Smarte Sicherheit

Immer mehr Hersteller drängen mit vernetzten und smarten Sicherheitslösungen auf den Markt. Was ist heute möglich? Und vor allem: Wie sicher sind die Gadgets wirklich?

Kevin simuliert die Anwesenheit von Bewohnern. Foto: Mitipi

Kevin simuliert die Anwesenheit von Bewohnern. Foto: Mitipi

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Kevin ist gern allein zu Hause. Und er verhält sich dann genau so, wie er konfiguriert wurde. Denn Kevin ist ein Anwesenheitssimulator, erfunden und entwickelt vom Schweizer Start-up Mitipi. Das Gerät sieht aus wie ein herkömmlicher Radio und ist mit kräftigen LED-Lampen sowie einem Lautsprecher ausgerüstet. «Mit Geräuschen und Schatteneffekten simuliert Kevin die Anwesenheit eines Anwohners», erklärt Julian Stylianou, CEO von Mitipi.

Anders als bei herkömmlichen Anwesenheitssimulatoren sind diese Effekte dem Lebensstil von Kevins realem Mitbewohner angepasst. «Das sieht täuschend echt aus – und hält Einbrecher, die in der Regel die Konfrontation scheuen, vom Einbruch ab», so Julian Stylianou. Und wie auch immer er programmiert wurde: Kevin ist stets smart. Sein System ist erweiterbar und vernetzt. Stylianou: «Es ist einfach programmierbar und wird sich bald über das Heimnetzwerk mit verschiedenen anderen Geräten verbinden lassen, etwa mit Bewegungssensoren.»

Im Sicherheitsbereich drängen immer mehr Hersteller mit smarten Lösungen wie Kevin auf den Markt. Dabei lassen sich grundsätzlich zwei Produktkategorien unterscheiden. Zum einen sind da die Lösungen, die eine Erhöhung der Sicherheit versprechen. In diese Kategorie fallen – neben Kevin – vernetzte Überwachungskameras oder Glasbruchsensoren. Diese Geräte kommunizieren nicht nur untereinander, sondern auch mit ihrem Besitzer. Registrieren sie einen Einbruch, senden sie umgehend eine Gefahrenmeldung an das Smartphone des Besitzers, damit dieser sofort die Polizei benachrichtigen kann. Verschiedene etablierte Hersteller bieten zudem Kamera- und Sensorsysteme an, etwa der Sicherheitsspezialist Abus oder Panasonic. Die Kosten für ein solches System belaufen sich auf rund 400 Franken.

Die Vernetzung bringt auch mehr Angriffsfläche

Das System von Panasonic zeigt jedoch auch gleich die Probleme des sicheren Smart Home auf. Gemäss einem Beitrag im Schweizer Fernsehen verliert die Anlage jede Funktion, sobald der Strom oder das WLAN ausfallen. Vernetzung bringt eben nicht nur mehr Komfort mit sich – sondern auch mehr Angriffsfläche.

Eine gewisse Skepsis ist durchaus berechtigt, wie ein weiteres Beispiel verdeutlicht. Das Vorhängeschloss Tapplock One lässt sich per Bluetooth steuern und verfügt über einen Fingerabdrucksensor. Das ist grundsätzlich praktisch. Aber innerhalb kürzester Zeit wurde das Schloss gehackt. Im Internet verbreiteten sich bald nach der Lancierung unzählige Videos von Hackern, die das Schloss mit Leichtigkeit öffnen konnten. Die Sicherheitslücke wurde inzwischen geschlossen, das mulmige Gefühl bleibt.

Das Tapplock One fällt als sogenanntes Smart Lock in die zweite Kategorie smarter Sicherheitslösungen: jene der vernetzten Gadgets, die primär dem Komfort dienen. Der Marktführer unter den Smart Locks stammt aus Österreich und heisst Nuki. Ein Nuki-Schloss wird auf der Innenseite der Tür über dem bestehenden Zylinder angebracht. «Der Sicherheitsgrad des bestehenden Türschlosses wird dadurch nicht verändert», sagt Clarissa Morales von Nuki. Das Schloss kann sodann je nach Wunsch zum Beispiel per Smartphone, per Zahlenschloss, per Bluetooth-Schlüsselanhänger oder per Sprachassistent geöffnet werden. Und das auch aus der Distanz, zum Beispiel dann, wenn ein Handwerker Zugang zum Haus benötigt.

Aber auch bei Nuki weiss man um das mulmige Gefühl bezüglich der vernetzten Technologie. Clarissa Morales betont denn auch: «Wir haben in ein sehr aufwendiges IT-Sicherheitssystem investiert.» Und tatsächlich attestiert das AV-Testinstitut dem Hersteller eine «höchstens theoretische Angreifbarkeit».

Einbrüche dauern in der Regel nur wenige Minuten.

Rückendeckung erhalten die Anbieter von smarten Sicherheitslösungen von der Polizei. Roger Grab von der Kriminalprävention der Stadtpolizei Zürich bestätigt zwar, dass vernetzte Schlösser ein zusätzliches Risiko mit sich bringen können. Aber er rät nicht gänzlich davon ab. «Die meisten Einbrüche erfolgen mehr oder weniger spontan», sagt er, «ohne die für einen Hack notwendige Vorbereitungszeit.» Und wenn ein Einbrecher sich Zeit für einen gezielten Einbruch nehme, kann ihm das Eindringen trotzdem gelingen. «Absolute Sicherheit vor Einbrüchen gibt es nicht.»

Trotzdem könnten zusätzliche Hürden wie Anwesenheitssimulatoren sinnvoll sein, sagt der Experte. Kevin kann einen Spontaneinbrecher abschrecken. Gleiches gelte auch für Alarmanlagen und Videokameras, sagt Roger Grab. Sie erhöhen den Einbruchsschutz. «Aber wer wirklich gewillt ist, in ein Haus einzubrechen, wird es allenfalls trotzdem versuchen.» Einbrüche dauern in der Regel nur wenige Minuten. Da die Polizei im Normalfall während oder nach einem Einbruch alarmiert wird, ist es fast immer schon zu spät, wenn sie am Tatort eintrifft.

Ein gänzlich einbruchssicheres Haus gibt es also nicht – egal, wie smart es ist. Trotzdem kann sich die Investition in smarte Sicherheitslösungen lohnen. Die Gadgets, die primär dem Komfort dienen, etwa die Smart Locks von Nuki, bieten zwar zusätzliche Angriffsfläche, aber auch einen Mehrwert. Es empfiehlt sich dringend, bei der Anschaffung nicht zu sparen. Dann aber können die smarten Schlösser eingesetzt werden. Smart-Home-Lösungen, welche die Einbruchssicherheit erhöhen sollen, etwa der Anwesenheitssimulator Kevin, können dieses Versprechen bis zu einem gewissen Grad auch tatsächlich einhalten.

Julian Stylianou von Mitipi sagt jedenfalls, bis jetzt habe er noch von keinem Einbruch bei einem seiner Kunden erfahren. «Obwohl das laut Statistik schon hätte passieren sollen.» Wer etwas mehr Geld in die Hand nehmen wolle, sagt Polizist Roger Grab, solle sich aber auch überlegen, einfach die Fenster und Türen besser abzusichern. «Das ist zwar weniger smart, dafür aber meist wirksamer.»

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Erstellt: 27.09.2019, 09:44 Uhr

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