«Beim Koran, ich schlag dir die Fresse ein»

Wegen Terrorverdachts und Kontakten zum IS landete ein Minderjähriger in Haft. Die Geschichte einer Radikalisierung.

Jassim in Rappermontur. Illustration: Melk Thalmann

Jassim in Rappermontur. Illustration: Melk Thalmann

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Am 28. Juli 2016 verhaften die Schweizer Ermittler Jassim*. Er ist 17 Jahre alt, stammt aus einem kleinen Dorf am Jurasüdfuss.

Französische Fahnder hatten ihren Schweizer Kollegen die Telefonnummer des Teenagers gemeldet. Sie waren im Zuge einer Terrorermittlung in Frankreichs Islamistenmilieu auf seine Handydaten gestossen.

Der Verdacht: Jassim habe Kontakt zur Extremistenorganisation Islamischer Staat (IS). Er war in der Türkei gewesen, womöglich auch in Syrien.

In der Schweiz sind die Sicherheitskräfte an diesem 28. Juli in erhöhter Alarmbereitschaft. Zwei Wochen zuvor raste ein Terrorist in Nizza mit einem LKW durch eine Menschenmenge und tötete 86 Menschen. Kurz darauf verletzte ein 17-jähriger Islamist in Bayern vier Menschen mit einer Axt, und nur 48 Stunden zuvor drangen zwei Islamisten in eine Kirche in der Normandie ein, ermordeten einen Priester vor laufender Handykamera. Einer der Atten­täter war 19.

Die Schweizer Fahnder fürchten, dass die Anschlagsreihe in der Schweiz weitergeht. Sie vermuten, dass Jassim ein Attentat am Nationalfeiertag verüben könnte – der 1. August steht vor der Tür.

Zwei Stiefväter und eine chaotische Schulzeit

An diesem Donnerstag, dem 28. Juli, greifen die Ermittler also durch. Der Teenager wird von der Polizei festgenommen und abgeführt. Er ist beschuldigt, Mitglied einer kriminellen Organisation zu sein und gegen das Verbot von Terrorgruppen wie al-Qaida und Islamischer Staat verstossen zu haben, bestätigt Jugendrichterin Bluette Chevalley.

Jassim verschwindet für drei Monate im Gefängnis, eine ungewöhnlich lange Zeit für einen Minderjährigen.

Ist er tatsächlich ein Terrorist, gar Teil der ersten bekannten islamistischen Zelle in der Westschweiz, wie Ermittler glauben? Beweise für einen Anschlagsplan für den 1. August gibt es offenbar bislang nicht. Der junge Mann wollte sich auf Anfragen nicht äussern, sein Anwalt legt jedoch Wert auf die Feststellung, dass hier die Unschuldsvermutung gelte.

Die SonntagsZeitung hat sich auf die Spur von Jassim gemacht und versucht, den Werdegang des jungen Waadtländers zu rekons­truieren.

Sein leiblicher Vater starb, als Jassim noch ein Kind war. Der erste Stiefvater war kriminell, wanderte für Jahre ins Gefängnis, Jassim lernte auch ihn kaum kennen. Er wächst mit der Mutter und dem zweiten Stiefvater auf. Später fragte ihn jemand, was für ihn das schönste Geschenk wäre. Jassim schrieb zurück: «Meinen Vater wiederzufinden.»

Seit seiner frühen Kindheit hat er Mühe, sich an Regeln zu halten. Jassims Schulzeit verläuft chaotisch, erzählt ein Lehrer. Mit 15 beteiligt er sich an Frage-und-Antwort-Spielen im Internet. Er schreibt mal im Stil eines philosophischen Kitschromans, dann wieder in Gossensprache. Die Religion spielt bereits eine grosse Rolle – genauso wie sein Macho-Gehabe. «He, kann ich die rannehmen?», fragt ihn ein Bekannter über eine gemeinsame Freundin. Jassims Antwort: «Ich schwör auf den Koran, wenn dus wagst, schlag ich dir die Fresse ein, du Schwuchtel.»

Jassims Antworten zeichnen das Bild eines Teenagers, dessen Leben sich zwischen Playstation, Internetchats und Ausgang mit Kumpels abspielt. Er kleidet sich bei Foot Locker ein, hört den marokkanischen Banlieue-Rapper Mister You, der seine Hasstexte dem Kampf gegen die Polizei widmet. In einem Fitnesscenter im Zentrum Lausannes pumpt er seine Muskeln auf.

Er wird zur imposanten Gestalt. Circa 1,80 Meter gross, athletisch, ein Kickboxer und Bodybuilder. Dazu geriert er sich nun als Outlaw. Er tut sich mit drei anderen zu einer Bande zusammen. Sie fallen vor allem durch Sachbeschädigungen, Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten gegenüber Mitarbeitern der Gemeinde auf.

«Die Fantastischen Vier», werden sie im Dorf ironisch genannt. Die Bande beschäftigt sogar die Gemeindeversammlung an ihren Sitzungen.

Als Jassim 16 wird, kommt es zu schwereren Delikten, für die er und seine Bande verantwortlich sein sollen. Drogenhandel, Autorennen ohne Führerausweis, ein Angriff auf SBB-Personal und bewaffneter Raub mit Messern. Die Anwohner haben Angst.

Im Internet spielt sich Jassim als Gangster auf. Er erinnere sich gar nicht mehr, wie oft er schon von der Polizei verhaftet worden sei. Bereits vor seinem 16. Geburtstag ist zu beobachten, wie Jassim sich immer mehr der Religion zuwendet. Gefragt nach seinem Wunsch für das Jahr 2014, schrieb er im Internet: «Einen Weg zu finden zu Allah.» Als Lektüre empfiehlt er den Koran. Seine Traumreise: «Die Pilgerfahrt nach Mekka.» Ob er vor irgendwas Angst habe? «Ich habe vor nichts und niemandem Angst! Ausser vor Allah, natürlich.»

Der 11. September geschah, als Jassim drei war. Der arabische Frühling und der Beginn des Syrienkriegs fanden statt, als er 13 war. Jetzt, mit 16, sieht er den Aufstieg des IS in Syrien, die Ausrufung des Kalifats im Sommer 2014 und den Beginn der grossen europäischen Jihad-Bewegung.

Freunde wurden unter Jihad-Verdacht verhaftet

Es scheint, als habe das auch auf Jassim eine Wirkung gehabt. Menschen aus seinem Umfeld erklären, der Junge wäre schnell beeindruckt und leicht zu beeinflussen. In dieser Zeit ändert er jedenfalls sein Äusseres. Statt mit schlabbriger Jogginghose und Rappermütze taucht er nun in Kampfmontur auf. Er trägt Militärhosen samt seitlichen Einschubtaschen. Und er lässt seinen Bartflaum stehen, wie Zeugen beschreiben: «Er sah aus wie die Karikatur eines TV-Jihadisten.»

Es deutet wenig darauf hin, dass Jassim in seinem Dorf radikalisiert wurde. Seine Kumpels von den «Fantastischen Vier» sind keine bekennenden Muslime, ebenso wenig wie sein Stiefvater. Auch seine Mutter ist laut Zeugen alles andere als eine Radikale.

Die Spuren führen vielmehr zur Moschee Genf, dem grössten muslimischen Gebetshaus in der Schweiz. Gemäss Insidern stand Jassim dort spätestens 2015 in Kontakt mit zwei jungen Männern: mit dem Schweizer A., heute 21 Jahre alt, und mit H., 29, einem Secondo mit tunesischen Wurzeln. Die beiden brachen im Herbst 2015 in die Türkei auf und wurden später bei ihrer Rückreise am Flughafen Kloten von der Polizei verhaftet. Beide sind heute noch in Haft. Gegen sie ermittelt die Bundesanwaltschaft. Der Verdacht: Sie waren im Jihad.

A. und H. stehen laut gut unterrichteten Quellen im Visier einer internationalen Anti-Terror-Ermittlungsaktion, die sich auch auf Verdächtige im Ausland erstreckt. Mit Jassim wären es nun drei Schweizer, die darin verwickelt sind. Spezialisten meinen, das Trio sei Teil der ersten Westschweizer Terrorzelle.

Imam sagt, er sei über die Radikalisierung im Bilde

Der ehemalige Imam der Genfer Moschee, Ziane Mehadjri, bestätigte am Freitag in einem Interview mit der Zeitung «Tribune de Genève» die Vorgänge in der Moschee. «Ich war über die Radikalisierung dieser Gruppe im Bild», sagte der Imam. Mehadjri wurde vor wenigen Wochen als Prediger entlassen. Die Moschee dementiert inzwischen, dass es Radikalisierungen gab und bezeichnete ihren Imam als Lügner.

Nach den beiden Genfern A. und H. reist jedenfalls auch Jassim in die Türkei. Dies geschieht im Sommer 2016.

An seiner Seite ist Samira*, eine junge Französin, nur wenige Monate älter als er. Gemäss Quellen aus Frankreich ist sie auf einer sogenannten «Akte S» fichiert. In Frankreich sind damit Personen gekennzeichnet, die für eine Radikalisierung gefährdet sind. Mehrere Quellen sagen, die beiden hätten geheiratet. Zwei Quellen berichten von einer Zeremonie in der Genfer Moschee.

Samiras Familie sagt, die beiden hätten letzten Sommer bloss einen Liebestrip in die Türkei unternommen. Doch die Schweizer Ermittler sehen das laut Insidern anders. Sie glauben, Jassim habe versucht, nach Syrien zu gelangen, und er sei dort auch in Kontakt mit Mitgliedern des Islamischen Staates gewesen.

Nach der Verhaftung ihres Partners am 28. Juli bleibt Samira in der Schweiz und meldet sich offiziell im Dorf von Jassims Familie an. Gegen sie soll in Frankreich ein Haftbefehl vorliegen. Die französischen Behörden wollen sie angeblich zu ihrer Reise in die Türkei befragen.

Samira hat auf Fragen nicht geantwortet, und in der Schweiz wird offenbar nicht gegen sie ermittelt. Auch für sie gilt die Unschuldsvermutung.

Jassim verbringt seinen 18. Geburtstag im Gefängnis. Verantworten muss er sich nun vor dem Jugendgericht, weil er zum Zeitpunkt der mutmasslichen Taten minderjährig war. Nach Jugendstrafrecht droht ihm eine Maximalstrafe von einem Jahr Gefängnis.

Letzte Woche wurde Jassim aus der Untersuchungs-Haft entlassen – mit strengen Auflagen. Er wird psychologisch begleitet, muss einer geordneten Aktivität nachgehen –und sich zweimal pro Woche auf dem Polizeiposten melden. recherchedesk@sonntagszeitung.ch


* Name geändert (SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.11.2016, 23:31 Uhr

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