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Die Zahl der Rettungseinsätze in den Bergen hat sich verdoppelt

Bergretter vermelden einen neuen Einsatz-Rekord: Sie mussten 2018 über 800-mal ausrücken.

Nach dem Lawinenabgang suchen Rettungskräfte auf der Schwägalp mit Sonden nach Verschütteten. Foto: Reuters
Nach dem Lawinenabgang suchen Rettungskräfte auf der Schwägalp mit Sonden nach Verschütteten. Foto: Reuters

Die Berge bleiben auch Tage nach den extremen Schneefällen gefährlich: Am Montag starb ein Pisten-Patrouilleur in Portes du Soleil VS in einer Lawine, als er mit einem Kollegen eine Sprengung vornehmen wollte. Am Dienstag wurde eine 20-jährige Schwedin in Haute-Nendaz VS verschüttet, als sie abseits der Piste fuhr. Auch sie überlebte nicht. Gleichentags lösten zwei Männer und eine Frau im Skigebiet Flumserberg SG eine Lawine aus – die Frau musste verletzt ins Spital gebracht werden.

Das Jahr 2019 beginnt schlecht für den Wintersport: Bislang ereigneten sich sechs tödliche Lawinenunfälle. Und es gab zahlreiche Verletzte. Doch damit setzt sich bloss ein Trend fort: Die Bergretter in der Schweiz haben immer mehr zu tun, weil immer mehr Freizeitsportler verunfallen.

Insgesamt leistete die Alpine Rettung Schweiz im Jahr 2018 861 Rettungseinsätze. Das ist ein Rekord. Zum Vergleich: Im Jahr 2004 rückten die Bergretter nur gerade 381-mal aus – die Zahl hat sich seither mehr als verdoppelt. Die Alpine Rettung führt sogenannte terrestrische Einsätze am Boden durch – ihre Mitglieder bergen Verunfallte aus Schluchten, oder sie suchen mit Hunden nach verschütteten Lawinenopfern.

Mehr Personen als sonst in den Bergen

Steigende Zahlen verzeichnen auch die Helikopter-Organisationen wie die Rega, die Air-Glaciers oder die Air Zermatt. Letztere zum Beispiel flog 2018 insgesamt 1950 Einsätze. Das sind fast 300 mehr als 2017. Und in den letzten zehn Jahren sind die Einsatzzahlen stetig gestiegen.

Philippe Imboden, Einsatzleiter der Air Zermatt, erkennt denn auch einen langfristigen Trend: «Es sind einfach jedes Jahr mehr Menschen in den Bergen unterwegs – auf Wanderwegen, Biketrails oder Skipisten. Daher steigt gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls.»

Elisabeth Floh Müller, stellvertretende Geschäftsleiterin der Alpinen Rettung, weist darauf hin, dass vor allem das Wetter und die Verhältnisse die Zahl der Einsätze beeinflussen. So sei 2018 eine «super Wintersaison mit viel Schnee» gewesen. Dazu sei ein langer Sommer gekommen. Deswegen seien mehr Personen als üblich in den Bergen unterwegs gewesen – was leider zu mehr Rettungsaktivitäten geführt habe.

Im Schnitt endet jeder fünfte Lawinenunfall tödlich

Das allein dürfte aber die steigenden Einsatzzahlen nicht erklären. Patrick Fauchère, Flugbetriebsleiter bei der Air-Glaciers, vermutet, dass auch die Art und Weise der Rettung eine Rolle spielt. Die Rettung von verunfallten Wintersportlern zum Beispiel müsse heute viel schneller gehen, sagt der Heli­kopter-Pilot.

Wenn sich ein Skifahrer früher die Schulter ausgerenkt habe, sei er mit dem Rettungsschlitten ins Tal transportiert worden – und dann mit der Ambulanz zum Arzt. «Heute ist der Helikopter in 15 Minuten beim Unfall – und wir fliegen den Patienten direkt ins Spital.» So steige natürlich auch die Zahl der ­Helikopter-Einsätze.

Wie verhält man sich bei einer Lawine? Tipps von der Expertin. Video: Tamedia

Für Bergunfälle typisch ist, dass es in den Monaten Juli, August und September eine Häufung gibt – dann, wenn viele Wanderer unterwegs sind. Wegen Unfällen mit Wanderern müssen die Rettungsorganisationen denn auch weitaus am häufigsten ausrücken. Danach folgen Einsätze, bei denen Hochtourengänger und Skitourenfahrer verunglücken.

Die weitaus häufigste Unfallursache in den Bergen ist ein Sturz oder ein Absturz. Oft kommt es auch vor, dass Freizeitsportler gerettet werden müssen, weil sie körperlich oder mental am Limit sind und deshalb im Gelände nicht mehr weiterkommen oder weil sie erkranken.

Vergleichsweise tief sind hingegen die Rettungseinsätze wegen Lawinenabgängen. Pro Jahr gibt es in den Schweizer Bergen rund 200 Lawinenunfälle – jeder fünfte endet im Schnitt tödlich.

Junge Familienväter haben das grösste Sterberisiko

Eine noch unveröffentlichte Studie des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern hat nun erstmals das typische Lawinenopfer identifiziert. Das höchste Sterberisiko haben demnach Männer zwischen 15 und 35 Jahren, die gut ausgebildet sind und über einen hohen ökonomischen Status verfügen. Zu den Merkmalen der Opfer gehört darüber hinaus, dass sie nicht verheiratet sind sowie eines oder mehrere Kinder haben.

Ob diese Männer bloss häufiger in den Bergen sind als andere Altersgruppen oder als Frauen – oder ob sie schlicht mehr Risiken eingehen, lässt sich allerdings nicht beantworten. Die Studienautoren um Projektleiterin Rebecca Hasler haben für ihre Auswertung insgesamt 250 Fälle von Lawinentoten aus den Jahren 1995 bis 2014 untersucht.

Über 6000 Menschen leben in Lawinen-Gefahrengebieten

Die Schneemassen gefährden aber nicht nur Wintersportler – wie sich am 10. Januar gezeigt hat: An jenem Donnerstag donnerte eine riesige Lawine vom Säntis auf die Schwägalp AR, verletzte drei Personen, beschädigte das Hotel sowie zahlreiche parkierte Autos.

Das Hotel auf der Schwägalp steht teilweise in einem blauen Lawinen-Gefahrenbereich. Das bedeutet: Wenn viel Schnee liegt und die Lawinengefahr gross ist, können Bauten in diesen Gebieten beschädigt werden – und ausserhalb von Gebäuden sind Menschen an Leib und Leben gefährdet. Im blauen Bereich darf deshalb nur unter Auflagen gebaut werden – wenn zum Beispiel gleichzeitig Schutzmassnahmen ergriffen werden.

Noch gefährlicher ist es in den roten Gefahrenbereichen. Kommt es zu Lawinen, können diese so mächtig sein, dass selbst ganze Gebäude zerstört werden. Deshalb gilt dort ein komplettes Bauverbot. Trotzdem stehen in diesen Bereichen zahlreiche Häuser. Allein in den drei grossen Bergkantonen Bern, Graubünden und Wallis sind mehr als 6200 bewohnte Gebäude im blauen und im roten Lawinen-Gefahrenbereich.

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