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Phänomenale Massen

Overtourism beschäftigt die Reisenden – und die Branche. Veranstalter versuchen deshalb, die Kundschaft an überlaufenen Sehenswürdigkeiten vorbeizuschleusen.

Hotspot für Millionen von Touristen: Die chinesische Mauer. Foto: Getty Images
Hotspot für Millionen von Touristen: Die chinesische Mauer. Foto: Getty Images

Über zwei Millionen Touristen stürmten pro Jahr die Trauminsel Boracay. Der Traum verwandelte sich in einen Albtraum, die Insel in eine Müllhalde. Kurzerhand schloss die philippinische Regierung das frühere Paradies für sechs Monate. Boracay hinterlässt jetzt wieder einen aufgeräumten Eindruck. Die indonesischen Nachbarn können sich zu solch rabiaten Massnahmen nur schwer durchringen: Jährlich bestaunen 170'000 Besucher die berüchtigten Komodowarane. Das fragile ökologische Gleichgewicht im tropischen Inselreich Komodo droht zu kippen, die Ruhe der Riesenechsen wird gestört. Diskussionen um wirkungsvolle Schutzmassnahmen versandeten, bis sich Jakarta endlich zu einer einjährigen Sperrung 2020 durchrang.

Seit Reisen billiger geworden ist und sich weltweit immer mehr Menschen dieses Vergnügen leisten, beherrscht der Schrecken des Overtourism die Schlagzeilen: Touristenmassen auf der Suche nach dem letzten Grün bedrohen die Natur. Besucherhorden mit einem Arsenal von Smartphones vergrätzen die Einheimischen, und ob des dauerhaften Ansturms scheinen jahrhundertealte Sehenswürdigkeiten dem Untergang geweiht. «Aus meiner Optik sorgen vor allem Kreuzfahrten und Billigflüge für Overtourism», sagt Kurt Zürcher, Chef des Reisespezialisten Let’s go Tours. Und Stephan Roemer, Gründer von Tourasia, merkt an, dass ein Flug nach Barcelona vor zehn Jahren noch mindestens 400 Franken kostete: «Die moderne Mobilität macht uns alle zu Mittätern.»

Auch Marcel Gehring, CEO von Knecht Reisen, beschäftigt sich mit dem Phänomen: «Overtourism hat in einigen Städten oder Gebieten ein problematisches Ausmass angenommen.» Die drei Reise-Koryphäen gestehen aber ihrer Kundschaft eine gewisse Mündigkeit zu.

Touristen haben oft grosse Angst, die Hotspots zu verpassen

Die Gäste würden das Problem aus den Medien kennen, sagt Gehring. Knecht setzt auf proaktive Beratung. Und Gehrings Crew erklärt Kanada-Interessierten ungeschminkt, dass Lake Louise in den Sommermonaten überlaufen und überteuert sei. «Doch in Westkanada gibt es gute Alternativen», so Gehring. «Dank Instagram und Co. haben Kunden zuweilen grosse Angst, Hotspots zu verpassen.» Die Knecht-Mitarbeitenden versuchen, die Bedenken mit sachlicher Information zu zerstreuen. Gehring gibt ein Beispiel: «Eine Peru-Reise ohne Machu Picchu war kaum denkbar. Wer aber heute dorthin fährt, wird sehr oft enttäuscht, weil die Touristenströme teilweise überwältigend gross sind.» Seine Südamerika-Kenner erklären den Kunden, dass sich rund um Cusco weitere antike Ruinenstädte der Inka befinden, deutlich weniger besucht, aber mit ungetrübter magischer Ausstrahlung.

Der Asien-Spezialist hat zudem interessante Tipps auf Lager, den Massentourismus zu antizipieren. Stephan Roemer empfiehlt etwa nicht nur das Reisen in der Nebensaison, er rät auch, Besichtigungszeiten richtig einzuteilen: «Schon mal überlegt, frühmorgens eine Stadt joggend zu erleben? Touristengruppen tauchen nicht vor neun Uhr bei den Sehenswürdigkeiten auf.»

Tourasia versucht prophylaktisch, mit einer intelligenten Programmgestaltung den Besuchermassen auszuweichen. «Wir bringen unsere Gäste nicht mehr auf die Grosse Mauer in Mutianyu oder Badaling», sagt Roemer. «Stattdessen besuchen wir das chinesische Jahrtausendwerk an anderen, wenig frequentierten Orten.» Let’s go Tours arbeitet in Arabien ähnlich: «Für die Individualtouristen legen wir etwa den Besuch der Moschee in Abu Dhabi auf die Zeiten ohne Kreuzfahrer vor Ort», erklärt Kurt Zürcher. «Und wir verzichten auf einige angebliche Highlights und empfehlen den Kunden Alternativen. Im Oman etwa den Silber-Suk in Nizwa statt des überteuerten Mutrah-Suk von Muscat.»

Traumreisen – Die Übersicht

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Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOS – App für Android – Web-App
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