Berner und Walliser verspäten sich

Ein Pünktlichkeits-Vergleich der Regionalbahnen zeigt grosse Unterschiede.

Fürs Winken bleibt immer Zeit: Blick aus einem BLS-Zug auf der Strecke Spiez–Brig. Foto: Keystone

Fürs Winken bleibt immer Zeit: Blick aus einem BLS-Zug auf der Strecke Spiez–Brig. Foto: Keystone

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«Unser Zug verkehrt derzeit mit einer Verspätung von fünf Minuten. Grund dafür ist eine technische Störung.» Zugreisende kennen solche Durchsagen zur Genüge. Jetzt zeigt erstmals eine Auswertung die grossen Pünktlichkeitsunterschiede zwischen den Regionalbahnen und den SBB.

Schlecht schneidet das Berner Verkehrsunternehmen BLS ab. Sowohl die Regio-Züge als auch die Regionalexpress-Züge und die S-Bahn sind deutlich öfter verspätet als bei den anderen Unternehmen. Besonders schlecht sind die Pünktlichkeitswerte bei den Regio-Zügen. In den vergangenen zwei Jahren waren mehr als 20 Prozent mit drei Minuten oder mehr Verspätung unterwegs.

Ebenfalls schlecht sind die Resultate der Walliser Regionalbahn Region Alps, wo zeitweise fast 25 Prozent der Züge unpünktlich waren. Gut schneiden hingegen die regionalen Züge der SBB sowie die Südostbahn (SOB) ab.

Auch der Ostschweizer Thurbo fuhr 2019 äusserst pünktlich. Ende 2017 und 2018 waren allerdings über 10 Prozent der Thurbo-Züge verspätet, was der stellvertretende Geschäftsführer Werner Fritschi mit Infrastrukturausbauten erklärt.

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Den Vergleich erstellt hat der IT-Experte Andreas Gutweniger, der die Website www.puenktlichkeit.ch betreibt. Seine Zahlen beruhen auf öffentlich einsehbaren Daten, welche die Verkehrsunternehmen zur Verfügung stellen. Der ehemalige SBB- und BLS-Mitarbeiter Gutweniger berechnet daraus, wie viele Züge verspätet sind. Als verspätet gelten in der Schweiz Züge, die die fahrplanmässige Ankunftszeit um mindestens drei Minuten überschreiten.

Eine Sprecherin von Region Alps sagt, dass man von Zügen aus Italien betroffen sei, die oft verspätet seien. Auch seien zuletzt mehrere Infrastrukturarbeiten notwendig gewesen. Die BLS macht mehrere Faktoren geltend. An fast allen Enden des Netzes gebe es Verbindungen zu anderen Bahnen oder Busunternehmen, die punktuell grosse Gruppen von Touristen transportieren. «Grosse Menschengruppen brauchen länger beim Umsteigen, was zu Verspätungen führen kann», sagt ein Sprecher. Weiter würde die BLS zu einem grossen Teil im alpinen und voralpinen Raum verkehren, wo Witterungseinflüsse besonders unberechenbar seien.

Auch sei das Unternehmen stark vom SBB-Bahnhof Bern, dem Aaretal und der Lötschbergstrecke abhängig. Letztere zwei liegen auf dem stark ausgelasteten Schienengüterkorridor zwischen Rotterdam und Genua. Dort würden auch internationale Personenzüge verkehren, die Priorität gegenüber dem Regionalverkehr haben.

SBB-Chef Meyer: Lieber pünktliche als schnelle Züge

Für Andreas Gutweniger ist die Argumentation der BLS nicht überzeugend. Die angeführten Gründe würden auch auf die Züge der SBB und der meisten anderen Regionalbahnen zutreffen. So sei beispielsweise nicht nur der Lötschberg ein wichtiger Schienengüterkorridor, sondern auch der Gotthard und die Verbindungen durch das Mittelland in Richtung Basel.

Das Bundesamt für Verkehr (BAV) kontrolliert die Qualität im öffentlichen Verkehr. Die Einführung der Pünktlichkeitsmessung bei den Regionalbahnen beanspruche «mehr Zeit als erwartet», schreibt ein Sprecher. «Zahlreiche Unternehmen verfügen noch nicht über das technische System für die Bereitstellung der Daten.» Das BAV erwartet dabei im Laufe des aktuellen Jahres von den Unternehmen «deutliche Fortschritte».

Auch bei den SBB sind Verspätungen weiterhin ein grosses Thema. Chef Andreas Meyer sagte am Donnerstag am Rande einer Veranstaltung, dass man zurzeit eine umfangreiche Analyse durchführe, um die Pünktlichkeit zu verbessern. «Die Frage dabei ist, ob die Kunden lieber schneller am Ziel sind oder einen stabilen Fahrplan mit gesicherten Anschlüssen bevorzugen.»

Er selbst gehe davon aus, dass den Kunden mehr gedient ist, wenn der Fahrplan gewährleistet wird. Dabei soll dieser nicht ausgedünnt werden, vielmehr müsse man mehr Zeit für die einzelnen Fahrten und Anschlüsse einplanen. Die SBB wollen ihre Analyse an einer Pressekonferenz vorstellen. Diese wurde von Mitte August auf Ende September verschoben.



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Erstellt: 10.08.2019, 22:25 Uhr

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