Billig-Ausländer braucht das Land

Weil die Löhne stetig steigen, attackiert der mächtigste Eishockey-Club die Erfolgsformel: Der SC Bern will neu «Ergänzungs-Ausländer».

Ein Weltmeister für den EHC Biel: Auch der Finne Anssi Salmela, 34, soll die Liga neu prägen.

Ein Weltmeister für den EHC Biel: Auch der Finne Anssi Salmela, 34, soll die Liga neu prägen. Bild: Getty Images

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Ein Gespenst geht um im Schweizer Eishockey – das Gespenst des Ergänzungsausländers. Am Montag berichtete die NZZ, dass die Clubs im Sommer darüber abgestimmt ­hätten, als Kostenbremse die Anzahl Ausländer pro Team von vier auf sechs zu ­erhöhen. Eine Mehrheit gab es nicht. ­Dafür einen Proteststurm zwei Wochen vor Meisterschaftsstart.

«Dann lösen wir die Dummheitsbremse», orakelte das Onlineportal «Watson». Ein Twitter-User zeigte grafisch auf, wie letzte Saison 38 Prozent der Powerplay-­Minuten an Ausländer gingen – und kündigte eine ­Zuspitzung an. Der Schweizer NHL-Scout Thomas Roost schlug vor, zum Sparen einfach die Anzahl Spieler auf dem Matchblatt zu senken.

Aber warum die ganze Aufregung? Dass die Lohnsummen der zwölf ­National-League-Clubs stetig steigen, ist längst bekannt. Neu ist bloss ein Hauptdarsteller: Denn Marc Lüthi, Geschäftsführer des SC Bern und mächtigster Mann im hiesigen Eishockey, hat seine Meinung geändert. Und damit eine neue Dynamik ausgelöst.

Bei den Mitläufern sparen

Das Ziel ist klar: Die zusätzlichen Ausländer sollen die Konkurrenz innerhalb der Teams erhöhen. Also tun, wozu die Budget-Verantwortlichen nicht imstande sind: die Löhne der Schweizer senken. Die Nationalstürmer ­Gregory Hofmann und Enzo Corvi können bei ihrem nächsten Vertrag mit über 700'000 Franken pro Jahr rechnen. Über 300 000 für Spieler in der 3. oder 4. Linie sind keine Ausnahme. Kein Wunder, bringen die Personal­kosten die Clubs in Probleme.

Und kein Wunder, suchen sie überall nach Lösungen. «In Norwegen oder Dänemark gibt es auch gute Spieler», weiss Lüthi, «und die spielen für 60'000 bis 70'000 Franken.» Nicht Stars wie Mark Arcobello sollen also ums Lohnniveau fürchten. Sondern die Mitläufer.

Wobei Lüthi betont: «Es ist jedem Club selbst überlassen, welche Ausländer er holt.» Es gebe einfach neu ­«Ergänzungsausländer». Ein weiteres Wettrüsten befürchtet er nicht: «Sechs Arcobellos könnten wir uns nicht leisten. Dann müsste man eben in Norwegen Mini-Arcobellos holen.»

Wenn es nur zwei Schweizer unter die 20 besten Skorer schaffen

Am erstaunlichsten an dieser Diskussion ist ihr Zeitpunkt. Denn das Nationalteam hat gerade WM-Silber geholt, die Liga den zweithöchsten Zuschauerschnitt der Welt, der ZSC steht vor einem Abo-Rekord, bei Zug wie beim SCB sind die verfügbaren Saisonkarten schon ausverkauft. Derweil bauen sie in Lausanne für 230 Millionen Franken eine neue Arena, in Ambri soll im Oktober der Spatenstich erfolgen. Bei der Vermarktung und Auslastung ist man nahe am Optimum. Aus den TV-Verträgen fliesst so viel Geld wie nie zuvor.

Und was tun die Clubs? Sie geben es aus für sportlichen Ruhm – wie immer. Das war vor zwei Jahren so, als es pro Club noch 1,1 Millionen weniger Fernsehgeld gab. Das war vor elf Jahren so, als in der NLA noch fünf Ausländer erlaubt waren und niemand «Ergänzungsausländer» sagte. Dafür schafften es 2006/07 bloss zwei Einheimische in die Top 20 der Skorerliste, elf in die Top 50. Wurde die wichtige Center-Position ebenso mit Ausländern besetzt wie Schlüsselpositionen im Powerplay.

«Es geht zulasten der Förderung junger Schweizer»

Sportchefs und Trainer handeln so, weil der eigene Job auf dem Spiel steht – und mehr. Zuletzt zahlte der EHC Kloten teuer fürs Risiko, aus Kostengründen mit weniger Ausländern ­gestartet zu sein. Er musste zwei dazukaufen, wechselte zweimal den Trainer sowie den Sportchef, stieg ab, schrieb 2,4 Millionen Franken Betriebsverlust.

Kein Wunder, gehen die Transferchefs auf Nummer sicher ­– man kann es sich ja leisten. 14 neue Ausländer kamen im Sommer: Sie waren Weltmeister, in der NHL, College-Stars. Und sie sind im Schnitt schon 31-jährig. Fürs Label «Ergänzungsausländer» taugt keiner.

Schon gar nicht finanziell: Nach Steuern und Sonderleistungen kann man den Nettolohn eines Ausländers mit ­Faktor 2 bis 2,4 multiplizieren – je nach Kanton. Selbst ein 70'000-Franken-­Däne kostet dann schnell 170'000 Franken – und «ob er besser ist als ein Schweizer, ist gar nicht sicher», so Daniel Giger. Der Spieleragent aus Zug glaubt nicht, dass eine Erhöhung des Kontingents sich negativ aufs Geschäft auswirken würde, zumal seine Agentur auch Ausländer vertritt. «Ich würde es trotzdem nicht machen», betont er, «es geht zulasten der Förderung junger Schweizer.»

Die gleiche Meinung vertritt Raeto ­Raffainer. «Aus wirtschaftlicher Sicht habe ich absolut Verständnis, dass die Clubs sich Gedanken machen», sagt der Chef der Nationalteams. «Aber aus unserer Sicht hoffe ich, dass die Änderung nicht kommt.» Das neue Förderprogramm für künftige Nationalspieler sei darauf angewiesen, dass diese in der Liga eine gewisse Rolle und Wichtigkeit haben – gerade bei den Centern habe man international noch immer Rückstand. «Vier Ausländer ist die für uns richtige Zahl», so Raffainer.

Der Meinungswandel, als plötzlich YB Berns Erfolgsclub war

Und Lüthi? Vielleicht ist es Zufall, dass sein Meinungswandel just auf jenen Sommer fiel, in dem der SCB erstmals seit drei Jahren nicht Meister war. In dem er seinen Nationalgoalie an Zug verlor, eine laue Transferkampagne erlebte und erkennen musste, dass der Geldsegen im Eishockey der Konkurrenz im Verhältnis mehr nützt als seinem Vorzeigeunternehmen. Und in dem er von YB in der eigenen Stadt als grösste Erfolgsgeschichte abgelöst wurde.

Ein Gespenst geht um in Europa: So beginnt das «Kommunistische Manifest». 170 Jahre alt ist diese gesellschaftliche Utopie ­– und ihre Umsetzung scheiterte stets daran, dass die Menschen sich nicht an die Theorie hielten. Ob also Alex Chatelain die Utopie seines Chefs teilt? «Für ihn bedeutet das eine Chance, sich als Sportchef zu beweisen», glaubt Lüthi.

Eben doch. Am Ende geht es halt um den Erfolg. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.09.2018, 11:24 Uhr

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