Opern von Verdi, Rossini, Donizetti und Wagner fügen sich zu einem stimmigen Programm zusammen.
14. März 2020, 19.30 Uhr, KKL Luzern, Konzertsaal

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