Beim Bombardier-Pannenzug tauchen neue Probleme auf

Auf deutschen Fernverkehrsstrecken halten Züge plötzlich an, weil das Bordsystem herunterfährt.

Den SBB machen seine Schüttel­bewegungen Sorgen: Eine Komposition des Doppelstockzugs von Bombardier. Foto: Keystone

Den SBB machen seine Schüttel­bewegungen Sorgen: Eine Komposition des Doppelstockzugs von Bombardier. Foto: Keystone

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Die Probleme mit dem Fernverkehr-Doppelstockzug von Bombardier seien bald behoben. Das versprach diese Woche SBB-Chef Andreas Meyer gegenüber dem «Blick». Der Hersteller habe beim Schüttelproblem einen Durchbruch erzielt.

Doch ausgerechnet jetzt tauchen beim Pannenzug, von dem mit sechs Jahren Verspätung erst 12 von 59 bestellten Stück auf den SBB-Schienen rollen, neue Probleme auf. Und zwar in Deutschland. Vor wenigen Tagen enthüllte die deutsche «Wirtschafts­woche», dass die Deutsche Bahn Ärger hat mit ihren Doppelstockzügen von Bombardier: Die Bordelektronik von sechs neuen Intercity-Fernverkehrszügen fährt mitunter ungeplant herunter. In der Folge halten die Züge auf offener Strecke. Der Lokführer muss einen Neustart der Software durchführen, bevor er weiterfahren kann. Dadurch kommt es zu Verspä­tungen. Teilweise erlischt das Licht in den Waggons unerwartet. Betroffen sind Züge, die auf der Strecke von Karlsruhe über Stuttgart nach Nürnberg unterwegs sind.

«Seit Betriebsaufnahme im Dezember 2018 kommt es bei den von Bombardier hergestellten Zügen zu Störungen innerhalb der Fahrzeugsoftware.»Sprecher Deutsche Bahn

Bei den Bombardier-Zügen der Deutschen Bahn handelt es sich um das gleiche Modell, das auch den SBB Kopfzerbrechen bereitet. Gegenüber der deutschen Version zeichnet sich die schweizerische allerdings durch den Einbau von Neigetechnik aus. Unterschiedlich ist auch der Name: In Deutschland heisst der Pannenzug Intercity 2, in der Schweiz FV-Dosto (abgeleitet von Fernverkehr-Doppelstockzug), Bombardier nennt das Modell Twindexx.

Ein Sprecher der Deutschen Bahn bestätigt gegenüber der SonntagsZeitung die Probleme. Er sagt: «Seit Betriebsaufnahme im Dezember 2018 kommt es bei den von Bombardier hergestellten Intercity-2-Zügen zwischen Nürnberg-Stuttgart-Karlsruhe zu Störungen innerhalb der Fahrzeugsoftware. Wir unterstützen Bombardier bei der Lösung der Probleme.» Zusätzlich setze die Deutsche Bahn mobile Techniker in den Zügen ein, um allfällige Störungen im Betrieb schnellstmöglich zu beheben und die Auswirkungen auf die Fahrgäste so gering wie möglich zu halten.

Der Dosto könnte noch jahrelang Probleme machen

Wie die Bombardier-Züge der SBB waren auch jene der Deutschen Bahn von Schüttelbewegungen betroffen. Immerhin: Dieses Softwareproblem konnte Ende 2016 behoben werden. Dazu waren laut dem Sprecher der Deutschen Bahn «umfangreiche technische Nacharbeiten» durch die Bahn und die Herstellerin notwendig.

Bombardier bestätigte gegenüber der «Wirtschaftswoche» die nun neu aufgetauchten Probleme: «Die Doppelstockzüge vom Typ Intercity 2 entsprechen aktuell noch nicht der von der Deutschen Bahn und von Bombardier erwarteten Zuverlässigkeit im Betrieb», sagte ein Sprecher.

Doch nicht nur die Fernverkehrsversion des Twindexx macht in Deutschland Probleme. Pannen gibt es auch auf den Regionalstrecken. So wurden die Züge für Berlin-Brandenburg, Schleswig-Holstein, Franken, Oberbayern und den Raum Rhein-Main-Neckar zu spät ausgeliefert. «Bei allen Flotten gab es Verspätungen, die maximale Dauer betrug 36 Monate», bestätigt der Sprecher der Deutschen Bahn. Und nach der Auslieferung kam es gehäuft zu technischen Störungen, was zu Ausfällen ganzer Fahrten oder von Zugteilen führte. Auch bei den Fahrzeugen für den Regionalverkehr verursachten Störungen innerhalb der Fahrzeugsteuerungssoftware die Probleme. Hier waren ebenfalls umfangreiche und langwierige Nacharbeiten seitens Bombardier notwendig.

Für die SBB sind das alles schlechte Nachrichten. Denn es könnte sein, dass es nun zwar gelingt, die Schüttelbewegungen durch technische Anpassungen in den Griff zu kriegen. Doch besteht die Gefahr, dass die Schweizer Züge wie jene in Deutschland weitere Softwareprobleme machen, die zu Ausfällen und Verspätungen führen können – und zwar jahrelang.

Auf die Frage, was die SBB vorkehren, damit dies nicht geschieht, sagt ein Sprecher: «Richten Sie entsprechende Fragen direkt an den Hersteller des Zuges.»



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Erstellt: 01.06.2019, 19:25 Uhr

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