Bierbrauer und Buckelpisten

Portes du Soleil ist ein internationales Skigebiet von atemberaubender Dimension. Auf der Walliser Seite rüstet man nach – nicht nur mit Käse.

Auf 1300 Metern Bier zu brauen, ist anspruchsvoll: Robby Collins mit Ehefrau Corinne, Besitzer und Brauer von 7Peaks. Foto: Sébastien Anex

Auf 1300 Metern Bier zu brauen, ist anspruchsvoll: Robby Collins mit Ehefrau Corinne, Besitzer und Brauer von 7Peaks. Foto: Sébastien Anex

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Die Etiketten der Flaschen zeigen Gipfelnamen – Doigt de Salanfe (3210 Meter über Meer) oder Haute Cime (3257 Meter). Der ­Inhalt: Biere, dunkel wie die ­Winterdämmerung, blond wie ­frisches Stroh, klar oder trüb, auch mal mit Brombeer-, ­Erdbeer-, Schoggi- oder Caramelgeschmack. «In den letzten Wochen», sagt ­Robby ­Collins, «lief unser Weihnachtsbier gut.»

Der ­gebürtige Amerikaner nennt das nach Zimt schmeckende Gebräu in angelsächsischer Manier «Winterwarmer». Er führt mit seiner Frau Corinne Reymond-Collins die Brasserie 7 Peaks – eine der Spezialitäten-Brauereien, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Schweizer Boden schossen.

Die Collins haben einträgliche Jobs in der Industrie aufgegeben, um sich der Bier-Leidenschaft zu widmen. Pragmatisch der Arbeitsort des Paares: eine ehemalige Lastwagengarage in Morgins im Unterwallis. Die neue Brauerei mit den funkelnden Tanks wurde vor einigen Monaten bezogen. Früher war das Collins-Südhaus ein aus­ge­­dienter Swimmingpool. «Mit der Zeit wurde es zu mühsam, immer aus dem Becken zu klettern», so Robby. Die 7-Peaks-Biere sind nicht nur in den Bars und Restaurants im Vallée d’Illiez der Gipfel, auch eine Warenhauskette verkauft die Spezialitäten.

Biere mit stolzen Namen

Auf 1300 Meter über Meer wächst die Herausforderung, Bier zu brauen. «Wir haben hier zwar das beste Wasser, aber die richtigen Temperaturen bei der Produktion zu erwischen, das ist die Kunst», erzählt Collins.

Die Biere tragen stolz die Namen der Wahrzeichen des Vallée ­d’Illiez: Die Dents du Midi, sieben Felszacken, über 3000 Meter hoch, ragen wie Zähne in den blauen Winterhimmel. Sie waren schon Mitte des 19. Jahrhunderts Botschafter des südwestlichsten Walliser Seitentals. Briten, die in Montreux den Sommer verbrachten, bewunderten das Gipfel-Ensemble im Osten und besuchten das Tal zu dessen Füssen. Der Kreis schliesst sich: Bald tritt der touristische Verbund der vier Gemeinden Troistorrent, Val d’Illiez, Morgins und Champéry unter dem Namen Dents-du-Midi-Region auf.

Zwei Millionen für Pisten und Beschneiungsanlagen

Griffiges Marketing kann nicht schaden. Insbesondere in der Deutschschweiz besteht Luft nach oben, was den Bekanntheitsgrad des Vallée d’Illiez betrifft. Nur ­sieben Prozent der Gäste kommen von jenseits des Röstigrabens. ­Dabei gehören Champéry, ­Morgins und Co. zum grössten grenzüberschreitenden Skigebiet der Welt. Portes du Soleil brilliert mit 650 Kilometer Piste, 300 Abfahrten und 200 Liften und Bahnen, ein Drittel auf Schweizer Terrain.

Speziell ist die Reise auf Brettern von Les Crosets nach Avoriaz. Bevor man in einen Schlepplift zum berüchtigten französischen Retortenort steigt, gilt es, die Pas de Chavanette, auch Mur Suisse genannt, zu überwinden – eine der steilsten Buckelpisten Europas. Wegen des 45-Prozent-Gefälles wird die Mauer nicht präpariert, die Buckel sind furchteinflössend hoch. Natürlich warten auch unzählige sanfte Abfahrten im binationalen Ski-Eldorado, das noch einen weiteren Superlativ hält: Die Tageskarte kostet nur 61 Franken und garantiert das beste Preis-Leistungs-Verhältnis der Branche. Natürlich gibt es auch Schattenseiten:

Im Sommer mussten die Nachbarn im Tal rettend eingreifen, damit die Bahnbetreiberin von Morgins nicht in Konkurs ging und eine Lücke ins Transportsystem riss. Die Fusion der vier Schweizer Bahngesellschaften von Portes du Soleil ist nun auf dem Weg, und allein Champéry investiert innerhalb von zwei Jahren zwei Millionen Franken in Beschneiungsanlagen und Pistenverbesserung. «Unser Fokus gehört den Skifahrern», sagt ­Thierry Monay, Marketingleiter von Champéry Tourisme. «Aber wir bauen auch das Routennetz für Schneeschuhläufer und Winterwanderer stetig aus.»

Schweizer Teil braucht mehr Nordabfahrten

Georges Mariétan war Gemeindepräsident von Champéry und arbeitet heute in Aigle VD als Generalsekretär des Regionalverbandes Chablais. Er sieht die Walliser in einer ambivalenten Lage: «Einerseits ist der langjährige Verbund mit den Franzosen ein wirtschaftlicher Segen für das Vallée d’Illiez», erklärt der erfahrene Regionalpolitiker, «auf der andern Seite haben die Partner jenseits der Grenze insgesamt die moderneren Beförderungsanlagen und sind im Pistenbau nicht so eingeschränkt wie wir.» Man wünschte sich im Schweizer Teil von Portes du ­Soleil mehr schneesichere Nordabfahrten – erhielt aber bisher kaum Bewilligungen für deren Bau. Mariétan: «Nur mit dringend notwendigen Investitionen können wir die Wintergäste auf unserer Seite halten. Auch Restaurants und Bu­vettes sind drauf angewiesen, dass Skifahrer und Boarder nicht schnurstracks nach Frankreich eilen.»

Immerhin: Die Erreichbarkeit von Portes du Soleil verbessert sich: Die Regionalbahn Transport Public de Chablais (TPC) wird auf der Fahrt ab Aigle auf den zeitraubenden Abstecher nach Bex VD verzichten und nach 40 Minuten Fahrt künftig direkt vor der Talstation der Gondelbahn nach Planachaux im Dorfzentrum Champérys halten.

Wer mit dem Auto ins Vallée d’Illiez fährt, legt mit Vorteil einen Stopp in Troistorrent ein und landet im Käsehimmel. La Cavagne bietet allein 16 Sorten ­Raclettekäse an: Nature, mit Kümmel oder Pfeffer, dazu Trockenfleisch, Würste und andere Produkte, welche die 80 Mitglieder des Genossenschaftsladens im Tal herstellen. 19 Bauern verkäsen auf der Alp die Milch ihrer Kühe. 80 Tonnen kommen pro Jahr zusammen, ein Viertel wird von der Genossenschaft regional abgesetzt. Zusammen mit einer Partnerorganisation investiert La Cavagne 3,5 Millionen Franken in ein zentrales Käselager mit Schaukäserei. Genossenschaftspräsident Jean Christe hält selbst zwar keine Milchkühe, will aber gleichwohl in die Käseproduktion einsteigen. Christe ist Schafzüchter und mutmasst, dass Käse aus der Milch von Walliser Schwarznasenschafen zum Verkaufsschlager taugt. Schafskäse und Bier mit Brombeergeschmack, alles aus dem Vallée d’Illiez – klingt verführerisch.


Die Reise wurde unterstützt von der Société de Promotion de Vallée d’Illiez.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 22.12.2017, 15:40 Uhr

Bier und schwarze Pisten



Anreise
Mit SBB bis Aigle, weiter mit R60 bis Champéry.

Unterkunft
Hotel Beau-Séjour, Champéry, familiäres Dreisternhotel, DZ ab 245 Franken.

Portes du Soleil
Grösstes zu­sammenhängendes Skigebiet der Welt. 300 Pisten (30 schwarze, 110 rote, 123 blaue, 37 grüne). 196 Skilifte und Bahnen, 21 Snow Parks. Tageskarte für Erwachsene 61 Fr., vier Tage 214 Franken.


Längste Abfahrt
Ripaille–Grand-Paradis-Piste, 10 km lang.

Schneeschuhwandern
In Champéry – Les Crosets – Champoussin 12 Routen, 100 km.

Events
Red-Bull-Rennen auf der Mur Suisse am 10. 3. 2018; Rock the Pistes, 18.–24. 3. 2018, grenzüberschreitendes Musikfestival im Skigebiet, u. a. mit Stefan Eicher, freier Eintritt.

Essen und Trinken
Brauerei Seven Peaks Morgins; La Cavagne, Käse und Spezialitäten aus dem Val d’Illiez, Troistorrent.

Allgemeine Informationen
www.champery.ch; www.valdilliez.ch;
www.ski-and-bike.ch

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