Beim Kaffee braut sich etwas zusammen

Weltweit liefern gerade mal zwei Kaffearten nahezu die gesamte Ernte. Was, wenn der Anbau durch den Klimawandel einbricht?

Kaffeebauer in Brasilien: Um gegen Dürre und Pilze gewappnet zu sein, müssen Züchter widerstandsfähige wilde Sorten einkreuzen und diese gleichzeitig schützen. Foto: Getty Images

Kaffeebauer in Brasilien: Um gegen Dürre und Pilze gewappnet zu sein, müssen Züchter widerstandsfähige wilde Sorten einkreuzen und diese gleichzeitig schützen. Foto: Getty Images

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An die morgendliche Tasse Kaffee denkt kaum jemand, wenn Wissenschaftler den Verlust der biologischen Vielfalt beklagen. Der Botaniker Aaron Davis und seine Kollegen von den Kew Royal Botanical Gardens aber sehen durchaus Zusammenhänge: Denn weltweit liefern die beiden Arten Arabica und Robusta nahezu die gesamte Ernte der begehrten Bohnen für das Genussmittel, von dem jeden Tag auf der Welt schätzungsweise zwei Milliarden Tassen getrunken werden.

Das könnte zum Problem werden: Sollte der Klimawandel den Kaffeeanbau nämlich etwa durch häufigere Dürreperioden in Schwierigkeiten bringen oder sollten neu auftretende Schädlinge oder Pflanzenkrankheiten die Ernten stark dezimieren, könnten Züchter das Problem lösen, wenn sie widerstandsfähige Wildkaffeearten einkreuzen. Weltweit gibt es immerhin 124 Arten. Nur sind gemäss der Weltnaturschutzunion IUCN 60 Prozent dieser Artengefährdet oder vom Aussterben bedroht, berichteten die englischen Forscher vergangene Woche in der Fachzeitschrift «Science Advances».

Wie wichtig der Wildkaffee sein könnte, zeigt das Jahr 1868. Damals erreichte die Pilzkrankheit Kaffeerost die Insel Ceylon (heute Sri Lanka) und vernichtete dort die Kaffeeplantagen. «Deshalb wurde in Ceylon der Kaffeeanbau aufgegeben, und stattdessen wurden Teeplantagen angelegt», sagt Manfred Denich vom Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn. Bis 1890 war der Kaffeeanbau in Ceylon praktisch zusammengebrochen, und die britischen Kolonialherren begannen, Tee vorzuziehen.

Es gibt keine Genbanken wie bei Weizen oder Mais

Inzwischen hat der Kaffeerost die wichtigen Plantagen in Lateinamerika erreicht und dort in den letzten Jahren erhebliche Schäden angerichtet. Zwar lässt sich die Pilzinfektion mit Fungiziden oder Kupferpräparaten bekämpfen, nur sind solche Mittel für viele der rund 100 Millionen Kaffeeanbauer auf der Welt schlicht zu teuer. Besser wäre es daher, wilde Arabica-Varietäten oder eine andere Wildkaffeeart einzukreuzen, die von Natur aus gegen diesen Pilz resistent ist.

In ähnlichen Fällen bei Weizen oder Mais suchen Züchter solche resistenten Pflanzen in Genbanken, in denen Körner vieler verschiedener Sorten und Standorte sowie der wilden Vorfahren kühl und trocken viele Jahre lang sicher aufbewahrt werden. «Bei Kaffee und Wildkaffee funktioniert das leider nicht, weil die Kaffeebeeren sehr rasch ihre Keimfähigkeit verlieren», sagt Denich.

Genbanken für Kaffee bestehen daher nicht aus kühl gelagerten Samen, sondern aus Kaffeesträuchern, die im Freien angepflanzt werden und bei denen man verhindern muss, dass andere Varietäten auf anderen Parzellen ihre Nachbarn bestäuben. Das ist viel aufwendiger und teurer; gerade die oft nicht wirklich reichen tropischen Länder stossen dabei leicht an finanzielle Grenzen. Zwar gibt es mittlerweile auch die Möglichkeit, Kaffeesamen durch Gefriertrocknen haltbar zu machen. «Das ist bisher aber nur bei den Haupt­sorten untersucht», sagt Denich. ­Tatsächlich befinden sich in den Genbanken der Welt nur 68 der insgesamt 124 Wildkaffeearten, also nur gut die Hälfte.

Schutzgebiete in Äthiopien auf 1000 bis 2100 Meter Höhe

Besser wäre es daher, die Gebiete zu schützen, in denen die Kaffeearten und die vielen Varietäten von Arabica und Robusta noch wild wachsen. Genau das aber fällt schwer, weil die meisten Arten ausgerechnet dort gedeihen, wo die Bevölkerung zunimmt, berichteten die englischen Forscher. So wächst auf Madagaskar mit 59 Arten fast die Hälfte der weltweit bekannten Kaffeearten, 43 davon sind gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht. Die wichtigsten Gefahren wiederum sind das Roden der Wälder, in denen die Wildkaffeearten wachsen, um Platz für Viehweiden, Äcker und Siedlungen für die schnell wachsende Bevölkerung zu gewinnen, sowie das Sammeln von Feuerholz.

Um die Artenvielfalt der Kaffee­pflanzen zu erhalten, schlagen die Forscher um Davis daher Schutzgebiete vor. Wie das funktionieren kann, zeigt Äthiopien. Dort wachsen in Höhen zwischen 1000 und 2100 Metern mit den Wildformen des Arabica-Kaffees die Ahnen des wichtigsten Kaffees unserer Zeit, der vor allem mit seinem inten­siven Aroma punktet. Inzwischen gibt es dort drei Biosphärenreservate, in denen der Wildkaffee und seine Varianten geschützt sind.

Eines dieser Schutzgebiete hat Denich initiiert. «In einem Teil dieses Gebiets bauen die Menschen Arabica-Kaffee an, den sie gut verkaufen können», sagt der Bonner Kaffeeforscher. Die Menschen verdienen sich so ihren Lebensunterhalt, und der Wildkaffee ist trotzdem geschützt. Vielleicht könnte das auch ein Modell für den Schutz anderer Regionen von Westafrika bis nach Australien sein, in denen noch wilde Verwandte der Nutzpflanzen wachsen.

Erstellt: 27.01.2019, 17:00 Uhr

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