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«Betroffene sagen, auf die Dauer sei psychische Gewalt schlimmer»

In der Schweiz werden jährlich rund 18500 Straftaten aus dem Bereich der häuslichen Gewalt erfasst. Zu über drei Vierteln sind die Opfer weiblich und die Täter männlich: Jede zweite Woche wird eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner ge- tötet, jede Woche erfolgt ein Tötungsversuch. Für weniger Schlagzeilen sorgt die psychische Gewalt. Brigitte Dähler, 62, Gesprächstherapeutin und Sozialpädagogin mit eigener Praxis, arbeitet bei der Beratungsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft (BIF), in Zürich, und erklärt, wie sich diese Form auf die Betroffenen auswirkt.

Ist Frau B. ein typischer Fall?

Viele unserer Klientinnen erleben ähnliches. Sie werden über Jahre gedemütigt, in Verdrehung der Tatsachen wird ihnen die Schuld an allem zugewiesen. Frau B. war zudem das Opfer von Tätlichkeiten. Psychische Gewalt klingt im Vergleich zu körperlicher Gewalt oft gar nicht so schlimm, wirkt in ihrer Gesamtheit aber verheerend.

Inwiefern?

Weil es etwas mit den Frauen macht, wenn der Partner einem über Jahre beschimpft und als psychisch krank betitelt, wenn einem die eigene Wahrnehmung abgesprochen wird. Diese Opfer-Täter-Umkehr ist typisch. Die Frauen denken lange, mit ihnen stimme was nicht. Oder dass ihnen sowieso niemand glauben würde. Das ist mit ein Grund dafür, weshalb es oft so lange dauert, bis sie sich professionelle Hilfe suchen oder an die Polizei wenden.

Sozialpädagogin Brigitte Dähler. Foto: Sophie Stieger Photography
Sozialpädagogin Brigitte Dähler. Foto: Sophie Stieger Photography

Ein blaues Auge wäre für die Glaubwürdigkeit sozusagen hilfreicher?

Ja, viele Frauen, die ausschliesslich psychische Gewalt erfahren, die etwa eingesperrt oder erniedrigt werden, sagen: Würde er mich doch schlagen, dann sähe man immerhin etwas. Die meisten Frauen, die beide Formen von Gewalt erleben, sagen: Über die Zeit gesehen ist die psychische Gewalt schlimmer.

Wie äussert sie sich hauptsächlich?

In der Ausübung von Kontrolle. Über Handy, Computer, Kameras in der Wohnung oder der Vorschrift, nur über Facetime zu telefonieren, damit der Mann immer sieht, wo sich die Frau aufhält. In Drohungen, intime Fotos zu veröffentlichen. Oder darin, jede Minute des Tages rapportieren zu müssen. Schon kleinste Verspätungen können zu stundenlangem Streit führen.

Je gleichgestellter die Geschlechter sind, desto weniger sollte es doch Gewalt gegen Frauen geben.

Gleichberechtigung ist ein Schutzfaktor, weil das Machtgefälle kleiner wird. Aber Männer, die Partnerschaftsgewalt ausüben, wollen keine Beziehungen auf Augenhöhe führen. Sie ziehen es vor, ihre Partnerinnen abzuwerten und zu dominieren. In vielen Köpfen geistern immer noch die alten Machthierarchien rum. Vermutlich hilft es dann, die Frauen klein zu machen, um sich selbst als machtvoll zu erleben. Ich staune immer wieder, wie viele Männer sich berechtigt fühlen, ihre Partnerinnen zu misshandeln.

Es werden aber nicht nur Frauen Opfer von häuslicher Gewalt.

Richtig. Frauen sind nicht per se die besseren Menschen, und betroffene Männer sollen genauso selbstverständlich Hilfe erhalten. Aber man muss die Relationen sehen: Frauen sind viel häufiger und von härterer Gewalt betroffen. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern lässt sich im Hinblick auf den Extremfall so zusammenfassen: Frauen töten, um sich von ihrem Partner zu befreien, Männer, um ihre Partnerin am Gehen zu hindern.

Oft geht die Frau aber eben nicht. Weshalb fällt das so schwer?

Die Scham ist immens. Es ist nicht einfach, sich vom Bild desjenigen Menschen, den man einmal geliebt und begehrt hat, zu verabschieden. Und sich einzugestehen, dass man Opfer von häuslicher Gewalt ist.

Wie behält man bei Ihrer Arbeit den Glauben ans Gute?

Es gibt Momente, in denen mich das unfassbare Ausmass der Gewalt erschüttert. Aber wenn sich eine Frau nach einem Gespräch verabschiedet und ich merke, sie geht stärker nach Hause, als sie gekommen ist, berührt mich das sehr.

Kostenlose Hilfe: www.opferhilfe-schweiz.ch

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