Sexuelle Übergriffe hinter verschlossener Tür

Psychiatrien bringen Männer, Frauen und zum Teil auch Kinder gemeinsam unter – Experten warnen vor sexueller Gewalt.

Ein Zimmertrakt in den Massnahmestationen 80/82 der Klinik für Forensische Psychiatrie in Rheinau, 2013. Bild: Keystone

Ein Zimmertrakt in den Massnahmestationen 80/82 der Klinik für Forensische Psychiatrie in Rheinau, 2013. Bild: Keystone

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Die Räume seien hell, Gänge mit Pflanzen geschmückt, auch Unterhaltung werde dank TV und Tischtennis geboten. Einen «grundsätzlich positiven Eindruck» erhielt die Nationale Kommission zur Verhütung von Folter (NKVF), wie sie in einem Bericht festhält. Im Auftrag des Bundes prüft das Gremium verschiedenste Institutionen, zuletzt zum Beispiel die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich (PUK).

Diese erfährt auch Kritik. Frauen sind auf mehreren Abteilungen gemeinsam mit Männern untergebracht. Trotzdem können sie ihre Zimmer nicht abschliessen. Auch Duschen müssen sich alle Patienten teilen, wie die NKVF bemängelt. «Problematisch war aus Sicht der Kommission, dass wir auf Stationen für Erwachsene zwei Minderjährige antrafen», sagt Geschäftsführerin Sandra Imhof. «Obwohl das internationale Übereinkommen zum Recht des Kindes und der Antifolter-Ausschuss des Europarats eine getrennte Unterbringung vorschreiben.»

Aus gutem Grund, wie sich beim Besuch zeigte. «Eine der Minderjährigen gab im Gespräch an, von Männern auf der gleichen Station belästigt worden zu sein», sagt Imhof. Der Vorwurf habe sich gegen Mitpatienten gerichtet und sei im sexuellen Kontext gestanden. «Wir konnten das nicht verifizieren. Die NKVF orientierte die Klinikleitung darüber, welche Abklärungen versprach.»

Mit 13 Jahren auf derErwachsenenstation

Eine Anfrage zu den verschiedenen Kritikpunkten aus dem Bericht liess die PUK diese Woche unbeantwortet. Auch zum konkreten Fall der Minderjährigen, welche über sexuelle Belästigung auf der Station berichtet hatte, erfolgte keine Stellungnahme.

Die Gefahr, dass es zu sexuellen Übergriffen kommt, besteht nicht nur in Zürich. Vor einem Monat berichtete die NKVF über die Psychiatrische Klinik in Mendrisio TI. Vier Kinder traf sie dort auf der Abteilung für Erwachsene an. Nachfragen ergaben, dass pro Jahr etwa ein Dutzend Kinder so untergebracht sind. Eines war erst 13 Jahre alt.

Fast regelmässig findet die Kommission zudem Einrichtungen vor, in welchen die Geschlechter nicht getrennt sind. So war es bei Klinikbesuchen in Bern, Windisch AG oder Rheinau ZH, wie aus Rapporten hervorgeht.

Therapeutisch sinnvoll oderein Türöffner für Sexualtäter?

«Die Trennung von Kindern und Erwachsenen ist unbestreitbar sinnvoll und wird bei uns auch so praktiziert», sagt Wolfram Kawohl, Klinikleiter bei den Psychiatrischen Diensten Aargau (PDAG). Bei Erwachsenen sei das anders. «Die Aufhebung der Geschlechtertrennung entstand im Zuge der sozialpsychiatrischen Reformen in den 1970er- und 1980er-Jahren. Für die Patienten brachte sie eine alltagsnähere und ruhigere Unterbringung.» Entscheidend sei, offen, aber gleichzeitig aufmerksam zu sein.

Die PDAG führen dazu ein Reporting, das alle Zwischenfälle erfasst. «Sexuelle Übergriffe kommen zum Glück äusserst selten vor, im laufenden Jahr in zwei Fällen», sagt Chefarzt Kawohl. «Dem gegenüber stehen fast 5000 stationäre Behandlungen.» In einem Fall habe ein Patient Mitarbeiterinnen bedrängt. «Im zweiten wurde eine Patientin auf dem öffentlich zugänglichen Klinikareal von einem Unbekannten belästigt.» Schweizweit ist die Zahl der Übergriffe nicht erfasst. «Was sicher nicht daran liegt, dass dies nie vorkommt», sagt Werner Tschan, Leiter des Basler Instituts für Psychotraumatologie. «Aus therapeutischer Sicht kann die Durchmischung der Geschlechter sinnvoll sein. Aber damit öffnet man auch die Tür für sexuelle Gewalt.»

«Da ist es hoch wahrscheinlich, dass es zu Belästigung und Missbrauch kommt.»Werner Tschan, Leiter des Basler Instituts für Psychotraumatologie

Laut Tschan bilden psychiatrische Kliniken dafür «einen absoluten Risikobereich». Psychisch auffällige Männer und Frauen würden im geschlossenen Raum durchmischt, oft gegen ihren Willen, manchmal ohne Überwachung. «Da ist es hoch wahrscheinlich, dass es zu Belästigung und Missbrauch kommt.» Mehrere Betroffene hätten sich schon beim Beratungszentrum gemeldet. «Zum Beispiel eine gerade erst volljährige Frau, die psychisch krank wurde, weil der Vater sie misshandelt hatte», erzählt Tschan. Nach der Einweisung habe sie sich zum ersten Mal seit langem wieder sicher gefühlt. «Dann verging sich ein Mitpatient auf der Station an ihr.»

Silvia Cueni kennt solche Schicksale. «Ich behandle eine Frau, die von einem Mitpatienten mit sexuellen Äusserungen und Bildmaterial auf dem Handy belästigt wurde», sagt die Psychiaterin. Ärzten und Pflegern sei meist kein Vorwurf zu machen. «Sie sind zeitweise unterbesetzt, in der Nachtschicht kommen teils drei Mitarbeiter auf rund 20 Patienten. So ist es unmöglich, grenzüberschreitendem Verhalten vorgängig entgegenzuwirken und damit Schäden zu verhindern.»

Opfer gelten wegen ihrerKrankheit als unglaubwürdig

Strafrechtlich verfolgt werden laut Cueni nur wenige Übergriffe. «Opfer von Sexualdelikten zeigen diese aufgrund schwieriger Beweisführung selten an.» Ausserdem seien psychiatrische Patienten in einer schwachen Position. «Weil sie wissen, dass man ihnen aufgrund ihrer Krankheit wenig Glauben schenken wird», sagt Cueni.

Zur Anzeige entschlossen sich die Angehörigen eines Buben, der in den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) behandelt wurde. Seine Mutter äusserte vor einem Jahr im «Blick» schwere Vorwürfe. So habe eine Mitpatientin dem 12-Jährigen befohlen, eine dritte Person sexuell zu befriedigen. Die UPK äussert sich dazu nicht. Laut Staatsanwaltschaft ist das Verfahren abgeschlossen. Weitere Angaben könne man nicht machen, weil es sich um ein Jugendstrafverfahren handelte.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.11.2018, 07:11 Uhr

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