«Frauen investieren anders als Männer»

Reto Ringger setzt mit seiner Globalance Bank ganz auf Nachhaltigkeit. Ein Gespräch über Renditen und Risiken.

Reto Ringger, Gründer der Globalance Bank beim Anwenden eines Virtual Reality System mit Brille. Foto: Sophie Stieger

Reto Ringger, Gründer der Globalance Bank beim Anwenden eines Virtual Reality System mit Brille. Foto: Sophie Stieger

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Wie kann man sinnvoll investieren?
Es reicht heute nicht mehr, nur die finanziellen Dimensionen einer Anlage anzuschauen. Man muss über die traditionellen Anlage-kriterien wie Kursbewertung und Anlagerisiko hinaus wissen, was die Produkte einer Firma in der realen Welt bewirken. Diese Themen werden zunehmend kurs-relevant. Etwa ob ein Unternehmen ein CO2-Risiko hat.

Alle behaupten, dass sie nachhaltig agieren.
Wir übernutzen unseren Planeten und konsumieren zu viele Ressourcen. Nachhaltig ist eine Unternehmung oder unsere Gesellschaft, wenn wir unserem Planten nicht übernutzen, sondern uns in Kreisläufen organisieren. Also die Produkte so herstellen, dass sie wieder für andere Kreisläufe genutzt werden können und nicht als Abfall enden. Das gilt besonders für die wirtschaftlichen Kreisläufe.

Der Klimawandel bewegt die Öffentlichkeit. Was kann man als Anlegerin und Anleger tun?
Man sollte sich fragen, ist mein Portfolio Teil des Problems oder trägt es zur Lösung bei. Man kann in neue, innovative Technologien investieren. Offensichtlich ist dies bei der Mobilität: Autonome, geteilte und elektrische Fahrzeuge verändern die Autobranche grundlegend. Viele dieser Technologien bringen mehr Nachhaltigkeit. Das sind interessante Anlagechancen.

«Unsere Kunden sehen, welche Wirkung ihr Vermögen auf die reale Welt hat.»

Sie wollen Ihren Anlegern zeigen, was der Fussabdruck ihres Vermögens ist. Wie funktioniert das?
Der Anleger hat heute keine Transparenz zur Wirkung seines Vermögens, das wollen wir ändern. Globalance ist die weltweit erste Bank, bei der jeder Kunde sieht, welche Wirkung sein Vermögen auf die reale Welt hat. Wir zeigen, welchen Footprint sie mit ihren Anlagen erzielen oder wie viel Klimagrad ihr Portfolio aufweist. Solche wichtigen Informationen sieht man in einem Depotauszug nicht.

Hand aufs Herz: Ist das nicht einfach auch eine gute Marketingstory?
Marketing funktioniert nur, wenn die Marketinginhalte auch gelebt werden. In eine positive Zukunft zu investieren, ist das Herzstück unserer Tätigkeit. Darum wurde Globalance gegründet, und das steht sogar in unseren Statuten. Investitionen mit positiver Wirkung auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt umfassen alle unsere Prozesse. BMW und Audi produzieren nun auch Elektrofahrzeuge, sind aber nicht so konsequent und kompetent wie etwa Tesla.

Wie merkt man, ob es ein Unternehmen ernst meint mit der Nachhaltigkeit?
Wenn Sie öfter in ein Restaurant gehen, merken Sie sehr schnell, ob die Küche gut, die Produkte frisch und der Service kundenfreundlich ist. Bei Banken ist das ähnlich. Wenn Sie sich die Produkte anschauen und mit den Menschen sprechen, merken Sie rasch, ob das nur Marketing ist oder die Bank wirklich kompetent ist.

Profitieren Sie von einem Greta-Thunberg-Effekt?
Ja, aber wir waren schon 25 Jahre vor Greta aktiv. Ob im Konsum, bei Reisen oder auch bei den Anlagen – die Kunden interessieren sich immer mehr für diese Themen und wählen Produkte, die unserem Planeten nicht schaden und Teil der Lösung sind.

Am Schluss wollen die Anleger doch einfach Geld verdienen.
Das ist kein Widerspruch. Im Gegenteil. Firmen, die sich nicht nachhaltig verhalten, haben erhöhte Risiken und höhere Finanzierungskosten. Das wird sich über kurz oder lang in einer tieferen Wettbewerbsfähigkeit oder Rendite äussern. Mit nachhaltigen Anlagen hat man geringere Risiken.

«Viele neue Technologien bringen mehr Nachhaltigkeit – und Anlagechancen.»

Wo muss man Abstriche machen bei der Rendite, wenn man auf Nachhaltigkeit setzt?
Man muss keine Abstriche bei der Rendite machen. Eine Mehrheit der wissenschaftlichen Studien kommt zum Schluss, dass man mit nachhaltigen Anlagen eine gleiche oder bessere Rendite erzielt. Ein anderes Ziel verfolgen sogenannte Impact-Anlagen, die eine tiefere Rendite in Kauf nehmen und dafür einen hohen sozialen oder Umweltnutzen erzielen.

Allerdings zeichnen sich viele Nachhaltigkeitsfonds auch durch hohe Gebühren aus. Ist das der Preis, den man zahlt?
Nein. Teuer wird Nachhaltigkeit erst dann, wenn eine Bank Nachhaltigkeit zusätzlich führt. Das heisst gleichzeitig traditionelle und nachhaltige Produkte anbietet. Das ist natürlich sehr teuer und führt zu höheren Kosten.

Auch andere Banken setzen auf Nachhaltigkeit. Was unterscheidet sie von Ihrer Bank?
Die meisten Banken führen eine Doppelstrategie: traditionelle und parallel dazu nachhaltige Anlagen. Da ist es schwierig, wirklich Kompetenz aufzubauen. Unsere Strategie und alle unsere Anlageprozesse sind konsequent auf zukunftsfähige Anlagen mit positiver Wirkung ausgerichtet. Diese Anlagephilosophie macht nicht nur fünf Prozent unseres Geschäftes aus, sondern hundert Prozent.

Dafür muss man bei Ihnen bereits ein Vermögen angespart haben, damit man als Kunde aufgenommen wird.
Unsere Fonds kann man bereits ab 100 Franken kaufen. Ab 300'000 Franken können wir den Kunden auch individuell beraten.

Bringt der Nachhaltigkeitsboom auch mehr Kunden?
Es gibt in der Schweiz und auch in Deutschland nur ganz wenig spezialisierte Banken. Das widerspiegelt sich bei den verwalteten Vermögen. Wir wachsen pro Jahr mit rund dreissig Prozent. Dieses Jahr sollten wir die Marke von einer Milliarde Franken verwalteter Vermögen erreichen und haben nach Deutschland expandiert. Die Hälfte der Kunden sind Frauen.

Investieren Frauen anders als Männer?
Definitiv.

Warum?
Männer glauben oft, sie bräuchten keine Spezialisten und könnten den Markt schlagen. Zudem sind Frauen gegenüber Nachhaltigkeitsthemen offener und investieren langfristiger.

Sie sind Mitglied des Club of Rome und waren Präsident des Stiftungsrats von WWF Schweiz. Steht das nicht in einem Widerspruch?
Nein, im Gegenteil. Unsere Welt ist ja nicht nur ein Marktplatz, sondern auch ein Lebensraum. Geld ist ein Mittel zum Zweck, und ich bin überzeugt, dass sich Rendite und Zukunftsfähigkeit ergänzen und sich eine positive Zukunft auch finanziell lohnt.

«Ich habe eine 13-jährige Tochter, die mir immer wieder kritische Fragen stellt. Das ist gut so.»

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen?
Das Klima erwärmt sich, der Regenwald brennt, und die Antarktis schmilzt langsam ab. Das sind grosse Herausforderungen. Wir müssen völlig neue Lösungen entwickeln und uns gleichzeitig an die Klimaveränderung anpassen. Doch die grösste Herausforderung besteht darin, dass wir umdenken und rasch Lösungen finden, damit wir unsere Lebensgrundlagen und unseren Wohlstand für die Zukunft sichern.

Was heisst das für die Schweiz?
Andere Länder wie China, nordische Länder oder die USA setzen bereits stark auf neue, nachhaltige Technologien. Das müssen wir auch forcieren. Zudem brauchen wir mehr Unternehmertum. Eine Firma in der Schweiz aufzubauen, ist in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern sehr aufwendig. Wir müssen neue Wettbewerbsvorteile entwickeln, damit wir nicht in Rückstand geraten.

Nachhaltigkeit ist Ihre Leidenschaft. Fühlen Sie sich mehr als Philosoph denn als Banker?
Ich fühle mich in erster Linie als Unternehmer. Ich verfolge aber intensiv andere Bereiche wie Philosophie, Technologie oder Wissenschaft und lasse mich inspirieren.

Wie fliesst der Nachhaltigkeitsgedanke in Ihr eigenes Leben ein?
Ich kompensiere jeden Flug, und wenn ich in Europa unterwegs bin, nehme ich meistens den Zug.

Was für ein Auto fahren Sie?
Ich fahre seit einigen Jahren einen Tesla und bin begeistert von dieser Technologie. Dennoch habe ich immer noch einen zu hohen Fussabdruck. Ich habe eine 13-jährige Tochter, die mir immer wieder kritische Fragen stellt. Das ist gut so.

Welches sind Ihre Vorbilder?
Ich bewundere Unternehmer wie Tesla-Gründer Elon Musk oder Bill Gates. Musk baut Elektroautos, neue Energietechnologien und Raketen. Ein Vorbild ist für mich auch Bill Gates, der mit seinem Geld viel Positives bewirkt auf der Welt.

Welche Ziele haben Sie sich für Ihr Leben gesetzt?
Ich möchte etwas bewegen, etwas schaffen, das auch möglichst eine globale Ausstrahlung hat, so wie wir es vor zwanzig Jahren mit der Lancierung des Dow Jones Sustainability Index gemacht hatten. Firmen haben sich auf diesen Index und die damit verbundenen Ziele ausgerichtet. Ich möchte mit meinen unternehmerischen Aktivitäten etwas bewirken und die Menschen zum Nachdenken anregen.


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Dieser Text stammt aus der Beilage «Geld & Digital» der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 15.11.2019, 11:20 Uhr

Der Vermögensverwalter

Reto Ringger ist Gründer und CEO der Globalance Bank, die rund 900 Millionen Kundenvermögen verwaltet. 1995 gründete der Ökonom die auf nachhaltige Anlagen fokussierte SAM (Sustainable Asset Management) und lancierte mit Dow Jones zusammen den Dow Jones Sustainability Index. Ringger ist Mitglied des Club of Rome und war 2012 bis 2016 Präsident des Stiftungsrats von WWF Schweiz.

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