Bitte einen mit Herz, Hirn und Humor

Wie ist es, nach zwei Jahrzehnten wieder zu daten? Erfahrungen aus dem Singlemarkt.

Partnerwahl: «Der Mann muss grösser sein als ich. Blöd nur, sind viele interessante Männer klein» Foto: Getty Images

Partnerwahl: «Der Mann muss grösser sein als ich. Blöd nur, sind viele interessante Männer klein» Foto: Getty Images

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Da bin ich also wieder. Auf dem Markt. Das letzte Mal war ich vor knapp 20 Jahren Single – und fand es ziemlich cool. Allerdings war ich da zarte 25. Heute schleppe ich die Lebenserfahrung einer 45-Jährigen mit mir herum, ich bin alles andere als pflegeleicht, habe obendrauf Falten im Gesicht und Arthrose in den Zehen. Klingt nach einem Ladenhüter? Das dachte ich auch. Bis ich zu daten anfing und herausfand: Der Singlemarkt ist so gross, dass meine Chancen verblüffend intakt sind.

Betrachtet man die offiziellen Zahlen, gibt es keinen besseren Zeitpunkt, um die Weichen neu zu stellen: Die meisten Männer lassen sich in der Schweiz zwischen 42 und 52 Jahren scheiden. Und man findet sie erst noch bequem vom Sofa aus – via Internet. Vor einigen Jahren noch superpeinlich, sind Onlineplattformen heute die gängigste Datingart. So weit die gute Nachricht.

Die weniger gute: Die meisten Männer haben – wie ich – überhaupt keinen Plan, was denn jetzt noch kommen soll. Nochmals dasselbe in Blond? Oder lieber etwas Unkonventionelles? Vielleicht gar keine Beziehung mehr? Im Prinzip sind wir völlig hilflos. Ich kann gerade mal knapp formulieren, dass ich die «drei H» suche. Herz, Hirn, Humor. Oder so.

Weil so viel Ahnungslosigkeit aber demütigend ist, behaupten die meisten einfach, dass sie sich erst einmal entspannt umsehen wollen. Das klingt bei Männern etwa so: Ich bin eher leichtfüssig unterwegs (heisst: Ich will Sex). Ich bin an spannenden Begegnungen interessiert (heisst: Ich habe meine Ex noch nicht verdaut). Alles ist möglich, wenns stimmt (heisst: Ich will Sex und spannende Begegnungen, verspreche aber gar nichts).

Mit dieser Unverbindlichkeit, hinter der oft nichts anderes als die eigene Ratlosigkeit und die Angst vor Enttäuschung stecken, musste ich erst umzugehen lernen. In meiner langen, emotional stabilen Beziehung hatte ich vergessen, dass Gefühle unberechenbar sind und wie zermürbend es ist, den Launen von Wankelmütigen ausgesetzt zu sein.

Früher nannte man diesen orientierungslosen Zustand Midlife-Crisis. Heute spricht die Forschung von einer zweiten Pubertät. Und genau so fühlt es sich an. Man gönnt sich die Freiheit, keine wegweisenden Entscheidungen zu treffen. Einfach ein bisschen daten, die verbleibenden Möglichkeiten abchecken, neue Eindrücke sammeln, sexuelle Bedürfnisse aus­leben, im Grunde an sich selber wachsen, bevor einen das Leben notgedrungen wieder zum Ernstsein zwingt.

Das Experiment Polyamorie ist momentan sehr populär

Von aussen betrachtet mag die zweite Pubertät verlockend klingen – und manchmal ist sie es tatsächlich. Etwa, wenn mir ein Date in den frühen Morgenstunden Dinge anvertraut, die er sonst niemandem erzählt. Aus zwei Fremden werden unverhofft Verbündete – das ist Intimität intravenös. Oder wenn ich Männer treffe, die mir Welten näherbringen, die ich nur vom Hörensagen kenne, wie Tantra (amüsant) oder Hundeausstellungen (noch amüsanter). Manchmal ist es sogar aufregend, mit jemandem zu kochen und so zu tun, als wären wir ein ganz normales Paar. In solchen Momenten scheint die Leichtigkeit des Seins zum Greifen nahe.

Doch Dating ist meist prosaischer. Und genauso anstrengend wie vieles sonst im Leben. Ein Beispiel? Manche Männer wollen sich nach der gescheiterten Ehe neu erfinden. Sehr beliebt ist momentan das Experiment Polyamorie: Man führt mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig, über die alle Beteiligten informiert sind. Warum nicht, denke ich mir, das passt ganz gut in meine Selbstfindungsphase. Doch ein paar Wochen später teilt Mann mir mit: Du, ich habe mich jetzt doch «richtig» verliebt. Nein, nicht in dich. Aber die Zeit mit dir (und den zwei anderen) war «enorm bereichernd». Danke.

Dilettantisches Bluffen ist genauso schlimm wie jammern

Solche Missgriffe sind nicht die Ausnahme, sondern Teil des Selbstfindungsprozesses. Am Anfang tun sie weh – und ich hatte eine Phase, in der ich am liebsten wieder nur auf dem Sofa sitzen und die Heizung anstarren wollte. Inzwischen weiss ich: Der Nächste kommt bestimmt. Die Auswahl im Internet versiegt nie. Der «Richtige» kann jeden Tag auf meinem Bildschirm aufpoppen. Ein Trugschluss, ich weiss, aber er hilft, besonders nach mühsamen Dates.

Zu dieser Kategorie zähle ich all jene, die beim ersten Treffen hemmungslos jammern, am liebsten über die böse Ex. Vielleicht gibt es Frauen, die das authentisch, ja herzzerreissend finden. Ich nicht. Das Leben ist unfair, ja. Und man soll sich darüber beklagen. Aber bitte mit Freunden. Ich bin weder Psychologin noch Mutter Teresa. Ich will mich austauschen und nicht bloss trösten. Jammern beim ersten Date, liebe Männer, ist furchtbar unsexy. Und mindestens so abtörnend wie dilettantisches Bluffen.

Ja, die Liebe bleibt auch mit 45 ein elendes Glücksspiel. In der Regel geht man leer aus. Immerhin, die Rahmenbedingungen sind komfortabler geworden: Viele von uns haben sexuell dazugelernt, die Restaurants sind gehobener, und statt Bier gibts Wein. Nur mit dem Schönerwohnen tun sich Männer nach wie vor schwer.

Oft finde ich mich in Bubenzimmern wieder mit scheinbar wahllos zusammengewürfelten Möbeln aus mehreren Lebensabschnitten. Klar, viele Geschiedene müssen zwei Haushalte finanzieren und können sich nichts Schickes leisten, dachte ich erst. Aber die Wohnungen von Kinderlosen sehen genau gleich aus. Warum das so ist, konnte mir bisher keiner erklären. Natürlich wähle ich Partner nicht nach ihrer Wohnung aus. Aber ich beobachte – und amüsiere mich manchmal.

Auch über mich selbst. Kürzlich habe ich festgestellt, dass ich in einem Punkt beschämend konservativ bin: Der Mann muss grösser sein als ich ohne (175 cm) und mit Absätzen (180 cm). Blöd nur, sind viele interessante Männer klein. In all den Beziehungsjahren ist mir das nie aufgefallen. Männer waren je nachdem einfach spannende Menschen. Doch jetzt sind sie wieder potenzielle Sexualpartner, und ich muss mir eingestehen: Das Weibchen in mir braucht ein starkes Männchen. Uncool, ich weiss. Aber ich arbeite daran. Ich habe sogar das Gefühl, wenn ich mein Weibchen überlisten kann, komme ich dem Erwachsensein wieder etwas näher.

Erstellt: 20.04.2018, 17:39 Uhr

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