Droht der Pharma dasselbe Schicksal wie den Banken?

Der Stellenabbau bei Novartis markiert den Beginn schwieriger Zeiten. Ein Novartis-Manager sieht schwarz.

Zeichen für den Glauben an ein unbegrenztes Wachstum: Der Roche-Tower in Basel, das höchste Gebäude der Schweiz. Bild: Keystone

Zeichen für den Glauben an ein unbegrenztes Wachstum: Der Roche-Tower in Basel, das höchste Gebäude der Schweiz. Bild: Keystone

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Novartis-Chef Vasant Narasimhan, noch keine acht Monate im Amt, hat die Schweiz am Dienstag gehörig aufgeschreckt. Der Basler Pharmakonzern streicht rund 2150 Stellen – jede sechste Stelle in der Schweiz. Das ist ein tiefer Einschnitt, der in diesem Ausmass nicht erwartet worden war. Betroffen von der Massenentlassung sind auch höher qualifizierte Mitarbeitende. Ungewohnt scharf reagierte deshalb der Verband Angestellte Schweiz und nannte den Abbau «verantwortungslos». Es geht nicht mehr bloss um Effizienz – der neue Novartis-Chef sieht offenbar strukturelle Probleme auf die Branche zukommen.

In den Ergebnissen ist davon noch nichts zu sehen. Roche und Novartis machten 2017 zusammen 102 Milliarden Franken Umsatz und 16,5 Milliarden Gewinn. Die beiden Konzerne dominieren das Basler Stadtbild. Der neue Roche-Turm ist mit 178 Metern das höchste Gebäude des Landes, bald soll ein zweiter, noch höherer Turm dazukommen. Novartis hat mit Spitzenarchitekten einen ganzen Campus aus dem Boden gestampft. Luftige Höhen erklimmen auch die Managerlöhne. Roche-Chef Severin Schwan ist Europas bestbezahlter Manager. Unter den 15 bestbezahlten Managern der Schweiz finden sich vier Pharma-Manager, aber nur zwei Banker.

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Trotzdem hat Big Pharma möglicherweise den Zenit überschritten. Die Börse, die nicht von vergangenen, sondern von zukünftigen Gewinnen getrieben ist, sendet jedenfalls Warnzeichen. Die Roche-Aktie hat seit ihrem Höchststand vor rund vier Jahren ein Fünftel ihres Werts eingebüsst, Novartis verlor mit 17 Prozent fast gleich viel. Die Entwicklung eines verschreibungspflichtigen Medikaments kostet bis zur Marktzulassung in den USA rund 2,6 Milliarden Dollar, schätzt die Denkfabrik Tufts Center in Boston. Die Kosten verdoppelten sich alle zehn Jahre, vor allem wegen stärkerer Regulierung durch die Zulassungsbehörden. Die Erfolgsrate eines Medikaments, die klinischen Tests zu überstehen, sank um fast die Hälfte auf noch 12 Prozent.

Branchenvertreter und Experten haben das Problem erkannt. Aber keiner hat es bisher so brutal ausgedrückt wie Kelvin Stott: «Die Pharma, wie wir sie kennen, wird verschwinden, und nein, es gibt nichts, was wir tun können, um es zu stoppen.» Stott ist Director of Portfolio Management bei Novartis und hat über 20 Jahre Branchenerfahrung.

Das Geschäftsmodell der Branche ist kaputt

Aufgrund von Branchendaten schätzt Stott die Produktivitäten und Renditen der Forschungsinvestitionen und entwirft in einem zweiteiligen, ausführlichen Blogbeitrag ein düsteres Bild. Der Titel seiner Analyse: «Pharmas kaputtes Geschäftsmodell: Eine Branche am Rande des endgültigen Niedergangs». Die Forschungsbemühungen der Pharma werden immer teurer und immer weniger profitabel – sie unterliegen dem Gesetz des abnehmenden Grenzertrags, erklärt Stott. Die steigende Komplexität der klinischen Studien, höhere Ausfallraten von Medikamenten, Regulierung und Preisdruck der Behörden seien Symptome eines grundlegenden Problems: Der grösste Teil der tief hängenden Früchte in der Medikamentenentwicklung sei bereits gepflückt. Jedes neue Medikament erhöhe nur die Messlatte für das nächste, was es teurer, schwieriger und unwahrscheinlicher mache, eine schrittweise Verbesserung zu erreichen.

Die sinkende Produktivität der Forschung und Entwicklung führt gemäss Stott zu einem nachlassenden Umsatzwachstum, bis der Umsatz schliesslich gar zu sinken beginne. «Tiefere Umsätze reduzieren dann die verfügbaren Mittel für Investitionen in Forschung und Entwicklung, was dazu führt, dass das Umsatzwachstum weiter abnimmt. Und so weiter, bis die Branche ganz weg ist.» Er schätzt, dass der ­Wendepunkt schon 2020 erreicht sein könnte. Die Industrie müsse rasch neue Wege finden, hin zu komplexeren biologischen Lösungen für drängende Gesundheitsprobleme wie Zell- und Gentherapien, künstliche Herstellung biologischer Gewebe durch Zellkultivierung und regenerative ­Medizin. «Es ist noch nicht zu spät, aber die Zeit läuft sehr schnell ab», schreibt er.

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Der Beitrag gebe seine persönliche Meinung wider, nicht jene seines Arbeitgebers, schreibt Stott. Er sei «nicht mit Novartis abgestimmt», erklärt ein Novartis-Sprecher, «aus diesem Grund kommentieren wir das auch nicht».

Pharmafirmen sind mittlerweile «too big to fail»

Der angekündigte Stellenabbau bei Novartis könnte ein erstes Anzeichen für schwierigere Zeiten im Pharmaland Schweiz sein. Spezielle Rücksichten auf den hiesigen Standort darf man dabei wohl nicht mehr erwarten: Vor zwanzig Jahren bestand der Verwaltungsrat von Novartis zu drei Vierteln aus Schweizern, jener von Roche gar zu 90 Prozent. Heute stellen die Schweizer bei Novartis weniger als ein Viertel der Verwaltungsratsmitglieder, bei Roche noch ein Drittel. In der Konzernleitung sieht es ähnlich aus.

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Die Pharmabranche ist zu einer der volkswirtschaftlich wichtigsten Branchen avanciert. 44 Prozent der Schweizer Exporte bestehen heute aus chemisch-pharmazeutischen Produkten – eine Verdoppelung in zwanzig Jahren. Ebenfalls verdoppelt hat sich die Zahl der Beschäftigten, sie wächst kontinuierlich. Die Branche zahlt zudem sehr hohe Löhne und vor allem in Basel sehr viel Steuern. 2016 hat die Pharmaindustrie erstmals mehr Wertschöpfung generiert als die Finanzindustrie, sie trägt heute also mehr zum Bruttoinlandprodukt bei als die Banken.

Bis vor zehn Jahren waren die Banken die Vorzeigeindustrie der Schweiz. Dann kam die Finanzkrise. Heute steht die Pharmabranche an einem ähnlichen Punkt. Ihr enormer wirtschaftlicher Erfolg der vergangenen Jahre macht sie zum Klumpenrisiko für die Schweiz. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.09.2018, 20:24 Uhr

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