Beim Gebären kommen Frauen auf die Welt

Die Geburt ist ein Gewaltakt. Viele werdende Mütter fühlen sich überfordert – wegen romantischen Vorstellungen und Konkurrenzdenken.

Ohnmacht, Schmerz, Erschöpfung, Wut: Frauen fühlen sich während der Geburt ausgeliefert. Foto: Getty Images

Ohnmacht, Schmerz, Erschöpfung, Wut: Frauen fühlen sich während der Geburt ausgeliefert. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Melanie* erlebte keine schöne Geburt. «Es war ein riesiger Schock», erzählt sie. Zwei Tage lang lag sie in den Wehen, bis endlich klar war, dass ein Kaiserschnitt nötig ist. Die Ärzte legten die werdende Mutter auf den Operationstisch und schnallten ihre Arme fest. «Ich lag ausgestreckt wie Jesus am Kreuz», sagt Melanie. Dass das bei Kaiserschnitten Routine ist, damit die Patientin nicht in den offenen Bauch oder in die Instrumente des Arztes fasst, erklärte ihr niemand.

Während Melanie so dalag, wurde an ihrem Bauch gezupft, geruckelt, gezerrt – und plötzlich war das Kind nicht mehr Teil von ihr. «Es fühlte sich an, als hätte man mir das Baby weggenommen», sagt Melanie. Sie empfand die Geburt als Gewalt an ihrem Körper und ihrer Seele. Sie war wütend. Vorgestellt hatte sich Melanie alles ganz anders: «Ich hatte ein Buch über Hypnobirthing gelesen. Mit Selbsthypnose, so dachte ich, könnte ich ohne allzu viele Schmerzen auf natürlichem Weg gebären.» Doch anstatt Selbstbestimmung erlebte sie Ohnmacht.

Ein Fünftel der Frauen spricht von Gewalt im Gebärsaal

Eine solch traumatisierende Geburt ist die Ausnahme. Doch fast jede Mutter kann davon erzählen, wie sie sich im Spital ausgeliefert fühlte, weil sie sich ignoriert, beleidigt, unter Druck gesetzt oder abschätzig behandelt vorkam. Da war vielleicht ein Arzt, der sagte: «Jetzt stellen Sie sich nicht so an!» oder eine Hebamme, die die Frage nach einer schmerzlindernden Massnahme erst mal überhörte. Das mag nach Bagatellen klingen, doch für Frauen im hormonellen Ausnahmezustand, die sich im ­Spital Hilfe erhoffen, sind sie das nicht.

Es gibt keine Zahlen darüber, wie oft Schwangere sich in der Schweiz schlecht behandelt fühlen. Bei einer repräsentativen Umfrage 2017 in Italien erklärte aber jede fünfte Mutter, sie habe während der Geburt ihres ersten Kindes Gewalt erlebt. In der Regel handelte es sich dabei nicht um körperliche, sondern um psychische Gewalt.

Negative Seiten einer Geburt sind nach wie vor ein Tabu

Frauen, die sich während der Geburt ausgeliefert vorkamen, kritisieren oft Ärzte und Hebammen. Grund für ihre Wut sind in der Regel aber eher falsche Vorstellungen und Beschönigungen. Nur wenige Frauen erzählen offen, wie schlimm es im Kreisssaal für sie war. Eine perfekte Mutter, so die gesellschaftliche Erwartung, gebärt leicht und mit Freude. Über Schmerzen spricht sie nicht, denn diese erleidet sie ja gerne für ihr Kind. Zu berichten, man habe die Geburt als schrecklich in Erinnerung, ist deshalb ein Tabu. Das führt dazu, dass junge Frauen ein romantisches Bild davon haben, was sie in den Gebärsälen erwartet. Diese sind auch eher wie Wellness-Oasen eingerichtet als wie Klinikzimmer: sanftes Licht, gemütliche Stillkissen, eine riesige Badewanne. Dadurch vermitteln sie das Gefühl, hier könne man sich so richtig entspannen. Enttäuschungen sind programmiert.

Hinzu kommt, dass der Natürlichkeitswahn als Gegenbewegung zur zunehmenden Technologisierung des Alltags immer mehr ­Lebensbereiche durchdringt, auch das Gebären. Dass die Geburt nach wie vor zu den häufigsten Todesursachen für Frauen weltweit zählt, wird im Westen gerne ignoriert. Vor allem im deutschsprachigen Kulturraum mit seinem eher traditionellen Mutterbild herrscht trotz Emanzipation nach wie vor die Idee vor, eine gute Geburt sei eine möglichst natürliche. Das bestätigt Stephanie von Orelli, Chefärztin der Zürcher Frauenklinik Triemli: «In meinen Augen besteht ein starker Wunsch der Paare nach möglichst natürlichem Ablauf der Geburt. Mögliche Schwierigkeiten werden im Vorfeld verdrängt und im Nachhinein als Misserfolg gewertet.» Für manche Frauen bedeutet jede ärztliche Intervention ein Versagen, vor allem, wenn Freundinnen ihnen erzählen, wie leicht bei ihnen das Ganze verlaufen sei. Das Konkurrenzdenken setzt zusätzlich unter Druck.

Kinofilme fördern falsche Vorstellungen

Hollywoodfilme tragen ebenfalls zu den verqueren Vorstellungen bei. Die Hebamme Maja Böhler beschreibt in ihrer Kolumne im Magazin der «Süddeutschen Zeitung», wie sie vor allem das unrealistische Tempo stört: «Geburten im Film suggerieren eine ­Rasanz, die so fern der Realität ist, dass ich – wie neulich – gern aus dem Kino rennen möchte.» Sie ­seien auch viel zu sauber dargestellt: «Kein Blut, kaum Käseschmiere, da wird auch nie etwas genäht, alles blitzeblank.»

Teilweise wollen Schwangere das alles aber auch gar nicht so ­genau wissen. In Geburtsvorbereitungskursen zählen Hebammen zwar mögliche Komplikationen auf. Aber häufig hören die werdenden Mütter bewusst weg, weil sie meinen, das gehe sie ohnehin nichts an, die Auseinandersetzung mit der Realität wird lieber verdrängt. Bei der Geburt des ersten Kindes erleben dann aber viele Frauen zum ersten Mal, was es heisst, völlig die Kontrolle zu verlieren. Sie können noch so viel Fachliteratur gelesen haben, ihr Einfluss ist eng begrenzt. Eine solche Erfahrung kann komplett überfordern.

Der Spardruck spitzt die Situation zu. Der Schweizerische Hebammenverband kritisiert, dass Hebammen häufig für mehrere Gebärende gleichzeitig zuständig seien. So fehle die Zeit, jede Frau individuell zu betreuen. Die Fallpauschale «einfache Geburt» bringe dem Spital zudem weniger Geld ein als die «komplizierte Geburt». Das setze falsche Anreize.

Die richtigen Worte sind oft entscheidend

Melanie suchte Hilfe bei Brigitte Meissner. Die ausgebildete Hebamme und Therapeutin betreut Frauen, die traumatische Geburten erlebt haben. Sie meint, heute komme es zu weniger «Grenzüberschreitungen» als vor zwanzig Jahren, als sie mit ihrer Arbeit begann. Damals regte sich beispielsweise kaum jemand darüber auf, dass die Fruchtblase früh eröffnet wurde, wenn die Geburt nicht schnell genug vorwärtsging. «Die Frauen reden heute einfach mehr über ihre unangenehmen Erfahrungen», erklärt Brigitte Meissner. Sie seien weniger duldsam als ältere Generationen. Die Emanzipation hat sie selbstbewusster gemacht, aber auch empfindlicher nach aussen hin. In Deutschland setzt sich die Aktion Roses Revolution dafür ein, dass Frauen ihre schlimmen Erlebnisse schildern. Seit kurzem gibt es auch einen Schweizer Ableger.

Bei Müttern, die das Gefühl haben, ihnen sei unter der Geburt Gewalt angetan worden, steigt laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Risiko einer postpartalen Depression. Wie kann man dafür sorgen, dass es nicht so weit kommt? Alle Experten erwähnen als Erstes die Kommunikation. Ärzte und Hebammen üben diese im Rahmen ihrer Ausbildung. Sie lernen, wie man einer Gebärenden Schritt für Schritt die Notwendigkeit jeder Massnahme erklärt.

Nicht in der eigenen Wut zu erstarren, ist wohl das Wichtigste. Melanie fand daraus hinaus, als sie sich mit der Geburt ihres Kindes auseinandersetzte. «Ich lernte zu verstehen, dass die Ärzte und Hebammen es so gut gemacht haben, wie sie konnten», sagt sie. «Und ich begriff, dass meine Wut auch mit meinen falschen Erwartungen zusammenhing.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.03.2018, 23:10 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit «Der mit dem Bart. Derjenige, der nie lacht»

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Freudensprung: Ein türkischer Mann zelebriert das Ende des Fastenmonats Ramadan in Istanbul. (17. Juni 2018)
(Bild: Emrah Gurel/AP Photo) Mehr...